In einem Gespräch mit Andrea Nahles wird es auch mal laut. Die Bundesarbeitsministerin reagiert auf Fragen mit einigem Schwung. Mal weist sie schwungvoll und empört Kritik zurück, mal greift sie zu Stift und Zettel, um Entwicklungen zu skizzieren. Drei Landtagswahlen sind verloren, Angela Merkel ist wieder Umfragekönigin. Drei Monate vor der Bundestagswahl macht Nahles dennoch keinen verzagten Eindruck.


Frau Nahles, Sie müssen doch verzweifeln: So viel Schwung wie Anfang des Jahres nach der Nominierung von Martin Schulz hatte die SPD seit langem nicht mehr – und nun liegen Sie in den Umfragen doch wieder da, wo Sie vorher schon waren.

Nein. Erstens haben doch jetzt alle gesehen, wie groß das Potential der SPD ist. Und zweitens, wie schnell sich die Lage ändern kann. Für mich heißt das nur eins: Es lohnt sich zu kämpfen. Jetzt ist entscheidend, dass wir nicht ständig über Umfragewerte reden, sondern für unsere Themen einstehen und unser Motto in den Vordergrund stellen: Zeit für mehr Gerechtigkeit.

Wäre es nach drei verlorenen Landtagswahlen nicht Zeit für die Einsicht, dass dieses Thema nicht zündet?

Das ist Unsinn. Es bewegt die Menschen, ob ihre Arbeit gerecht bezahlt wird und sie ihre Rechte gegenüber dem Arbeitgeber durchsetzen können, es bewegt sie, ob genügend Polizei vorhanden ist, die normalen Menschen unabhängig von Status und Einkommen Sicherheit garantiert, und es beschäftigt die Menschen, ob sie im Alter auf eine gute Rente vertrauen können. All das sind Fragen von Gerechtigkeit. .

Dann schauen wir mal auf Ihr Rentenkonzept. Das geht einher mit schneller steigenden Beiträgen zur Rentenversicherung. Ist das gerecht?

Es ist gerecht, weil die heutigen Arbeitnehmer die Gewinner sind. Es geht um die Renten von morgen. Bislang ist für 2020 ein Rentenniveau von 46 Prozent garantiert und bis 2030 von 43 Prozent. Wir wollen beim heutigen Niveau von 48 Prozent bleiben und müssen dafür aktiv in die Speichen greifen. Und wir halten die Beitragssatzziele ein, die bereits jetzt im Gesetz stehen. Das schreckt keinen.

Aber die steigenden Versicherungsbeiträge belasten auch die Arbeitnehmer.

Die Rechnung ist ganz einfach. Wer zum Beispiel 48 Euro mehr Beitrag im Monat zahlt, bekommt 150 Euro mehr Rente raus. Das ist kein schlechter Deal. Den Beiträgen stehen Leistungen gegenüber.

Naja. Der Satz „Die Rente ist sicher“ gilt doch schon länger nicht mehr.

Da rate ich allen einen nüchternen Blick auf die Fakten zu werfen. Kein anderes System hat sich in Zeiten der Niedrigzinsen so bewährt wie die gesetzliche Rente. Kein anderes System hat die Finanzmarktkrise so gut überstanden. Dass dies Anfang des Jahrtausends von vielen anders eingeschätzt wurde, ist richtig. Damals hatten wir fünf Millionen Arbeitslose, eine indiskutabel niedrige Frauenerwerbsquote, 55-Jährige wurden ausgemustert, es gab kaum Migration. Wir konnten in allen Bereichen die Situation deutlich verbessern.

Um die Babyboomer-Jahrgänge abzufedern, wurde die Riesterrente eingeführt. Kann man auf die dann verzichten?

Nein, auf einem Bein können wir nicht stehen. Das würde uns überfordern. Wir haben daher gerade die Betriebsrenten und auch die Riester-Rente gestärkt. Künftig gibt es Freibeträge von bis zu 204 Euro, die nicht mehr auf die Grundsicherung angerechnet werden.

Eine Solidarrente gegen Altersarmut halten Sie aber offenbar trotzdem für nötig.

Das ist richtig. Das hat aber weniger mit dem Rentenniveau als mit teilweise skandalös schlechten Arbeitsbedingungen zu tun, wo wir in der Koalition mit der Union nur teilweise mit dem Mindestlohn und strengeren Regeln für Leiharbeit und Werkverträge gegensteuern konnten. Die Solidarrente sorgt dafür, dass jeder, der ein Leben lang gearbeitet hat, am Ende mindestens eine Rente zehn Prozent oberhalb der Grundsicherung bekommt und dafür nicht ständig zum Amt rennen muss. Das ist eine Frage des Respekts vor der Leistung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.