Berlin - Frau Nahles, frühere SPD-Vorsitzende haben erzählt, dass die überlebensgroße Willy-Brandt-Statue in der SPD-Parteizentrale für sie auch etwas Einschüchterndes hatte. Können Sie das nachvollziehen?

Noch bin ich ja keine Parteivorsitzende. Die Willy-Brandt-Statue schüchtert mich aber nicht ein. Ich habe mich durch die großen Hände, die sie über die Menschen in der SPD-Zentrale hält, immer eher geborgen gefühlt. Mit Übervätern habe ich keinerlei persönliche Erfahrung und auch keine Probleme.

Nach mehr als 150 Jahren werden Sie aller Voraussicht nach auf dem Parteitag am 22. April in Wiesbaden zur ersten Frau im SPD-Vorsitz gewählt. Warum hat das so lange gedauert?

Gute Frage. Damit können wir nicht strunzen, wie wir in meiner Heimatregion, der Vulkaneifel, sagen. Will heißen: Wir können damit nicht prahlen. Wir haben zwar eine Tradition von starken Frauen in der SPD – unter ihnen Elisabeth Selbert, die den Satz ins Grundgesetz gebracht hat: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Und in der SPD-Fraktion im Bundestag sind 42 Prozent Frauen, die Union bringt es nicht mal auf 20 Prozent. Trotzdem hat es mit einer Parteivorsitzenden bisher nicht geklappt.

Gab es bislang immer eine gläserne Decke?

Auf jeden Fall. Frauen fehlt oft das Lobekartell, das sie nach vorn schiebt. Die Jungs bekommen das offenbar schon in die Wiege gelegt, während wir Frauen das erst lernen müssen.

Die neue Bundesregierung ist in dieser Woche zum ersten Mal zur Kabinettsklausur auf Schloss Meseberg zusammengekommen. Sie waren selbst vier Jahre lang Ministerin im Kabinett von Angela Merkel. Ist sie eine gute Chefin? Und: Hat man aus Sicht der SPD davon in Meseberg etwas gemerkt?

Sie ist eine kooperative Chefin, mit der man reden kann. Das finde ich gut. Beistand und Rückendeckung für schwierige Entscheidungen sind bei ihr jedoch eher schwach ausgeprägt.

Als Fraktionschefin müssen Sie dafür sorgen, dass die Fraktion die gemeinsame Bundesregierung mit der Union trägt. Als Parteichefin müssen Sie die SPD auch gegen die Union in Stellung bringen. Laufen Sie bei einem so widersprüchlichen Aufgabenprofil nicht Gefahr, Schizophrenie zu entwickeln?

In der Vergangenheit in der SPD war es üblich, als Vize-Kanzler mit Merkel am Kabinettstisch zu sitzen und gleichzeitig die SPD zu führen. Das hat eine Profilierung der Partei extrem schwer gemacht. Jetzt ist sie möglich. Wir dürfen aber auch gute Regierungsarbeit und eine Profilierung der Partei nicht gegeneinander ausspielen. Nur wenn die Menschen uns eine gute Regierung zutrauen, können wir neue Mehrheiten neben der Union gewinnen.

Haben Sie sich eigentlich schon bei Jens Spahn bedankt? Der hat mit seinen ständigen Einwürfen die Unterschiede zwischen Union und SPD wenigstens deutlich gemacht.

Ich finde, dass die Menschen nach einer so langen Phase der Regierungsbildung erwarten dürfen, dass etwas vorangebracht wird. Jens Spahn hat viele Aufgaben vor sich, die dringend angepackt werden müssen, vor allem den Pflegenotstand. Da sage ich: Junge, jetzt mach mal deinen Job.