Washington - Es sind verstörende Bilder: Polizisten stehen mit gezogenen Waffen in der Nähe einer verbarrikadierten Tür. Von außen haben Demonstranten bereits die Glasscheiben der Tür zerschlagen und versuchen offenbar in den Situngssaal im Kapitol, ins Herz der amerikanischen Demokratie, einzubrechen. Dort sollte an diesem Tag die Wahl des neuen US-Präsidenten Joe Biden offiziell bestätigt werden. Stattdessen belagern Demonstranten stundenlang das Gebäude und erzwingen die Unterbrechung der Sitzungen

Am Telefon des Nachrichtensenders CNN versucht der Abgeordnete Mike Gallagher aus Wisconsin, ein Republikaner, auf den noch amtierenden US-Präsidenten Donald Trump einzuwirken. „Es ist das erste Mal, dass ich ihn auffordere zu twittern“, sagt Gallagher und dann an Trump gewandt: „Call it off! The Election is over!“ Zu deutsch: „Rufen Sie das zurück, die Wahl ist vorbei.“ Der Senator aus Illinois, Adam Kinzinger, ebenfalls ein Repubikaner, sagt dem Fernsehsender, dass er seit Wochen vor etwas gewarnt hat. Er beschuldigt Trump, dass er seinen Anhängern falsche Hoffnungen gemacht und bis zum heutige Tag suggeriert habe, die Wahl könne noch gewonnen werden.

Es ist kurz nach 15 Uhr Ortszeit und es sieht danach aus, als sollte die unrühmliche Präsidentschaft von Trump mit einer nationalen Tragödie zu Ende gehen.

Trump hat die Tausenden von Demonstranten, die aus dem ganzen Land in die Hauptstadt gereist sind, zuvor selbst angestachelt. Er stellte sich vor die Menge und rief seinen Vize-Präsidenten Mike Pence dazu auf, die Bestätigung der Präsidentenwahl zu beenden. Dann fordert er seine Anhänger dazu auf, zum Kapitol zu ziehen, in dem beide Kammern, Senat und Repräsentantenhaus, tagen. Sie sollten sich den „Diebstahl“ der Wahl nicht gefallen lassen.

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Trump-Anhänger versammeln sich vor dem Kapitol. 

Die Protestierer lassen sich nicht lange bitten. Mit Amerikafahnen und Transparenten ziehen sie zum Capitol. Zunächst besetzen sie dort die Treppe zum Capitol. Als die ersten Protestierer ins Foyer eindringen, wirkt es so, als könnten sie selbst kaum glauben, dass man sie eingelassen hat. CNN meldet zur gleichen Zeit, dass die Capitol-Polizei Unterstützung angefordert hat. Die Demonstranten laufen im Inneren des Gebäudes zunächst ordentlich zwischen den roten Kordeln, die die Wege begrenzen. Doch die Lage kippt schnell. So jedenfalls sieht es für die Fernsehzuschauer aus. Schon wenig später ist das Splittern von Fensterscheiben zu hören. Die Sitzungen beider Kammer sind zu diesem Zeitpunkt bereits unterbrochen.

Wie weit die Demonstranten in das Gebäude eindringen und ob es zu Gewalttätigkeiten kommt, ist nicht auszumachen. Aber es gibt Fotos aus dem Inneren, die einen fast leeren Sitzungsraum zeigen, in dem sich zwei Männer hinter Sesseln ducken. Wenig später tummeln sich Trump-Anhänger mit Fahnen um die Schulter im Sitzungssaal des Senates. Dann ist von einer verletzten Frau die Rede. Sie soll einen Schuss in den Oberkörper bekommen haben. Wer sie ist, wer geschossen hat und wie es ihr geht, ist zunächst nicht zu erfahren.

An den Außenfassade des Kapitols sind Demonstranten zu sehen, die sich die Stockwerke hinaufhangeln, bis hinauf aufs Dach. Viele tragen Helme oder Gasmasken, einige sind bewaffnet. Und dann kommt es zu Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften. Medien berichten von mehreren verletzten Polizeibeamten. Die designierte Vizepräsidentin Kamala Harris und die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, seien an einen unbekannten Ort in Sicherheit gebracht worden, heißt es. In Pelosis Büro lässt sich wenig später ein Trump-Anhänger mit den Beinen auf dem Schreibtisch fotografieren. Auf ihrem Schreibtisch hinterließ er einen Zettel, auf dem Stand: „Wir werden nicht zurückweichen.“

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Washington: Trump-Anhänger versuchen am Kapitol durch eine Polizeiabsperrung zu brechen. 

Dessen ungeachtet sah es aber wenig später so aus, als hätten die Sicherheitskräfte die Situation in den Griff bekommen – zumindest an einigen Stellen wirkte es so als seinen die Eindringlinge zurückgedrängt. Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe blieb die Lage jedoch unübersichtlich.

In Delaware meldet sich Joe Biden zu Wort. Er wirkt sichtlich mitgenommen. Er spricht von einem dunklen Moment für die Demokratie in Amerika. Die nächsten vier Jahre müsse alles versucht werden, um Anständigkeit und gegenseitigen Respekt zurückzugewinnen. Die Gewalt müsse enden. Donald Trump veröffentlicht einen Tweet, in dem er seine Anhänger bittet, friedlich zu bleiben. „Wir sind die Partei von Recht und Ordnung“, schreibt er. Sie sollten nach Hause gehen. Zu diesem Zeitpunkt ist unklar, ob er bei den Protestlern Gehör findet. Sie weichen zunächst nicht vom Capitol Hill. In ganz Washington hört man die schrillen Töne von Polizeisirenen. 

Eine Frau, die nach dem Eindringen in das Kapitol angeschossen wurde, ist gestorben. Eine Polizeisprecherin bestätigte der Deutschen Presse-Agentur am Mittwochabend (Ortszeit) den Tod der Frau. Die genauen Hintergründe waren zunächst unklar.