Analyse: Medien und Naziterror - Täter, Opfer, Zuschauer

Wir erschrecken über die Mordserie an Türken und Griechen. Wir erschrecken darüber, weil wir immer erschrecken, wenn Gewalt brutal um sich schlägt. Wir erschrecken aber vor allem darüber, dass diese Gewalt so gezielt um sich schlug. Und noch mehr erschrecken wir darüber, dass Landes- und Bundespolizei nicht auf die Idee kamen, dass es sich um gezielte Gewalt handelte. Das erscheint uns ganz und gar unverständlich.

Hunderte von gut ausgebildeten Beamten sind mehrmals auf die richtige Spur gestoßen, haben sie mehrmals verworfen und sind weiter einer Fährte gefolgt, die sich jetzt als komplett verkehrt herausgestellt hat, die aber exakt die Spur ist, der Menschen mit fremdenfeindlicher Grundhaltung, wenn irgendetwas an der sozialpsychologischen Theorie des Vorurteils stimmt, auf den Leim gehen müssen. So weit, so katastrophal.

Das Schlimmste, das Allerschlimmste aber förderte unsere Archivarin Sabine Grabe zutage. Ich hatte sie gebeten, nachzuschauen, wer alles in den elf Jahren seit dem 9. September 2000 eine von der offiziellen Version abweichende Interpretation der Ermordung von Ausländern mittels immer wieder derselben Tatwaffe, vorschlug und veröffentlichte. Ich war davon ausgegangen, dass angesichts der Anzahl der involvierten Staatsstellen sich doch einige gemeldet hätten, die – einfach um auch mal in eine andere Richtung zu schauen – , sich abgewandt hätten von der Theorie der „Döner-Morde“ und die Möglichkeit einer rechtsradikalen Terrorgruppe in Betracht zogen.

Ganz sicher war ich, dass von den mindestens eben so vielen Journalisten, die sich mit der Geschichte befasst hatten, der eine oder andere, schon um auf sich aufmerksam zu machen, den Blick auf den Rechtsterrorismus lenken würde. Zumal im Frühjahr 1998 in vielen Zeitungen vor dem Rechtsterrorismus gewarnt worden war. Nicht zuletzt, nachdem der Leiter des brandenburgischen Verfassungsschutzes Hans-Jürgen Förster, nach zahlreichen Waffenfunden bei rechtsextremen Gruppierungen gesagt hatte: „Ich sehe eine Entwicklung zum Terrorismus.“

Doch unsere Archivarin wurde nach mehr als einem Tag Recherche nicht fündig. Sie fand nicht einen Artikel, der die Erklärungen der Behörden in Frage stellte. Sie fand auch keinen Kommentar, keinen Leitartikel, der – angesichts der dünnen Beweislage – sich auch nur fragte, ob nicht die Behörden blind der Spur der Mafiafilme statt der ihrer Ermittlungen folgten.

Sie und ich mögen den einen oder anderen Artikel, diesen oder jenen Kommentar übersehen haben. Es mag jetzt – das ist meine Hoffnung – der eine oder andere Leser, die eine oder andere Leserin oder ein Kollege, eine Kollegin sich melden, das ändert nichts daran, dass die großen meinungsbildenden Medien, ganz offensichtlich unter dem leiden, worunter zu leiden, sie den Behörden gar zu schnell vorwerfen.

Auch ich habe in all den Jahren nicht einmal auch nur den Impuls verspürt, der Sache ein wenig nachzugehen. Mir anzuschauen, was in Nürnberg, München, Kassel, Hamburg, Rostock und Dortmund geschah.

Auch Türken ermorden einander. Natürlich. Aber immer mit derselben Waffe? Eine Pistole als Wanderpokal? Das hätte jeden von uns hellhörig machen müssen. Wir schlossen aber die Ohren und die Augen gleich dazu. Jeder Einzelne von uns kann sich rausreden. Man hat so viele Interessen, man hat gerade woanders hingeschaut, war mit etwas anderem beschäftigt.

Aber es fehlt ja nicht an Artikeln zu den Morden. Wir – die Medien – haben hingesehen und berichtet: im Vermischten. Wir haben also mit den Augen der Ermittlungsbehörden hingesehen. Das ist nicht unser Job. Wir sollten mit unseren eigenen Augen hinsehen. Wir sollten uns unsere eigenen Gedanken machen. Die haben wir uns nicht gemacht. Wir sind brav den Ermittlungsbehörden hinterhergelaufen.

Von wegen Netzwerk Recherche! Es sind nicht nur die Ermittlungsbehörden den Tätern auf den Leim gegangen, sondern auch die – ach so kritische – Öffentlichkeit. Auch wir. Auch ich. Offenbar ist keiner von uns hin zu den Familien gegangen und hat sich von deren Unschuldsbeteuerungen soweit überzeugen lassen, dass er wenigstens für die Länge eines Artikels die Behauptungen der Beamten in Frage gestellt hätte. Doch, einen Artikel haben wir gefunden. Miriam Bunjes schrieb ihn am 13.6. 2006 in der taz. Anlass war ein Trauermarsch nach dem Anschlag in Dortmund. Sie zitiert Cem Yilmaz vom Alevitischen Kulturverein: „Alle Opfer sind Migranten. Da ist doch ein rechtsextremer Hintergrund sehr einleuchtend. Stattdessen gucken die Ermittler nur nach links, wollen wissen, ob Mehmet in der PKK aktiv war.“

Hätten wir nur auf Cem Yilmaz gehört! Wie sagte Ina Holznagel, Sprecherin der Dortmunder Staatsanwaltschaft: „Es ist furchtbar für die Angehörigen, wenn sie wissen, dass der oder die Täter frei herumlaufen. Aber natürlich ermitteln wir auch im rechtsextremen Milieu. Das wäre ja sträflich, das nicht zu tun.“