FRIBOURG/BERLIN - Roland Wirtz schwitzt. Er läuft unermüdlich hin und her, er schleppt Leitern, Holzbalken, Kisten voller Werkzeug und Tücher, viele schwarze Tücher. Die Frühlingssonne wärmt ihn zusätzlich an diesem Vormittag. Das Wichtigste liegt noch auf der Ladefläche seines Transporters, ist aber für ihn allein zu schwer. Es ist sein Fotoapparat, in Einzelteile zerlegt. Allein der hölzerne Kasten mit der Foto-Kassette hat die Dimensionen einer extra-großen Badewanne und wiegt etwa achtzig Kilo. Eine Großformatkamera von enormen Ausmaßen.

Roland Wirtz ist groß, hat kurze weiße Haare und auffallend helle blaugraue Augen. Sie leuchten, wie immer, wenn er gut gelaunt ist. Der 54-Jährige bereitet gerade ein Foto vor. Das ist jedes Mal ein kleines Abenteuer bei ihm, und es hebt seine Stimmung.

Dabei ist der Anlass, der den Berliner Künstler hierher führte, auf das Werksgelände der Firma Ilford nahe der Schweizer Stadt Fribourg, wenig erfreulich. Eine Tragödie, um es in seinen Worten zu sagen. Wirtz war oft hier in den vergangenen zehn Jahren, nun wird es das letzte Mal sein.

Seit Kurzem ist das Werk geschlossen. Das Unternehmen ging Ende 2013 in die Insolvenz. Ilford galt in der Ära der analogen Fotografie als Inbegriff für hochwertige Fotopapiere und Filme, jahrzehntelang. Auch Galeristen und Museen setzten auf das Material. Während ein zweites Werk in England – seit Jahren von dem Schweizer Firmenteil geschäftlich getrennt – weiter Schwarz-Weiß-Filme und anderes Zubehör produziert, hat hier in Fribourg der Farbfotografie-Zweig sein Ende gefunden. Viele in der Kunst- und Fotografenszene sind davon betroffen – aber nur ganz wenige so stark wie Roland Wirtz.

Der Künstler arbeitet mit Ilfochrome, einem Farbfotoverfahren, das von Fotografen bis heute als einzigartiger Prozess zur Herstellung hochwertiger Vergrößerungen von Dias und Digitalfotos geschätzt wird. Ilfochrome galt als Flaggschiff von Ilford, als das lichtechteste Farbfotoverfahren überhaupt. Das dazugehörige Fotopapier hat die besondere Eigenschaft, ein Positivmaterial zu sein. So kann das spätere Bild direkt aus ihm heraus entwickelt werden.

Positiv ohne Negativ

Genau das ist für Roland Wirtz so essenziell. Mit seinen selbst konstruierten Großformatkameras erstellt er Farbbilder in direkter Belichtung, ohne Negativ oder sonstiges Zwischenmedium. So wie in den Anfangsjahren der Fotografie im 19. Jahrhundert, als das Negativ-Positiv-Verfahren noch nicht erfunden war, ist das Ergebnis immer ein Unikat. Ein riesiges zudem: Sein Standardformat entspricht der Größe seiner Kamera, 220 mal 127 Zentimeter. Das dafür notwendige Positivpapier stellte nur Ilford her.

Betroffen von der Pleite ist auch Susanna Kraus mit ihrer Imago 1:1, der größten Kamera der Welt, die am Berliner Moritzplatz steht. „Das ist einer der größten Verluste für die Fotografie“, sagt sie. „Ilford war die Weltspitze.“ Ihr begehbarer Apparat, mit dem sich lebensgroße Ganzkörper-Porträts in Schwarz-Weiß schießen lassen, funktioniert auch mit direkter Belichtung, das Papier basiert auf dem gleichen Träger wie Ilfochrome. Für Kraus geht es trotzdem irgendwie weiter: Das englische Werk wird wohl die Produktion übernehmen. Die Chancen stehen gut, da das Schwarz-Weiß-Material leichter herzustellen ist.

Roland Wirtz nützt das nichts. Sein Vorrat reicht vielleicht noch für drei Dutzend Bilder, dann ist Schluss. Nun ist er in die Schweiz gereist, um der Marke, die seine Kunst ermöglicht hat, ein fotografisches Denkmal zu setzen. Wirtz macht Bilder vom Ilford-Werk. Mit seiner Großformatkamera. Ein Requiem auf Ilfochrome-Papier.

Die Verfahren, mit denen Susanna Kraus und Roland Wirtz arbeiten, sind sehr speziell, ihre aufwendige Technik ist kein typischer Querschnitt der Foto-Welt. Sie gehören zu einer kleinen Gruppe – einer Gruppe allerdings, für deren Ansprüche die Fotoindustrie Filme, Chemikalien und Papiere höchster Güte entwickelte. Ihnen ist deshalb manche Innovation zu verdanken.

Seit Digitalkameras den Siegeszug über die analoge Fotografie angetreten haben, sind mangels Nachfrage immer mehr Filme und Fotopapiere vom Markt verschwunden. Nicht selten gab es Hamsterkäufe, sobald Kodak, Fuji und Co. das Ende eines Produkts ankündigten. In Deutschland sank der Absatz von Fotofilmen zwischen 2000 und 2012 von 191 auf etwa 11,3 Millionen Stück, was einem Rückgang von 94 Prozent entspricht.

Mittlerweile habe sich die Nachfrage stabilisiert, wenn auch auf sehr niedrigem Niveau, sagt Mirko Böddecker, Geschäftsführer von Fotoimpex, einem Spezialgeschäft für Fotozubehör in Berlin-Mitte. Neuauflagen wie die der Polaroid-Filme 2010 zeigen, dass Analog nicht tot ist. Vor zwei Jahren wagte es auch Böddecker, im brandenburgischen Bad Saarow Schwarz-Weiß-Filme, Papiere und Chemikalien in kleinen Mengen selbst zu produzieren, unter dem alten Markennamen Adox. „Das haben wir aus der Not heraus gemacht“, sagt er. Denn viele Zulieferer seien insolvent gegangen – und das, obwohl die Nachfrage nach Filmen sogar wieder steige. Für viele aber sind die kleinen Produktionsmengen nicht rentabel.

Unter den Berufsfotografen finden sich nur noch wenige, die mit Film arbeiten. Bei der Berliner Fotografenagentur Ostkreuz gebe es dennoch einige Kollegen, die noch mit dem 6x7-Mittelformat arbeiteten, sagt Ute Mahler, die zusammen mit ihrem Mann Werner Mahler zu den Gründern der Agentur gehört. „Analog wird aber eher bei freien Arbeiten fotografiert, bei Aufträgen macht es meist keinen Sinn, weil es zu aufwendig und teuer geworden ist“, sagt sie. Ihr Mann, der auch Leiter der Ostkreuzschule für Fotografie ist, sieht beim Nachwuchs jedoch auch einen Trend zur alten Technik. „Etwa 70 Prozent unserer Abschlussarbeiten werden analog produziert“, sagt Werner Mahler. Fast alle Schüler hätten digitale und analoge Ausrüstungen. „Es scheint, als gebe es eine Zwischen-Renaissance des Analogen angesichts dieser irren Bilderflut heute.“

Dieses Jahr wird die Fotografie 175 Jahre alt. Sie unterlag im Laufe der Zeit immer wieder Veränderungen, aber selten waren sie so radikal wie in den vergangenen Jahren. Einer Samsung-Studie zufolge werden allein in Deutschland drei Milliarden Fotos geschossen – und zwar jeden Monat. Die Frage nach der Relevanz eines Fotos stellt sich mehr denn je. Gerade wegen der zahlenmäßigen Überlegenheit der Digitaltechnik scheint der Reiz des Analogen noch nicht verloren gegangen zu sein. „Man fotografiert weniger und bewusster“, sagt Ute Mahler. Das Motiv werde vorher konzentrierter geplant, das nehme Schnelligkeit heraus. Zudem gelte die Regel: „Je größer das Format, desto mehr entschleunigt man.“

Wer wüsste das besser als Roland Wirtz? Schnappschüsse sind bei ihm schon technisch undenkbar. Jedem Foto geht eine lange Vorbereitungsphase voraus, oft viele Wochen, manchmal Monate. Allein die Kamera für ein einziges Bild zu präparieren, dauert mehrere Stunden.

Sein außergewöhnlichstes Projekt heißt „Ost-West-Interferenzen“. Es ist eine Serie von Bildern, die an der früheren innerdeutschen Grenze entstehen. Wirtz hat dafür den Laderaum eines Transporters zu einer Kamera umgebaut. Das Besondere: Sie nimmt zwei Bilder gleichzeitig auf, in entgegengesetzter Richtung. Ein Objektiv belichtet von der rechten Laderaumwand auf die linke und ein zweites in umgekehrter Richtung. Auf Fotopapier in einer Breite von 7,2 Metern, umlaufend an den Innenwänden angebracht, werden die Motive zu einem Bild. Beim Fotografieren kreuzen sich die Lichtstrahlen aus West und Ost – ein sehr symbolisches Konzept. „Gegensätze durchdringen sich, bilden sich ab, um in der Wahrnehmung wieder ein Ganzes zu formen“, erklärt Roland Wirtz.

2008 ist Wirtz mit einer anderen Kamera extra nach Moskau gefahren, um ein einziges Foto von einem Fußballspiel zu machen. Nicht von irgendeinem. Es war das Champions-League-Finale. Und für Wirtz einer der Höhepunkte seiner Werkgruppe „Ninety Minutes“. Seit Jahren fotografiert er wichtige Fußballereignisse. Das Spiel wird in einem Bild festgehalten, indem Wirtz dessen gesamte Dauer auf das Papier belichtet. Fehler kann er sich nicht erlauben, er hat nur einen Versuch. Am Ende wirkt das Bild leer, nur schemenhafte Umrisse lassen den Torwart erahnen, die Fans auf den Rängen verschwimmen zu einer Masse von Bewegung und Emotion.

Fast allen Bildern von Roland Wirtz ist ihre Abbildungsqualität gemeinsam. Trotz ihrer enormen Größe haben sie eine geradezu atemberaubende Schärfe, und die leuchtenden Farben wirken, als enthielten die Fotos eine eigene Lichtquelle. Zu verdanken ist dies der direkten Belichtung. Kein Negativ verursacht Körnung, kein Spiegel lenkt um, die Photonen der Bildmotive prägen sich unmittelbar in das Ilfochrome-Papier ein. Man könnte es als die direkteste Form der Fotografie bezeichnen. Dass die Bilder dadurch seitenverkehrt sind, ist ein Nachteil, den Roland Wirtz als Teil der Kunst ansieht. Bei vielen seiner Motive fällt es aber auch kaum ins Gewicht.

Der 54-Jährige steht auf einer Straße des Ilford-Werks und zeigt in die Ferne, dorthin, wo sich die schneebedeckten Gipfel des Berner Oberlandes erheben. „Das war mein Blick“, sagt er. Hier hat er immer seine Filme zur Entwicklung ausgeladen. Und hier soll nun das erste Bild seines Requiems entstehen.

Das Werk ist leer, verlassen. Und doch ist es drinnen, als würde Roland Wirtz von allen Seiten beobachtet. An den Wänden hängen großformatige Porträts auf Ilfochrome-Papier. Naomi Campbell ist dabei, jung, in lasziver Pose, und ein altes Ehepaar in zerschlissener Kleidung, aufgenommen von dem Vogue-Fotografen Michael Walker. Die Fotomodelle scheinen Wirtz zuzusehen bei diesem letzten Akt, wie stumme Zeugen einer glanzvollen Ära, die nun Vergangenheit ist.

Wochenlange Überzeugungsarbeit war nötig, um überhaupt noch einmal auf das Werksgelände zu dürfen. Eigentlich sind die Tore seit Dezember geschlossen. Jean-Noël Gex, früher technischer Leiter bei Ilford und seither arbeitslos, setzte sich bei der Insolvenzverwaltung für Roland Wirtz ein. Die beiden kennen sich schon lange. Bei dem 58-Jährigen ließ der Künstler seine Bilder persönlich entwickeln, er brachte sie immer selbst in die Schweiz. Eigentlich bot Ilford diesen Service für Endkunden gar nicht an. Aber da Gex die Projekte des Berliners schätzt, gab es für ihn eine Ausnahme. „Der Ort hier war eine zweite Heimat für mich“, sagt Wirtz.

Jean-Noël Gex war 26 Jahre lang bei Ilford beschäftigt. Während der Künstler seine riesige Kamera zusammenbaut, schließt er in einem Nachbargebäude den Raum auf, in dem die große Ilfochrome-Entwicklungsmaschine steht. Roland Wirtz hat mehrere Rollen Bilder mitgebracht, die er noch nicht entwickeln konnte. Eigens für ihn wirft Gex die Maschine wieder an. Nach der monatelangen Betriebspause ist sie so stark abgekühlt, dass es Stunden und sehr viel Strom braucht, um sie auf Betriebstemperatur zu bringen. Einen Tag lang ist Gex noch einmal in seinen alten Beruf zurückgekehrt.

„Das Ende kam schneller, als wir gedacht haben“, sagt er. „Eine traurige Sache.“ Gex sitzt in seinem früheren Büro, das aussieht, als sei er nur mal eben zur Pause gegangen. Alles ist noch da – Schreibtisch, Computer, Schränke mit Ordnern, sogar ein frisch gebügeltes Hemd hängt an einem Haken. Fünfzig Jahre lang sei der Ilfochrome-Prozess vom Entwicklungsstandard her aktuell geblieben, viel länger als die meisten anderen Verfahren, erzählt er. Gex, der Chemiker, für den Fotografie immer auch Wissenschaft ist, wie er sagt, sieht die Sache jedoch nüchtern: „Das Geschäft hat sich nicht mehr gelohnt. Bilder werden heute nicht mehr auf Papier gebracht, sondern am Bildschirm angesehen.“ Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die letzten verbliebenen Farbfilmhersteller die Produktion einstellten.

Aufsässige Antithese

In der alten Baracke macht sich Roland Wirtz daran, das Papier für ein Foto einzulegen. Kurzerhand baut er sie zur Dunkelkammer um, verhängt die Fenster mit den schwarzen Tüchern, klebt Schlüssellöcher und Ritzen in den Holzwänden zu. Es dauert, bis er auch die letzte kleine Lichtquelle eliminiert hat. Dann kann er das lichtempfindliche Papier mit Reißzwecken auf der Platte fixieren. Obwohl es stockdunkel ist, sitzt jeder Schritt. Auch dann, als er die Foto-Kassette schließt und die Kamera mit einem Akkubohrer wieder zusammenschraubt. Es dauert mehr als zwei Stunden bis die Kassette überhaupt geladen ist.

Der komplizierte Schaffensprozess wirkt im digitalen Zeitalter, das alles der sofortigen Verfügbarkeit und grenzenlosen Reproduzierbarkeit unterordnet, wie eine aufsässige Antithese. Speicherkarte einlegen, Auslöser drücken, fertig ist die Bilddatei – so funktioniert Fotografie heute. Roland Wirtz lehnt das ab, für seine Arbeit jedenfalls. Bis Anfang der Neunzigerjahre war er Berufsfotograf, doch als die digitale Bildbearbeitung und die digitale Fotografie in der Branche Einzug hielten, entschloss er sich, den Trend nicht mitzumachen. „Mir war klar, dass sich das Berufsbild verändern würde“, sagt er. „Ich habe meine Zukunft nicht vor dem Bildschirm gesehen.“ Er sei keinesfalls technikfeindlich, stellt er klar. Aber die Faszination der Fotografie liege für ihn in der Improvisation, im Basteln und Kreieren – bevor der Auslöser gedrückt wird.

Nach seinem Ausstieg las er Schriften und Tagebücher der Foto-Pioniere Louis Daguerre und William Fox Talbot. Er besorgte sich Rezepte und experimentierte mit Chemikalien. Es war der Weg zu den Ursprüngen der Fotografie – und zugleich in die Kunst.

Zu den Bildern, die er bei diesem letzten Besuch in der Schweiz entwickeln lässt, zählen auch Aufnahmen aus dem Hotel Bogota in Charlottenburg. Als es vergangenes Jahr schließen musste, hat er dort eine Woche lang übernachtet. Wenn historische Orte geschlossen werden, Gebäude abgerissen, wenn relevante Dinge zu Ende gehen – dann ist Roland Wirtz da, mit einer seiner riesigen Kameras. So war es beim Abriss des Palastes der Republik, beim letzten Betriebstag des Flughafens Tempelhof. So war es bei der Schließung der Danziger Werft, in der Solidarność groß wurde. So ist es jetzt bei Ilford.

Als er das Requiem zu Ende gebracht und seine Kamera wieder in den Transporter geladen hat, holt Roland Wirtz die Schwermut schließlich ein. „Das ist ein echter Abschied“, sagt er. Er wird sich ein neues Labor suchen müssen für die Entwicklung der verbleibenden Bilder. In Paris gibt es noch eins, in London und in Moskau.