Analyse: Entwicklung vor Klimaschutz

Das Klimaprotokoll von Kyoto ist gerettet. Das Gipfeltreffen in Durban hat sich nach harten diplomatischen Schlachten auf eine Fortführung des historischen Klimavertrags zur Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes geeinigt, der sonst 2012 ausgelaufen wäre. Das liest sich gut. Ebenso, dass sich die USA, China und die anderen Schwellenländer ab 2020 an einem neuen globalen Abkommen beteiligen wollen.

Nur leider: Es nützt – fast – nichts. Der UN-Gipfel wurde zwar kein Debakel wie die Kopenhagen-Konferenz vor zwei Jahren, er schrammte halt nur wie die meisten seiner 16 Vorgänger hart an der Pleite vorbei. Die Folge: Der UN-Klimaschutzprozess, der auf dem Erdgipfel in Rio 1992 gestartet worden war, schleppt sich irgendwie weiter. Das kann man als Erfolg sehen, und die beteiligten Klimapolitiker aus Nord, West und Ost versuchen auch, es so zu darzustellen. Tatsächlich aber haben die Unterhändler in Durban nicht den Fahrplan zur Rettung des Klimas aufgestellt, sondern grünes Licht für die Spitztour in den Klima-GAU gegeben. Denn eines ist sicher: Das Versprechen, die Aufheizung der Atmosphäre bei zwei Grad zu stoppen, ist das Papier nicht wert, auf dem es steht. Das hat zwei Gründe.

Erstens schrumpft die Zahl der Länder, die sich an das Kyoto-Protokoll gebunden fühlen. Von den alt-industrialisierten Großproduzenten von klimaschädlichen Gasen sind nur noch die EU und Australien dabei. Kanada, Japan und Russland haben in Durban klargemacht, dass sie aussteigen, weil sie lieber Teersand für Öl ausbeuten wollen, oder an den Folgen einer Atomkatastrophe laborieren oder sowieso ihren eigenen Weg verfolgen. Die Folge, ist dass die nun bis 2017 oder 2020 angestrebten verschärften CO2-Ziele nur noch für eine kleine Minderheit der Treibhaus-Sünder gelten, sie regulieren bloß noch rund 15 Prozent der weltweiten Emissionen.

Zweitens wurde in Durban das Inkrafttreten verbindlicher Klimaschutzpflichten für die wirklichen CO2-Schwergewichte wie USA, China und Indien unerträglich weit in die Zukunft verschoben. Fast ein Jahrzehnt geht verloren. Verhandlungen darüber sollen bis 2015 laufen, von 2020 an gilt dann das neue Klima-Regime, das Kyoto global ersetzen soll. Viel zu spät, um den weltweiten Emissionstrend noch Richtung Zwei-Grad-Ziel zu wenden. Ursprünglich sollte der „New Deal“ fürs Klima schon 2013 beginnen. Wird der globale Gipfelpunkt der Emissionen aber erst 2020 oder noch später erreicht, müssten die wichtigen Staaten von jenem Moment an wirklich brachial auf die CO2-Bremse treten. Dass sie es tun können, ist kaum zu erwarten.

Bleibt es bei diesem Durban-Szenario, ist nicht die Plus-Zwei-Grad-Welt realistisch, sondern eine Aufheizung um drei oder vier Grad. Wichtige stabilisierende Elemente des Klimasystems könnten dann irreversibel wegfallen. Vor allem die armen Länder wären die Leidtragenden.
Es ist nicht so, dass das in Durban keine Rolle gespielt hätte. Erstmals gab es auf dem Gipfel sogar eine breite Koalition von 120 der gut 194 Teilnehmerländer (EU plus Entwicklungsländer), die deswegen für ambitionierte Ziele kämpfte. Es war ein guter diplomatischer Schachzug der Europäer, diese positive „Koalition der Willigen“ gegen die Hauptbremser USA, China und Indien zu bilden. Die EU verhandelte hart, drohte, Durban implodieren zu lassen, ließ sich am Ende dann aber doch auf den unzureichenden Kompromiss ein. Den Gipfel ohne Ergebnis zu verlassen, hätte bedeutet, das Projekt des neuen Globalen Klima-Hilfsfonds und die Kyoto-Mechanismen wie den Nord-Süd-Emissionshandel abzuwracken.

Die EU wollte die damit verbundenen Chancen nicht opfern. Das war richtig. Es ist besser, den UN-Weg nicht zu verlassen, um ihn wieder mit Leben erfüllen zu können, wenn die Bremser wegen der sich verschärfenden Klimakrise und der ökonomischen Erfolge von Energiewende-Länder wie Deutschland, umdenken. Bis dahin müssen die Europäer dringend neue Strategien entwickeln, um den Klimaschutz global voranzubringen – etwa in groß angelegten grünen Kooperationen mit Schwellenländern wie China, Südafrika oder Brasilien, die in den eigenen Ländern für den ökologischen Umbau viel offener sind als auf dem internationalen Parkett.

Während China und ähnlich Gesinnte in den Verhandlungen noch blockieren, erproben sie intern bereits die Strategien, die helfen können, die Klimakrise beherrschbar zu halten. Peking ist zum weltgrößten Investor für Ökoenergien aufgestiegen; in fünf Provinzen baut man einen Emissionshandel nach EU-Modell auf. Südafrika plant eine CO2-Steuer, um den Anstieg des Energieverbrauch zu bremsen und die Effizienz zu fördern. Man darf erwarten, dass die Haltung dieser Länder auch auf den Klimagipfeln viel konstruktiver wird, wenn sie Erfahrungen mit dieser neuen Politik gemacht haben und erkennen, dass sie nicht in den Ruin, sondern in die Modernität führt. Daraus könnte in der Tat noch der Schub für die schnelle Transformation hin zum solaren Zeitalter kommen. Es ist aber ziemlich die letzte Hoffnung.