Eine Filmprojektion auf das Humboldt-Forum.
Foto: AFP/John MACDOUGALL

BerlinRund 30 Kilometer liegen zwischen den sieben Orten des diesjährigen Mauerfallgedenkens in Berlin. Das ist so weit wie von Mitte nach Königs Wusterhausen. Oder von der Erdoberfläche bis in die Mitte der Stratosphäre. Kenenisa Bekele, der Gewinner des diesjährigen Berlin-Marathons, brauchte für diese Strecke eine Stunde, 26 Minuten und 55 Sekunden. Mit dem Fahrrad und etwas Zeit an den einzelnen Stationen dauert es fünf Stunden. Einen Kilometer für jedes Jahr, das seit dem Mauerfall vergangen ist, wenn man die Orte nicht in der Reihenfolge ihrer historischen Bedeutsamkeit, sondern in einer Runde absolviert (gegen den Uhrzeigersinn in diesem Fall: von Ost nach West).

Immer am Ufer des nie endenden und sich in alle Richtungen erstreckenden Berliner Verkehrsstromes geht es entlang und das stets im Windschatten kommerzieller Botschaften, die größer, schneller und eingängiger sind als jede erlebte Geschichte und deren Fehlen auf den historischen Fotos vielleicht das eigentliche Erschrecken dieses Rundgangs verursacht: dass das möglich war! Dass die Stadt einmal aus Häusern, Straßen, Menschen und Fläche bestanden hat! Aber es hat ja offenbar nicht funktioniert.

Veranstalter setzen auf Dezentralität und die Kraft des Vorhandenen

Mit der Entscheidung, keine zentrale Ausstellung zu den „30 Jahre friedlicher Mauerfall“-Festlichkeiten auszurichten, sondern dezentral „erzählende Orte“ auszuwählen, setzt das Veranstalterbündnis auf Pluralität, die Kraft des Vorhandenen und auf klassische Geschichtsvermittlung durch Text, Bild und akustische Zeitzeugenberichte sowie zusätzlich das Mittel der Projektion. An jeder Position wurde ein Info-Pavillon errichtet, finden ganztägig Veranstaltungen statt, und es gibt eine Freiluft-Ausstellung auf Stelltafeln mit einem Bezug zum Ort. Siebenmal wird die gleiche Geschichte von einem anderen Anfang aus erzählt und bleibt natürlich trotzdem Fragment. An mehreren Plätzen gibt es zudem Projektionen von historischen Filmdokumenten auf originale Schauplätze – oder was daraus geworden ist.

Die East Side Gallery an der Mühlenstraße ist die südlichste Station und die zeitlich zuletzt relevante. Am 28. September 1990 als längste Galerie der Welt eröffnet, hatten Künstler hier – Schwerter zu Pflugscharen! – die Mauer zur Projektionsfläche gemacht. Vorbei an Immoscout-, McDonald’s- und Zalando-Schildern erreicht man den Mercedes-Benz-Platz, wo am Dienstagnachmittag gerade eine Aufführung der italienischen Theatergruppe Teatro Due Mondi zu Ende geht. Plastikflaschen, Einmannzelte und Stofftiere liegen auf der mit Absperrgittern markierten Szene herum, zwei Darsteller lauern hinter Mauer-Requisiten und werfen sie dann schwungvoll um, während sehnsüchtig zum Akkordeon gesungen wird.

Audiobeiträge von Pionierinnen der East Side Gallery

Einige Schülertouristen halten kurz ihre Handys hoch und ziehen weiter, andere Stehengebliebene schreiten noch die Stelltafeln längs des Spreeufers ab, auf denen es auf Deutsch und Englisch vor allem um das Bauwerk Mauer, aber auch um Rassismus in der DDR geht, oder lauschen in die Audiobeiträge von Pionierinnen der East Side Gallery hinein. Dass das Angebot historischer Fotos und einzelner großgedruckter Überschriften oder Zitate attraktiv ist, merkt man an allen Stationen. Die Menschen werden angezogen, schreiten die Wände ab, halten sich gerne in der Nähe auf. Aber ganze Abschnitte liest sich doch eher selten jemand durch.

An der East Side Gallery werden über das sogenannte Projection-Mapping die historischen Ereignisse des Mauerfalls in kurzen Stories erzählt.
Foto: dpa

An der Oberbaumbrücke geht es mit dem Fahrrad weiter nach links, Richtung Norden. Das Eckhaus gegenüber der Spree ist komplett mit einem knallroten Coca-Cola-Transparent bezogen, auf dem sich zwei dünne weiße Arme einander entgegenstrecken. „Mehr Menschen, die wollen“, offenbart der nur wenige Hundert Meter weiter an der Stralauer Allee ansässige Konzern überraschend krass den Motor seines gesellschaftlichen Engagements. Tatsächlich waren die roten Büchsen nur Stunden nach dem Mauerfall vor 30 Jahren auf dem Kudamm kostenlos verteilt worden, und 1990 gründete Coca Cola eine Dependance für den ostdeutschen Markt. „Da sind Sie ja endlich! Wir haben 28 Jahre auf Sie gewartet“, hätten „die Leute“ gesagt, kann man in der „30 Jahre Mauerfall“-Story des Unternehmens nachlesen.

Der Weg in die Stasi-Zentrale in Lichtenberg führt durch das Herz des schicksten Friedrichshain, an den antiimperialistischen Plakaten am ehemals besetzten Haus Scharnweber-/Ecke Colbestraße vorbei in den herbstlichen Nachmittagsalltag der urbanen Normalität: Schon leuchten die Lampen an den Kinderfahrrädern, die hinter tütenbepackten Elternfahrrädern mit zusätzlichem Kindersitz herschlingern, Geschäft folgt auf Geschäft, Vietnamese auf Thailänder, wenn Menschen nicht voranhasten, zücken sie ihr Smartphone an der Ampel.

Auch am Alexanderplatz gibt es Projektionen zu bestaunen.
Foto: dpa

Schon baulich eine Welt für sich ist dagegen das Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale an der Rusche- und Normannenstraße, heute ein „Campus für Demokratie“. Zwischen den abschirmenden Straßenfronten verteilen sich Stasi-Museum und verschiedene Archive um eine umfangreiche Dauer- Freiluft-Ausstellung zum Ende der DDR, neben der die zusätzlichen 30-Jahr-Stellwände wie von sich selbst etwas peinlich berührte Zaungäste wirken. Und es ist auch nur ein junger Polizist da, der sie betrachtet, sowie eine Mutter mit Tragetuch, die kurz in einen Zeitzeugenbericht hineinhört, bevor sie von einem älteren Kind wieder weggerufen wird.

Auch das Foyer im ersten Stock des Informationsgebäudes „Haus 22“ ist mit seinen fast bodentiefen Messingfenstern und den Neonleuchten ganz ohne weiteren Aufwand ein von Funktionseliten erzählender Ort. Später wird André Herzberg im Veranstaltungssaal aus seinem Roman „Was aus uns geworden“ ist lesen, ein Buch, das vom Aufwachsen jüdischer Kinder in der DDR handelt, natürlich gibt es dazu auch Musik.

Projektionen auf die Backsteinmauern der Gethsemanekirche

Siebenkommadrei im Regen geradelte Kilometer weiter, bei denen sich erst durch die teils nur dreistöckige Bebauung längs der Storkower Straße, später durch das dortige Gewerbegebiet eine Offenheit des Blicks ergibt, die auf das Seltsamste mit dem in der Ferne sichtbaren Fernsehturm kontrastiert, gerade so, als würde man irgendwo aus dem All auf Berlin blicken, bricht endgültig die Dunkelheit ein und ist an der Gethsemanekirche bereits die Projektion im Gange. Seltsame Idee eigentlich, auf eine Backsteinkirche Filme zu projezieren, auch wenn diese Kirche ab Oktober 1989 „Brennpunkt der Revolution“ war. Oder auch Schaltzentrale.

„Rückwirkend ist es immer ganz erstaunlich, wie die Kommunikation funktionierte ohne Internet, ohne WhatsApp, ohne E-Mails“, wird auf einer der Stellwände Marianne Birthler zitiert, die damals an den Mahnwachen in der Gethsemanekirche teilnahm. Man kam dorthin, wenn man etwas wissen wollte. Heute muss niemand mehr irgendwo vor Ort sein. Trotzdem stehen am Dienstagabend doch etliche an der Kreuzung Stargarder/Greifenhagener Straße und blicken auf die Kirche, auf der die Bilder von Demonstrationszügen nur als buntes Flackern sichtbar werden. Als ob sie in Flammen stünde. Und das tat sie damals ja auch irgendwie.

Am Alexanderplatz sind die Projektionen auf die Gebäude rechts und links der Weltzeituhr schon besser sichtbar. Egon Krenz, der nach der Kommunalwahl 1989 98,85 Prozent Ja-Stimmen „für die Wahlvorschläge der Nationalen Front“ verkündet. Erich Honecker, der den 40. Jahrestag der DDR begrüßt, Stefan Heym, der sich für einen Sozialismus ausspricht „der des Namens wert ist“, Günter Schabowski, der die Reiseerlaubnis aus Versehen „unverzüglich“ gibt, und Menschenmassen, ungläubig, dann rennend, die Arme fliegen in die Höhe.

Passanten werden auf dem Alexanderplatz zu Zuschauern, lassen irgendwann ihr Handy sinken, manche bleiben stehen, um den Zusammenschnitt ein zweites Mal zu sehen, auf den Gebäuden zählt eine Uhr die Sekunden herunter bis zum nächsten Start. Auch hier blinken die umliegenden Geschäfte heller als die Projektion, stehen die Menschen zwischen Galeria und Saturn, aber die Weite des Platzes gibt der Veranstaltung eine Würde. Es ist Kino in die Vergangenheit. Das waren wir. Oder hätten wir sein können. Und die Worte der Bürgerrechtler, dass sie sich darauf freuen, aus ihrer Erfahrung heraus die Zukunft zu gestalten, hallen noch viel länger im Kopf nach als bis zum Schlossplatz, wo man über die Spree hinweg eine ganz ähnliche Projektion auf der glatten Fassade des Humboldt-Forums noch viel besser sehen kann.

Die fünf Kilometer bis zum westlichsten Info-Pavillon führen am Brandenburger Tor vorbei und unter der unterwasserartig beleuchteten, wie das Dach einer Shopping Mall geformten, aber lustig wogenden Wünsche-auf-Bänder-Installation hindurch auf den Breitscheidplatz am Kurfürstendamm. Recht genau dort, wo vor drei Jahren Anis Amri den Sattelzug in die Menge der Weihnachtsmarktbesucher steuerte, warten jetzt einige Leute auf den Start eines szenischen Auszugs aus der „Legende von Sorge und Elend“ von Sören Hornung, der Geschichte einer ostdeutschen Familie, die im Sommer in Oberharz am Brocken Premiere hatte.

Tagesschau-Shooting am Europacenter

Draußen gibt es neben der Ausstellung, die sich auf die Ankunft der DDR-Bürger im Westen konzentriert, die Gelegenheit, sich selbst als Tagesschausprecher mit der Meldung zum Mauerfall ablichten zu lassen – „Throw back 89“, eine Initiative der ARD. Und recht weit entfernt (über einem Saturn-Schild) ist die Filmschleife auf das Europacenter projiziert. Diesmal sieht man Walter Ulbricht, der keine Absicht hatte, eine Mauer zu erbauen, sieht man die Bauarbeiter, später Ronald Reagan, der „Mr. Gorbatchev“ 1987 auffordert, das Tor zu öffnen, und natürlich Helmut Kohl.

Am Ende flimmern hier viele gepixelte Bilder ins Abenddunkel, und man hört Stimmen, die etwa bürgerschaftliche Mitbestimmungsmodelle fordern. Junge Stimmen, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass über die „carbonfreie Gesellschaft“ und andere Fortschritte von all jenen zu befinden sei, die die Sache betrifft. Stimmen, die politische Arbeit für eine gesellschaftliche Aufgabe halten. Das schließt in aller Offenheit an die Bürgerrechtler von 1989/90 an und macht die stille Stärke dieser erzählenden Orte deutlich: dass sie bloß ein Post-it ans Vorhandene machen, ein Angebot, hier oder dort noch einmal genauer hinzusehen.

Schade allerdings, dass am Breitscheidplatz am Dienstag kaum jemand stehenblieb, während einige Meter weiter aus dem adidas-Flagship Store um 19.40 Uhr eine gefühlte Hundertschaft von Laufwilligen auf die Straße strömte, die sich im Verkaufsraum warm gemacht hatte, als handle es sich um ihre gute Stube. Auch die Anstrengungslosigkeit, mit der das KaDeWe in seinen Schaufenstern meterlang seine Mitarbeiter erzählen lässt, was sie am 9. November 1989 gemacht haben, beweist noch im Abgang der Runde die vermutliche ewige Überlegenheit des Kommerziellen. Doch nicht um diese zu widerlegen, war die Mauer vor 30 Jahren ja aufgebrochen worden. Sondern um die Idee Beschränkung zu widerlegen und unter mehr Möglichkeiten wählen zu können. Und das kann man doch auch heute noch.