Amnesty-Bericht: Weniger Hinrichtungen, aber mehr Todesurteile

Obwohl die Welt gerade einen so grausigen Eindruck macht, gibt es auch positive Entwicklungen für die Einhaltung der Menschenrechte. Laut der neuen Jahresstatistik von Amnesty International zählt die Zahl der Hinrichtungen dazu.

Hinrichtungen weltweit auf dem Rückzug

Seit zehn Jahren fordert die Generalversammlung der Vereinten Nationen, Hinrichtungen zumindest auszusetzen. Wie aus dem neuen Amnesty-Bericht hervorgeht, folgen die meisten Nationen dem inzwischen – selbst dort, wo das Gesetz die Todesstrafe noch vorsieht. So ist die Zahl der Hinrichtungen im vergangenen Jahr um mehr als ein Drittel auf 1031 Fälle gesunken, exekutiert in 23 Ländern. Mehr noch: Zieht man die Fälle im Iran (mindestens 567), Saudi-Arabien (154), Irak (88) und Pakistan (87) ab, so sind für die restlichen Staaten noch 135 Fälle zu verzeichnen – kaum einer von zehn. Tatsächlich ist der globale Rückgang von Vollstreckungen um 37 Prozent gegenüber 2015 vor allem damit zu erklären, dass in Iran und Pakistan weniger Verurteilte gehenkt wurden als im Vorjahr. Allerdings bleibt China bei dieser Rechnung ganz ausgeklammert, da das Regime jede Information zur Todesstrafe unter Verschluss hält. Amnesty geht davon aus, dass das Land auch 2016 Tausende Menschen hinrichtete – mehr als der Rest der Welt zusammen.

Große Mehrheit streicht Todesstrafe aus dem Gesetz

Inzwischen hat die überwiegende Mehrheit der internationalen Gemeinschaft die Todesstrafe abgeschafft: In 141 Staaten gibt es sie in Gesetz und Praxis nicht mehr. Vorgesehen ist die Todesstrafe, wo es sie noch gibt, meist für besonders schwere Verbrechen wie Mord oder Hochverrat. In einigen Ländern können auch Diebstahl, Drogenhandel, Ehebruch oder Abfall vom Glauben mit dem Tod bestraft werden. Ein ständiges Ärgernis aus europäischer Sicht ist dabei, dass ausgerechnet die verbündeten USA darunter sind.

Weniger Todesurteile

Auch in Staaten, die an der Strafe im Gesetzestext festhalten, gibt es positive Bewegung. So ist die Zahl der Länder, in denen 2016 auf die Möglichkeit zurückgegriffen wurde, Todesurteile zu sprechen, im Vergleich zum Vorjahr von 61 auf 55 gesunken. Zu den Ländern mit sinkenden Fallzahlen zählen auch die Vereinigten Staaten: Zum ersten Mal seit 2006 sind die USA nicht unter den fünf Staaten mit den meisten Hinrichtungen.

Wo es die Todesstrafe noch gibt, wird sie öfter verhängt

In der Gesamtsicht gibt es auch eine beunruhigende Entwicklung: Während 2016 weniger Menschen hingerichtet wurden, stieg die Gesamtzahl der verhängten Todesurteile massiv an: Schätzte Amnesty International die Summe im Jahr 2015 noch auf rund 2000 Fälle, so gehen sie für das vorige Jahr nun von 3117 ausgesprochenen Verurteilungen zum Tod aus. Das spricht dafür, dass die wenigen Länder, die an der Praxis festhalten, einerseits häufiger dazu greifen, andererseits in der Umsetzung kaum nachkommen. In Nigeria etwa hat sich die Zahl der Urteile mehr als verdreifacht.