Als Amram Lichtenstein seine zweiten Eltern traf, hatte er seine ersten fast verloren. Es war bei einem Abendessen bei der Schriftstellerin Lizzie Doron in Tel Aviv. Sie hatte Freunde und politische Aktivisten eingeladen und drei junge Leute, die als „Aussteiger“ vorgestellt wurden. Sie waren jünger und blasser als die anderen Gäste, die Männer trugen weiße Hemden, schwarze Hosen, die Frau ein langärmeliges Kleid und ein Tuch um den Kopf.

Nacheinander standen die Aussteiger auf und berichteten von ihren Leben in der ultraorthodoxen Welt. Amram war einer von ihnen. Er kam aus Jerusalem, war der Enkelsohn eines berühmten Rabbiners und erzählte den Gästen erstaunlich ausführlich von seiner Hochzeitsnacht. Er hatte seine Frau vor der Hochzeit genau einmal gesehen, sagte er, vierzig Minuten lang, zum Kennenlerngespräch. Anschließend hatten seine Eltern einen Vertrag unterschrieben und er vom rabbinischen Hochzeitslehrer Instruktionen bekommen, wie man mit einer Frau schläft, wie Sex funktioniert.

„Amram stand da in Lizzies Wohnzimmer und sagte vor versammelter Mannschaft, dass seine Hochzeitsnacht eine Mischung aus einem Desaster und einer Vergewaltigung war“, sagt Niv Ahituv, immer noch berührt von der Offenheit und Hilflosigkeit des jungen Mannes, den er nie zuvor gesehen hatte.

Der Beginn eines neuen Kapitels

Ahituv, Wirtschaftsprofessor an der Universität Tel Aviv, war an diesem Abend mit seiner Frau Nurit da, einer Richterin. Als der offizielle Teil vorbei war, ging er zu ihm, stellte sich vor und sagte, er würde ihm gerne helfen, ob er Lust habe, nächsten Sonnabend zum Sabbat-Essen zu ihnen zu kommen. Amram nickte, ließ sich die Adresse geben, überzeugt davon, sowieso nicht lebend im Haus dieses freundlichen Mannes anzukommen.

Am Sabbat fahren in Israel keine Busse oder Bahnen. Amram musste mit dem Auto fahren, nach den Gesetzen der Ultraorthodoxen gehört das zu den schlimmsten Vergehen, die man begehen kann. „Ich war sicher, auf der Stelle vom Blitz getroffen zu werden“, sagt Amram.

Eine Woche später stand er schweißgebadet vor dem Haus der Familie Ahituv. Es war Sabbat. Er war Auto gefahren. Er lebte. Aus heutiger Sicht kann man sagen, es war der Beginn eines neuen Kapitels in dem unglaublichen Leben des jungen Amram Lichtenstein, der seinen Glauben verlor.

Er ist 34 Jahre alt, hat schmale Schultern, trägt Jeans, Turnschuhe, eine schwarz gerahmte Ray-Ban-Brille und ein T-Shirt, auf dem das Planetensystem abgebildet ist. Schwarzes Weltall, weiße Sterne. Seine Haare sind rötlich, sein Bart ist lang. Man könnte ihn für einen Tel Aviver Hipster halten, erst beim genaueren Hinsehen sieht man die langen Strähnen an seinen Schläfen. Er hat sie sich hinter die Ohren geklemmt.

Äußerlich sind die Strähnen das Letzte, was er aus seiner alten Welt behalten hat. Innerlich sieht es anders aus. Das merkt man daran, wie seine Stimme manchmal zittert, wenn er über sein Leben erzählt, wie er rot wird, wenn er in seinem Bericht an Stellen kommt, die ihm unangenehm sind. Noch heute.

Mit zwölf Geschwistern in Jerusalem

Seine Familie – osteuropäische Chassiden – lebt seit neun Generationen in Israel. Sein Großvater, der Rabbiner, war Mitbegründer der Neturei Karta, einer extremistischen Vereinigung, die den Zionismus und den Staat Israel ablehnt. Ihre Mitglieder berufen sich auf die Thora, in der steht, dass erst nach Ankunft des Messias ein jüdischer Staat entsteht, durch göttliche Fügung.

Amram Lichtenstein wuchs mit zwölf Geschwistern in Jerusalem auf und ging auf die Jeschiwa, eine Bibelschule, las zwölf Stunden am Tag religiöse Texte, er sollte Rabbiner werden wie sein Großvater. Als er 13 war, kamen ihm Zweifel. Er fragte sich, ob er dieses Leben überhaupt will, ob es das Richtige für ihn ist. Gegenüber seines Elternhauses befand sich eine öffentliche Bibliothek.

Eines Tages sagte er seiner Mutter, er habe in der Jeschiwa zu tun, schlich sich in die Bibliothek und begann, Bücher zu lesen, die für ihn verboten waren, weltliche Bücher. Eins hieß „Verbrannte Streichhölzer“, das weiß er noch. Der Autor hieß Jehoshua Bar-Yosef, war 1912 geboren, siebzig Jahre vor Amram, hatte sich aber offensichtlich ähnliche Fragen gestellt wie er.

So begann sein Doppelleben. Er ging weiter zur Bibelschule, betete mehrmals am Tag, sprach Jiddisch, aß koscher, sah keine Frauen auf der Straße an, schlich sich aber immer öfter in die Bibliothek – und nicht nur dahin. Nicht weit von der Bibelschule befand sich die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem.

Einmal, in der Mittagspause, machte Amram einen Spaziergang und stand plötzlich vor dem Eingang. Der Eintritt war frei. Er ging rein, lief von Raum zu Raum, sah die Bilder aus den Konzentrationslagern und die Filme aus den Ghettos. Er stellte fest, dass Jiddisch so ähnlich wie Deutsch klang und dass es ein Kapitel in der Geschichte seines Volkes gab, von dem er noch nie gehört hatte.

Er fragte seinen Rabbi, wie es sein könne, dass das auserwählte Volk der Juden in Massen ermordet worden war, warum der Messias das zugelassen habe. Der Rabbi antwortete, die Schoah-Opfer hätten sich nicht an die Regeln der Thora gehalten, sie seien selber schuld.

Amram verstand immer weniger, die Welt, in der er lebte, wurde ihm immer fremder. Er hoffte, es sei nur eine Phase und gehe vorbei, wenn er heiraten und Vater werden würde. Er war 17, es war soweit. Ein Heiratsvermittler hatte für ihn eine Liste von Frauen zusammengestellt. Die Treffen fanden im Wohnzimmer statt, nebenan, bei offener Tür, saßen die Eltern. Die erste Frau gefiel ihm nicht, bei der zweiten war er sich nicht sicher, sagt er. Sie war die Enkeltochter eines berühmten Rabbiners aus der Karlin-Dynastie, die im 18. Jahrhundert aus Litauen nach Israel gekommen war. „Sie war hübsch, sie roch gut, aber ich wusste nicht, worüber ich mit ihr reden sollte“, sagt er. „Ich hatte noch nie zuvor mit einer Frau geredet.“

Seine Eltern deuteten sein Zögern als Ja, unterschrieben den Heiratsvertrag, ein halbes Jahr später fand die Hochzeit statt. Seine Frau erzählte ihm später, wie sie sich in diesen Monaten zwischen ihrem ersten Treffen und der Hochzeit einmal zufällig im Bus begegneten. Sie stieg ein, er aus. Sie lächelte ihn an, er sah weg. „Ich habe meine Verlobte nicht erkannt“, sagt er und lacht. Er sitzt in Tel Aviv, während er seine Geschichte erzählt, vor ihm steht ein Glas Wasser. Er rührt es nicht an. Nur rauchen muss er zwischendurch, filterlose Zigaretten. Rauchen war auch in seiner alten Welt erlaubt.

Sich vom Glauben abzuwenden, ist ein Verbrechen

Die Hochzeit brachte keine Erlösung, auch das erste Kind nicht, das zweite und dritte. Das Schlimmste war, dass er mit niemandem reden konnte, sagt er. Beim Freiwilligen Dienst, dem Wehrpflicht-Ersatz für die Orthodoxen in Israel, arbeitete er in einer Klinik für psychisch Kranke. Zu den Patienten gehörten auch Männer, die Zweifel am Glauben hatten. Wie er. Er hatte Angst, in so einer Klinik zu landen. Manchmal tippte er seine Gedanken in sein Handy. Und löschte sie gleich wieder.

Mit 23 hielt er es nicht mehr aus und sagte seiner Frau, dass er aussteigen wolle. Das kannst du nicht machen, rief sie, dann geht die Welt unter. Sie zog sich zurück, nahm Kontakt zu Rabbinern auf, sie rieten ihr, sich scheiden zu lassen. Sie wollte sich nicht scheiden lassen. Sie mochte ihren Mann, sie verstand sogar seine Zweifel und den Reiz des Verbotenen, die Versuchung, ein anderes Leben kennenzulernen.

Amram hatte Glück. Die meisten Aussteiger müssen den Schritt in die neue Welt alleine gehen, verlieren alles, die Eltern, den Ehepartner, die Kinder. Sich vom Glauben abzuwenden, ist ein Verbrechen in der Welt der Chassiden.

Amram und seine Frau begannen mit heimlichen Ausflügen, gaben die Kinder zu den Eltern, fuhren nach Tel Aviv, liefen am Strand entlang, beobachteten die Leute, gingen in eine Bar, sagten der Kellnerin, sie würden gerne das bestellen, was die Gäste am Nebentisch trinken. Es war ein orangenes Getränk mit weißem Schaum obendrauf. Das erste Bier ihres Leben. Es schmeckte bitter und wirkte schnell.

Es war an der Zeit zu gehen

Das Doppelleben war aufregend, aber auch gefährlich. Niemand durfte etwas merken, sie wollten raus, ein neues Leben beginnen, aber noch trauten sie sich nicht. „Es hat noch lange gedauert, bis wir so weit waren“, sagt Amram. „Es war ein Prozess.“ Als der Anruf aus der Schule kam, wusste er, dass es so weit ist. Die Direktorin teilte mit, die Kinder hätten erzählt, dass sie am Sabbat zum Strand gefahren seien. Das stimmte zwar nicht. Niemals, sagt Amram, sei er zu diesem Zeitpunkt am Sabbat Auto gefahren. Niemals hätte er seine Kinder in so eine Situation gebracht. Er kann sich nicht erklären, wie die Schule darauf kam, aber er ist heute noch glücklich über diesen „Tritt“, wie er es nennt. Der Anruf der Direktorin war ein Zeichen, ein Weckruf. Es war Zeit zu gehen.

Noch am selben Tag fand er im Internet eine Wohnung in Petach Tikwa, einer kleinen Stadt nördlich von Tel Aviv. „Wann wollen Sie einziehen“, fragte die Vermieterin. „Morgen“, sagte er. „Das ist zu früh, die Wände müssen noch gestrichen werden.“ – „Das machen wir später.“

Sie packten ihre Sachen zusammen, in der Nacht fuhren sie los. Als sie in ihrem neuen Zuhause angekommen waren, riefen sie ihre Eltern an. Ihre waren wütend, fassungslos, wollten sie und die Kinder sofort abholen, noch heute versuchen sie, sie zu überreden, Amram zu verlassen. Seine waren ratlos. Seine Mutter versucht, ihn zu verstehen, sagt er, mit seinem Vater redet er nicht viel, er hatte nie engen Kontakt zu ihm.

Die ersten Wochen waren die schwierigsten. Sie hatten eine Wohnung, aber wussten nicht, wie es weitergeht, wie man die Kinder in der Schule anmeldet, wie man ein Konto bei der Bank anmeldet, Anträge ausfüllt, nicht einmal Kleidung kaufen konnten sie. Was sie im Internet bestellten, war zu groß und zu weit. Als Amrams Frau sich eine Hose wünschte, ging er zu „Castro“, einer israelischen Modekette, und kaufte ihr eine Hose in der Männerabteilung. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es in der Damenabteilung Hosen gibt, sagt er.

Der Glaube ist eine Therapie

In dieser Zeit, diesen ersten schweren Wochen, traf er Niv und Nurit. Amram erzählt die Geschichte, wie es dazu kam, so stolz, wie Paare von ihrem ersten Rendezvous berichten. Er saß mit einem Freund, einem anderen Aussteiger, zu Pessach, dem jüdischen Osterfest, in einem Restaurant in Tel Aviv. Sie hatten ihre Hüte abgenommen und die schwarzen Mäntel ausgezogen, trugen aber noch Bart und Schläfenlocken und sprachen Jiddisch miteinander. Eine Frau kam an ihren Tisch und fragte, wie es komme, dass Strenggläubige wie sie Gesäuertes zu Pessach essen würden. Wir sind Aussteiger, sagte Amram.

Die Frau fragte ihn, ob er Lust habe, seine Geschichte zu erzählen. Er hatte. So landete er bei Lizzie Doron, der Schriftstellerin und politischen Aktivistin, die sich für Palästinenserrechte einsetzt, aber auch für Hillel, eine Organisation, die religiösen Aussteigern hilft. Die Einladung war eine freundliche Geste, aber auch der Versuch, einen Mentor für Amram zu finden, ein Blind Date, wenn man so will, so ähnlich wie das vom Heiratsvermittler arrangierte Treffen Amrams mit seiner künftigen Frau. Es funktionierte, auch diesmal. Ein paar Tage später stieg Amram Lichtenstein das erste Mal in seinem Leben am Sabbat ins Auto und stieg nach einer Höllenfahrt wohlbehalten vor dem Haus von Niv und Nurit Ahituv wieder aus.

Es ist ein großes, helles Haus am Rand von Tel Aviv, direkt neben einem wilden Park. Wenn man an einem schwülen Sommertag unter dem Ventilator auf der Terrasse sitzt, zwischen Palmen und Kakteen, fühlt man sich wie im Dschungel. Amram sagt, er hatte noch nie so ein schönes Haus gesehen.

Nurit und Niv Ahituv wuchsen in den Fünfzigern in Tel Aviv auf, studierten, gingen ins Ausland, bekamen Kinder, machten Karriere, sie im Gericht, er an der Universität. Von den Ultraorthodoxen wussten sie nicht viel. Niv, der Wirtschaftsprofessor, hat einen Cousin, der Drogen nahm, bevor er streng gläubig wurde. Der Glaube ist seine Therapie.

Nurit, die Richterin, erinnert sich an einen Nachbarschaftsstreit, der vor Gericht verhandelt wurde. Eine Familie beschwerte sich über einen Rabbi, der seine Wohnung als Synagoge betrieb, über den Lärm, das Singen, das Beten. Kurz vor der Urteilsverkündung zog die Familie die Klage zurück, sie hatte sich überreden lassen, den Streit vor einem Rabbinatsgericht klären zu lassen. Nicht zugunsten der Familie, ist sich Nurit Ahituv sicher.

Vor einem Rabbinatsgericht gelten nur religiöse Gesetze, das Recht aufs Beten ist im Zweifel wichtiger als das auf Ruhe. Das Rabbinatsgericht entscheidet auch über Adoptionen, Hochzeiten, Scheidungen. Es ist Teil einer komplett abgeschlossenen Welt mitten in der israelischen Gesellschaft, die immer größer wird.

Eine chassidische Familie hat im Durchschnitt acht Kinder, eine säkulare Familie knapp drei. Jedes dritte israelische Kind unter 18 ist chassidisch. Innerhalb von 70 Jahren ist die Zahl der Ultraorthodoxen im Land von rund 400 auf mehr als 800.000 gestiegen, sie machen inzwischen zehn Prozent der Bevölkerung aus, verweigern sich aber jeglichen Bürgerpflichten, gehen nicht zur Armee, zahlen keine Steuern und werden zum großen Teil vom Staat finanziert.

Manchmal kommt es vor, dass Menschen dieses Leben nicht länger führen wollen. 350 Aussteiger zählt Hillel pro Jahr. Sie werden von 400 ehrenamtlichen und 30 festen Mitarbeitern betreut, auch psychologisch. Es gibt Büros in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa. Zu den wichtigsten Prinzipien Hillels zählt die Freiwilligkeit. „Wir sind keine Missionare“, sagt Niv Ahituv.

Als er und seine Frau Amram Lichtenstein kennenlernten, waren sie um die 60 und standen kurz vor der Rente, ihre Kinder, zwei Töchter, ein Sohn, waren ausgezogen. Es war nicht so, dass sie eine neue Aufgabe suchten, aber da war dieser junge Mann, Vater von vier Kindern, der das ABC nicht konnte und nicht wusste, wie man eine Hose kauft. Ein Wesen wie von einem anderen Stern. Sie beschlossen, ihm zu helfen.

Amram war ein fleißiger Schüler

„Er konnte die einfachsten Dinge nicht“, sagt Niv Ahituv. „wusste nicht, wer Beethoven ist und wo Paris liegt. Einmal fragte er uns, was er seinen Kindern vorlesen soll. Ich schlug Nachman Bialik vor, Israels Nationaldichter. Amram fragte: Wer ist Bialik?“

„Es ist ein Jammer“, sagt Nurit. „Diese jungen talentierten Menschen führen ein Leben in Ignoranz, hinter hohen Mauern. Wer weiß, wie viele Wissenschaftler und Musiker wir verlieren.“

Amram war ein fleißiger Schüler. Er hatte zwar keinen Schulabschluss, aber war es gewöhnt, zwölf Stunden am Tag die Bibel zu lesen, das half. Er besuchte einen Kurs für lernschwache Erwachsene, lernte Lesen, Schreiben und Bruchrechnung. Der Rabbiner-Enkel in neunter Generation saß mit Schulabbrechern in einer Klasse, und stellte bald fest, dass ihm Mathe und Naturwissenschaften lagen. Nebenbei begann er, in einer Softwarefirma zu arbeiten und kam auch hier erstaunlich gut zurecht. Mit den Computern besser als mit den Kollegen.

Frauen in seiner Firma beschwerten sich darüber, dass er ihnen nicht in die Augen sah, wenn sie mit ihm redeten. Der direkte Kontakt zu anderen Menschen fällt ihm schwer, heute noch. Man merkt es ihm an. Wie er versucht, den Blick zu halten und dann doch ausweicht, nicht weiß, wo er hinsehen soll, wie er kichert, ein verlegenes Kichern.

Die Arbeit mit Aussteigern als Lebensaufgabe

Menschen zu umarmen, ist die größte Herausforderung für ihn, nur engsten Vertrauten erlaubt er das. Nurit gehört dazu. Als Amrams älteste Tochter in Jerusalem Bat Mitzwa feierte, begrüßte ihn Nurit mit einem Kuss auf die Wange. Das beobachteten die anderen Gäste, seine chassidischen Eltern, seine Tanten und Onkels. Einige drehten sich demonstrativ weg. Die Schwester seiner Mutter sagte, sie müsse sich gleich übergeben.

„Sie ist fast ohnmächtig geworden“, sagt Nurit Ahituv, die überrascht war, was so ein freundschaftlicher Kuss auslösen kann, aber auch darüber, wie souverän Amram reagierte: Er erwiderte den Kuss, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Sie kennen sich jetzt seit acht Jahren, essen zusammen am Sabbat, feiern gemeinsam jüdische Feiertage, oft sind andere ehemalige Strenggläubige dabei. Für Nurit und Niv Ahituv, inzwischen Rentner, ist die Arbeit mit den Aussteigern zur neuen Lebensaufgabe geworden. Sie sind Mitglied bei Hillel – Niv wurde vor einem Jahr in den Vorstand gewählt, seit kurzem leitet er den Verein – und betreuen fünf Aussteiger, manchmal auch acht. So genau können sie das nicht sagen, weil immer mal wieder neue dazukommen und andere verschwinden.

Die zweiten Eltern

Aviva zum Beispiel, Mutter von sechs Söhnen, die von ihrer Familie verstoßen wurde, gehört nicht mehr dazu. Zwei Jahre lang ging sie bei den Ahituvs ein und aus, schlief im Kinderzimmer, ließ sich von Nurit helfen, ein Besuchsrecht für ihre Kinder zu bekommen. Dann, plötzlich, sie waren in Jerusalem zum Theaterbesuch verabredet, kam sie nicht, reagierte auch nicht auf die Anrufe.

„Aviva ist verschwunden, einfach so“, sagt Nurit Ahituv. – „Wir müssen es akzeptieren“, sagt Niv. – „Es ist wie mit einem Kind, das aus dem Haus geht“, sagt Nurit.

Amram ist noch da. Es geht ihm gut. Er arbeitet in der Softwarefirma, seine Frau entwickelt Websites, sie leben immer noch in derselben Wohnung, in die sie vor zehn Jahren flohen, ihre älteste Tochter ist gerade 15 geworden. Vor einem Jahr hat er seine Kippa abgenommen, er sagt, er sei Atheist, vor drei Monaten beschloss er, zu studieren und seinen Bachelor in Informatik zu machen. Nurit und Niv Ahituv nennt er „meine zweiten Eltern“.

Seine „ersten“ Eltern besucht er hin und wieder am Sabbat. Dann verwandelt er sich für einen Abend wieder in den Frommen, der er einst war, zieht sich ein weißes Hemd und schwarze Hosen an, setzt die Kippa und den Hut auf, holt die Schläfenlocken hinter den Ohren hervor und fährt zurück nach Jerusalem.