Berlin - Ursprünglich ist es wohl nur ein Spaß gewesen: Auf einer gemeinsamen Südamerika-Reise sollen mehrere CDU-Nachwuchspolitiker sich Ende der 70-er Jahre ewige Treue geschworen haben. Die Reisenden waren Männer zwischen 20 und 30 Jahre alt, sie waren am Anfang ihrer politischen Karriere. Man versprach sich, sich gegenseitig nicht zu behindern beim Vorankommen. „Pacto Andino Segundo“ nannte sich die Seilschaft, Andenpakt. Immer wieder ist man miteinander verreist, und nicht wenige Mitglieder stiegen wirklich auf, wurden Staatssekretär, Minister, Ministerpräsident. Es schien klar: Die Ostdeutsche Angela Merkel würde es schwer haben gegen den Männerbund.
Nun – 35 Jahre nach Gründung des Andenpakts – ist Merkel der Star der CDU. Und für viele Paktmitglieder ist es abwärts gegangen.

Roland Koch

Als hessischer Ministerpräsident galt er lange als einer der führenden Merkel-Konkurrenten. 2010 trat Roland Koch als Regierungschef und Vorsitzender der Hessen-CDU zurück. Der Schritt kam überraschend, war aber logisch: Schon seine letzten Landtagswahlen hatte Koch nur mit Mühen gewonnen, sein Anti-Ausländer-Kurs zog nicht mehr. Er wäre wohl ganz gerne Minister im Kabinett Merkel geworden. Merkel verzichtet auf ihn. Koch wechselte als Vorstandschef zum Baukonzern Bilfinger. Sein Konzept dort: Sparprogramme und Expansion. Die Bilanzen wurden schlechter – nach nur drei Jahren muss der 56-Jährige nun gehen. Als gescheiterter Konzernlenker ist der Jurist nun wohl nicht einmal mehr Minister-Ersatzkandidat.

Christian Wulff

Der niedersächsische Ministerpräsident war der Gegenentwurf zu Roland Koch. Hier der sanft wirkende Modell-Schwiegersohn, in Hessen der streitlustige Raubauz. Wulff war zeitweise der beliebteste Politiker Deutschlands, auch er galt als Anwärter auf Merkels Jobs. Die beförderte ihn zum Bundespräsidenten, in für sie ungefährliche Höhen also. Wulff stürzte über einen Hauskredit. Bei Merkels Geburtstagsfeier durfte er in der ersten Reihe sitzen. Ein politisches Amt kommt für den 55-jährigen Juristen nicht mehr in Frage.

Christoph Böhr

Im Heimatland von Helmut Kohl bekam die CDU lange Jahre keinen Fuß mehr auf den Boden. Die SPD stellte den Ministerpräsidenten, die CDU blieb blass und verkämpfte sich in internen Streitereien. Der Landes-Vorsitzende Christoph Böhr hatte seinen Anteil daran. Er scheiterte voraussagegemäß 2006 als Herausforderer des damaligen Regierungschefs Kurt Beck und trat dann von seinen politischen Ämtern zurück. Wegen unzulässiger Querfinanzierung der Partei aus Fraktionsgeldern wurde Böhr mittlerweile zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die CDU hat sich von ihm distanziert.

Franz Josef Jung

Er war der enge Vertraute von Roland Koch. So vertraut, dass er schon mal von einem Ministeramt in Hessen zurücktrat, um den wegen Parteispenden in Bedrängnis geratenen Regierungschef zu retten. Koch schickte Jung als Dank als Minister ins Merkel-Kabinett. Jung wurde dort Verteidigungsminister und als solcher fast unsichtbar. Wegen der Kundus-Affäre musste er schließlich zurücktreten. Im Bundestag ist er Vize-Vorsitzender der Unions-Fraktion, mit der Zuständigkeit für Kirchenfragen.

Friedrich Merz

Der strebsame Nordrhein-Westfale war kein Gründungsmitglied des Andenpaktes. Aber als Erfinder der Bierdeckel-Steuerreform und Unions-Fraktionschef im Bundestag wurde ihm Medienberichten zufolge nachträgliche Aufnahme gewährt. Merz verabschiedete sich als einer der ersten aus der Politik: Nachdem Merkel nach der CDU-Wahlniederlage von 2002 die Fraktionsführung selbst übernahm, zog sich der Jurist wütend in die Wirtschaft zurück. Er bleibt der Sehnsuchts-Mann der CDU, verdient aber wohl mittlerweile zu gut für eine Rückkehr.

Friedbert Pflüger

Er war der Außenpolitiker der Unions-Fraktion als sich für das Thema in der Partei noch niemand so recht interessierte. Pflüger wurde Staatssekretär im Verteidigungsministerium, versuchte dann vergeblich als Spitzenkandidat der zerstrittenen Berliner CDU Bürgermeister der Hauptstadt zu werden. Er zog sich aus der Politik zurück und arbeitet jetzt als Unternehmensberater und Universitätsdozent.

Einige Verbliebene

Nicht alle Andenpaktler sind verschwunden, einige sind noch in der Politik geblieben. Dazu gehören der heutige hessische Ministerpräsident Volker Bouffier und der Europa-Parlamentarier Elmar Brok. Den früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger soll nach Merkels Willen erneut EU-Kommissar werden. Davon, dass der Andenpakt der Kanzlerin Probleme machen könnte, spricht schon lange keiner mehr.