Amoklauf in München: „Es geht immer um Aufmerksamkeit“

München/Winnenden - Gisela Mayer verlor beim Amoklauf in Winnenden 2009 eine Tochter. Heute ist sie Vorstandsvorsitzende der Stiftung gegen Gewalt an Schulen/Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden und spricht hier über den Amoklauf von München.

Frau Mayer, was in München geschehen ist, war offenbar ein reiner Amoklauf. Haben Sie damit als Ergebnis gerechnet?

Ich hätte Ihnen nicht sagen können, dass das ausgerechnet in München der Fall sein wird. Aber ich habe damit gerechnet, dass so etwas passiert. Und nun ist es passiert. Das resultiert auch nicht aus meiner alleinigen Vorstellung, sondern aus der steten Rücksprache mit Kriminologen.

Warum haben Sie damit gerechnet?

Ich habe damit gerechnet, dass es nach Erfurt und Winnenden mal wieder einen Amoklauf geben wird und dass sich der Tatort nicht unbedingt auf Schule beschränkt.

Wieso das?

Ich bin im Beirat eines Internationalen Forschungsprojekts in Berlin. Da wurden Amoktaten untersucht. Und es haben sich einige Faktoren ergeben, die letzten Endes genau darauf hinweisen, dass es ein bestimmtes Klientel von Tätern gibt, die nach ganz bestimmten Schemata vorgehen. So konnte man absehen, dass sich solche Taten wie in Winnenden wiederholen, dass aber der Kontext gewechselt werden wird.

Weil es mehr Aufmerksamkeit sichert? Oder warum?

Ja. Es geht bei Amok immer um die größtmögliche mediale Aufmerksamkeit. Und die ist da natürlich gegeben. Das hat in München ja auch geklappt.

Worin sehen Sie die tiefere Ursache dafür? Und spielt es eine Rolle, dass der Täter diesmal einen Migrationshintergrund hatte?

Nein, in diesem Fall nicht. Es spielt bei anderen Terrorakten durchaus eine Rolle. In diesem Fall sehe ich das nicht so.

In diesem Fall sehe ich definitiv eine Amoktat und letzten Endes einen ganz tief liegenden Hass gegen diese Gesellschaft, der keine definitive Begründung hat. Das heißt, das sind nicht unbedingt Menschen, die gekränkt wurden, aber Menschen, die sich gekränkt gefühlt haben.

Da gibt es auch immer ein Moment von Psychopathologie. Das sind immer sehr auffällige Charakterstrukturen. Im Übrigen bezieht sich der Täter auch auf Winnenden. Und das ist für Amok ebenfalls charakteristisch: dass Vorbilder gewählt werden.

Den Effekt gab es ganz stark bei Columbine. Und jetzt höre ich in diesem Zusammenhang das erste Mal den Namen Winnenden. Ich möchte aber nicht, dass Winnenden ein zweites Columbine wird und Nachahmungstäter findet.

Seit dem Attentat von Würzburg ist von fließenden Übergängen zwischen Amoklauf und Terrorakt die Rede. Sehen Sie das auch?

Von außen betrachtet sind die Übergänge fließend. In der Motivationslage kann man das durchaus unterscheiden.

Denn dem Amoktäter geht es wie gesagt ganz stark um das Moment der Aufmerksamkeit – ganz unabhängig von politischen Überzeugungen.

Und vergessen Sie nicht, dass der 22. Juli der fünfte Jahrestag der Amoktat von Anders Breivik in Norwegen war. Amoktäter wählen gerne Daten und bedienen sich immer auch bestimmter Vorbilder.

Aber Breivik hat eine politische Motivation angegeben.

Er hat sie als solche ausgegeben. Doch auch bei Breivik gibt es einen psychopathologischen Hintergrund.

Es ging um die größtmögliche Aufmerksamkeit und die Verbreitung seines Manifestes. Er wollte nicht definitiv politische Ziele verwirklichen. Darum ging es ihm nicht.

Eine Parallele zwischen Terroristen und Amokläufern existiert: In beiden Fällen liegt ein Mangel an sozialer Integration vor.

Mit Sicherheit ja. Aber dieser Mangel an sozialer Integration ist durchaus mitverursacht durch den Täter. Es ist nicht ausschließlich ein Versagen der Gesellschaft und des Umfeldes, das den Täter ablehnt. Sondern das ist durchaus vom Täter so gewollt.

Sie meinen, er isoliert sich selbst und handelt dann aus dieser Isolation heraus?

Richtig. Signifikant für alle Amokläufer ist eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur, das heißt eine erhöhte Kränkbarkeit. Ganz normale Zurückweisungen, wie wir sie als Durchschnittsbürger jeden Tag in irgendwelchen Kontexten erfahren, verursachen bei Menschen dieser Art eine tiefsitzende Kränkung. Sie verursachen Hass und Rachefühle und legitimieren dann für den Täter die Tat.

Welche Lehren Sie daraus?

Meine Empfehlung wäre die, dass wir unsere Erkenntnisse denen zugänglich machen, die sie angehen – also all denen, die mit Prävention zu tun haben. Denn auch das ist ein Ergebnis: Taten wie diese werden über einen längeren Zeitraum vorbereitet. Und es gibt Warnsignale. Man muss sie nur erkennen können.

Im Zimmer des Täters wurde das Buch gefunden: „Amok im Kopf. Warum Schüler töten.“ Kennen Sie das?

Ja. Das ist typische Literatur für die Vorbereitungsphase.

Das heißt, Bücher, die dazu dienen sollen, aufzuklären, dienen den Tätern als Anleitungsliteratur?

Genauso ist es. Ein potenzieller Täter liest diese Bücher anders und nimmt sich die Täter als Heroen, denen er nacheifern möchte. Wie gesagt, es geht in einer ganz pervertierten Weise gerade um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft, die man angreift. Das ist in München hervorragend gelungen.

Fördert das Terrorklima, das wir im Moment haben, die Gefahr von Amokläufen?

Ich denke ja, weil es die Gedankenspiele potenzieller Amokläufer aktiviert.

Muss also mit weiteren Amokläufen in nächster Zeit gerechnet werden?

Ich sage Ihnen ungern ja.

Das Gespräch führte Markus Decker