Nichts ist sicher, nur die gespenstische Debatte um die Sicherheit, die unvermeidlich nach jedem aufsehenerregenden Verbrechen den öffentlichen Raum kontaminiert.

Nachdem klar ist, dass in München kein Terroranschlag stattgefunden hat, nachdem klar ist, dass keine islamistischen Mordschützen neun Menschen getötet haben, sondern ein verwirrter Amokläufer Rache an der Welt und an der Menschheit genommen hat, nachdem auch klar ist, dass die Polizei vorbildlich gearbeitet und alles Menschenmögliche getan hat, um den Täter so schnell wie möglich auszuschalten, nachdem das alles klar ist, verlangt der bayerische Innenminister, dass „wir in extremen Situationen“ wie Terroranschlägen „auch in Deutschland auf die Bundeswehr zugreifen können“.

Darüber lässt sich natürlich immer reden, nur nicht ausgerechnet nach einem Massenmord wie in München, der eben  kein Terroranschlag war, nur nicht nach einem Einsatz, in dem die Polizei bewiesen hat, dass sie ihre Arbeit ausgezeichnet ohne die Bundeswehr erledigen kann,  und nicht nach einem Verbrechen – wie auch vor einigen Tagen im Zug in Würzburg –, das weder Polizisten noch Soldaten hätten verhindern können. 

Nicht nur der Anlass, über den Bundeswehreinsatz im Inland zu reden, ist falsch, eine einzigartige historische Verzerrung ist auch die Begründung, die der bayerische Minister seiner Forderung gibt: „Wir leben nicht in Zeiten der Weimarer Republik. Wir haben eine absolut stabile Demokratie.“ Offenbar ist der Gedanke, dass die Stabilität der deutschen Demokratie sich auch dem Umstand verdankt, dass – anders als in der Weimarer Republik – der Staat auf den Einsatz der Armee verzichtet, zu naheliegend, um von dem Minister gefasst zu werden.

Nichts ist sicher, aber die Diskussion um eine Verschärfung des Waffenrechts ist  nach jedem Amoklauf garantiert. Nachdem im Jahr 2009 ein 17-Jähriger mit einer von seinem Vater – einem Sportschützen – legal erworbenen Pistole an einer Schule in Winnenden fünfzehn andere Menschen und zuletzt sich selbst erschossen hatte, beschloss der Gesetzgeber eine  Verschärfung: Seitdem müssen Waffenbesitzer mit verdachtsunabhängigen Kontrollen rechnen, bei vorschriftswidriger Verwahrung der Waffen drohen härtere Strafen.  Nach den Morden in München kursieren, heißt es, in der Bundesregierung Überlegungen, das Waffenrecht erneut zu verschärfen. Soweit bisher bekannt, hatte sich der Amokläufer die  Pistole illegal  im Darknet besorgt. Kein Gesetz kann verhindern, dass sich ein zur Tat bedingungslos entschlossener Mensch eine Waffe besorgt, wenn keine Pistole, dann eine Axt, wenn keine Axt, dann eben ein Messer. 

„Die Waffenkontrolle ist ein wichtiger Punkt. Wir müssen weiter alles tun, um den Zugang zu tödlichen Waffen zu begrenzen und streng zu kontrollieren“, sagt der Vize-Kanzler  Sigmar Gabriel, und niemand wird ihm widersprechen. Aber richtig ist eben auch, dass erstens  eine absolut zuverlässige Kontrolle unmöglich ist, zumindest so lange der Privatbesitz von Schusswaffen nicht verboten ist – eine Forderung, die  von Innenpolitikern noch nicht diskutiert worden ist. Zweitens hat das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber vor Jahren bescheinigt, im Waffenrecht seine Verpflichtung, das Recht auf Leben hinreichend zu schützen, erfüllt zu haben. Wenn schon Karlsruhe keine weitere Beschränkung im Waffenrecht verlangt, dann wird es auch  der Bundestag – angesichts einer ebenso rührigen wie einflussreichen Lobby – bestimmt nicht tun.

Fällt Politik und Gesellschaft wirklich keine andere Antwort auf das Verbrechen in München ein als eine evident sinnlose Debatte über die innere Sicherheit? Über den Täter, den 18 Jahre alten David S.,  ist nicht viel bekannt, doch weiß man, dass er an Depressionen litt und über Mobbing klagte. Hat ihn jemand gehört? Haben seine Lehrer, seine Mitschüler, seine Eltern und Freunde ihn wahrgenommen, seine Wut, seine wachsende Gewaltbereitschaft? Hat niemand sein Interesse an Literatur und Zeitungsberichten über Amokläufe  bemerkt, seine Planung der Tat über ein ganzes Jahr?

Kein Amoklauf ist spontan, die Wut, die ihn auslöst, hat eine Geschichte, die mit der Tat erst endet. Es gibt keine hundertprozentige Prävention, aber es gibt Anzeichen, die die Umgebung erkennen kann – sofern sie sie überhaupt zur Kenntnis nimmt. Das setzt voraus, dass sie zu  schenken bereit ist, was jeder Einzelne am dringendsten benötigt: Aufmerksamkeit. David S. hat sie wohl nicht bekommen. Ärzte attestierten ihm eine „Aufmerksamkeitsdefizitstörung“.