Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung.
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Berlin - Im Zuge der Corona-Proteste ist verstärkt von Verschwörungstheorien die Rede. Die Amadeu Antonio Stiftung hat in Zusammenhang mit ihrem Engagement gegen Extremismus, Rassismus und Antisemitismus auch in diesem Bereich große Expertise entwickelt. Bei einem Aktionstag unter dem Motto „Glaube nicht alles, was du hörst“ will man am Freitag, dem 15. Mai, über Verschwörungsmythen und Antisemitismus aufklären. Aus diesem Anlass sprach die Vorsitzende der Stiftung, Anetta Kahane, mit uns über das Wesen von Verschwörungstheorien und darüber, wie man sich als unzufriedener Bürger davor schützen kann, ungewollt in dieser Ecke zu landen. 

Berliner Zeitung: Was ist eine Verschwörungstheorie und woher kommt der Begriff?

Anetta Kahane: Wir sprechen lieber von Verschwörungsmythen oder Verschwörungsideologien, denn an einer Theorie ist ja meistens etwas dran. Verschwörungsmythen haben ihren Ursprung in der Diaspora der Juden: Die Antisemiten haben den Juden unterstellt, sie würden etwas Böses im Schilde führen, um sich Vorteile zu verschaffen oder der Gesellschaft zu schaden. Der Antisemitismus ist der älteste Verschwörungsmythos, weil hier etwas massiv externalisiert wurde. Die Schuld an einem Problem wurde einer bestimmten Gruppe in die Schuhe geschoben.

Berliner Zeitung: Wo sehen Sie hier den Zusammenhang mit den aktuellen Corona-Protesten? Gibt es einen Unterschied zwischen Verschwörungstheorien und Antisemitismus?

Anetta Kahane: Das Wesen des Antisemitismus besteht darin, dass man den Juden unterstellt, sie hätten bestimmte Eigenschaften, Absichten und finanzielle Mittel, und würden diese einsetzen, um sich Vorteile auf Kosten anderen zu verschaffen. Die bekannteste Verschwörungstheorie gegen Juden sind die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“. In dieser Fälschung wurde den Juden unterstellt, sie planten im Geheimen die Übernahme der Weltherrschaft. Dieses Stereotyp findet sich immer wieder in Verschwörungsmythen, auch wenn es nicht auf Juden angewandt wird. Im Fall der Corona-Pandemie zum Beispiel wird Bill Gates genannt, der kein Jude ist.

Berliner Zeitung: Wie erkennt man solche Stereotypen zum Beispiel auf einer Anti-Corona-Demo?

Anetta Kahane: Das kann sich direkt äußern, etwa, wenn sich Leute einen KZ-Stern ans Revers heften und sagen: Wir sind die neuen Juden. Oder wenn behauptet wird, Bill Gates wolle das neue Auschwitz. Das ist eine aggressive Verharmlosung des Holocaust. Dann gibt es subtilere Methoden, etwa wenn von „der Ostküste“ geredet oder insinuiert wird, dass hinter Corona „die Juden“ steckten. Und schließlich gibt es die Methode, die fast wie ein Betriebssystem solcher Mythen funktioniert, und sich auf den Satz reduzieren lässt:„Es gibt welche, die wollen etwas Böses, und die haben das Geld, es durchzusetzen.“ Dabei ist es egal, ob es sich um Juden, Christen oder Chinesen als Feindbilder handelt.

Berliner Zeitung: Müsste man im Fall der Chinesen nicht eher vom Rassismus sprechen?

Anetta Kahane: Es funktioniert wie der Antisemitismus. Rassismus ist die Abwertung eines anderen Menschen wegen dessen ethnischer Herkunft. Hier hingegen geht es darum, dass man einer Gruppe etwas Böses unterstellt, dass man also sagt: Hinter einer bestimmten negativen Erscheinung steckt eine bestimmte Gruppe.

Berliner Zeitung: Bei Corona scheint es so zu sein, dass viele Menschen sehr aufgebracht sind und öffentlich demonstrieren. Können sie etwas tun, um nicht ebenfalls als Verschwörungstheoretiker zu gelten?

Anetta Kahane: In Deutschland hat jeder das Recht darauf, gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Aber auch berechtigter Protest läuft Gefahr, von extremen Gruppen gekapert zu werden. Bei den sogenannten Hygiene-Demos in Berlin konnte man das beobachten. Kein vernünftiger Mensch würde zu einer Demo gehen, die so sehr an Pegida erinnert. Da waren Leute mit wirklich verrückten, ja wahnhaften Ideen dabei. Und ich habe die Sorge, dass etwas Ähnliches passieren könnte wie bei Pegida, dass nämlich mit den argumentativen Salven von Extremisten Stimmung gemacht wird. Über diese Gefahr wollen wir auch auf unserem Aktionstag informieren und aufklären.

Berliner Zeitung: Was raten Sie den Leuten? Sollen sie besser gar nicht demonstrieren?

Anetta Kahane: Jeder sollte sich genau informieren, mit wem er da demonstriert. Wenn der Tenor lautet, Corona sei nur eine Erfindung, das gäbe es gar nicht, dann handelt es sich um eine Verschwörungstheorie und es ist anzunehmen, dass es sich um eine Demo von Extremisten handelt.

Berliner Zeitung: Was können die Leute alternativ machen?

Anetta Kahane: Ich finde auch einiges in der Corona-Krise problematisch. Aber man kann Briefe an seine Abgeordneten schreiben und seine Sorge oder Kritik so ausdrücken.

Berliner Zeitung: Wenn jemand aber trotzdem gerne öffentlich demonstrieren möchte?

Anetta Kahane: Er oder sie sollte genau darauf achten, was bei einer Demo geschieht. Sobald aggressive Sprüche gerufen werden, sollte man die Demo verlassen. Noch besser wäre es, eigene Demos zu veranstalten, bei denen man von vornherein ausschließt, dass Extremisten sie kapern.

Berliner Zeitung: Kann man das ausschließen?

Anetta Kahane: Natürlich. Man kann die Veranstaltung unter einem eindeutigen Titel anmelden, etwa „Für soziale Gerechtigkeit, gegen Verschwörungstheorien“. Man kann im Lautsprecher immer wieder darauf hinweisen, dass man gegen Verschwörungstheorien ist. Und man kann bestimmte Gruppen, die man an ihrem Äußeren erkennen kann – wie etwa die Rechtsextremen – von der Demo wegschicken. Wenn jemand allerdings nicht als aggressiver Verschwörungsanhänger zu erkennen ist, kann man ihm die Teilnahme an einer Demo natürlich nicht verbieten.

Berliner Zeitung: Könnte nicht die Amadeu Antonio Stiftung eine solche Demo organisieren? Die Leute könnten dann ohne Bedenken mitmarschieren.

Anetta Kahane: Die Stiftung organisiert prinzipiell keine Demos. Aber wir stellen es unseren Mitarbeitern frei, hinzugehen wo sie wollen. Und ich kann verstehen, dass viele Menschen im Moment sehr unruhig und besorgt sind.

Berliner Zeitung: Warum?

Anetta Kahane: Wir leben in einer furchtbaren Zeit. Viele Leute haben echte Existenzängste. Es gibt viele, die krisenbedingt ihren Job verlieren, vor allem die Selbstständigen, Freischaffenden und kleinen Unternehmer sind betroffen. Es gibt nicht nur ein Recht, sondern es ist geradezu eine Bürgerpflicht, gegen die Ungerechtigkeit zu protestieren.

Berliner Zeitung: Würden Sie selbst auch gegen gewisse Corona-Maßnahmen demonstrieren?

Anetta Kahane: Ja, das würde ich. Ich würde allerdings immer auf den Mindestabstand achten, weil ich zur Risikogruppe gehöre.

Berliner Zeitung: Sind Sie mit der Regierung nicht zufrieden?

Anetta Kahane: Ich finde, dass die Bundesregierung das bisher sehr gut gemacht hat. Das Vorgehen war transparent, die Wissenschaft hat eine große Rolle gespielt. Angela Merkel hat einen guten Job gemacht. Nun aber haben wir eine neue Phase, die der relativen Öffnung. Die Lage ist sehr unübersichtlich, auch, weil vieles in den Bundesländern und Landkreisen entschieden wird. Jetzt kommt es darauf an, wie man mit den Corona-Folgen umgeht, es geht es um die ökonomische Frage. Und da werde ich in der Tat ganz genau hingucken: Werden nur die großen Konzerne gerettet? Die Autoindustrie? Nimmt man die Zerstörung unserer Klein- und Mittelbetriebe, etwa in der Gastronomie, in Kauf? Wird den Kulturschaffenden geholfen? Wenn ich da feststelle, dass mit zweierlei oder gar dreierlei Maß gemessen wird, dann werde ich dagegen auf die Straße gehen.

Berliner Zeitung: Viele Hass-Attacken kommen über das Internet. Sie sind in der Beziehung ja selbst stark betroffen. Wie gehen Sie damit um – und was empfehlen Sie jemandem, der so attackiert wird?

Anetta Kahane: Ich habe schon Tage, da merke ich, dass es mir psychisch nicht so gut geht. Aber meistens kann ich das professionell einordnen. Mir hilft auch, wenn Solidarität von anderen kommt. Es stört mich allerdings, dass es immer wieder Leute gibt, die auf Hass-Postings reinfallen und das tatsächlich glauben. Die kommen dann zu mir und fragen: Stimmt es wirklich, dass Du das Internet zensierst? Das ist natürlich Unsinn.

Berliner Zeitung: Haben Sie persönlich in letzter Zeit eine Zunahme der antisemitischen Anfeindungen erlebt?

Anetta Kahane: Vor der Corona-Krise war die Welle der Hass-Postings sehr stark. Dann, in der Anfangszeit der Krise, ging es etwas zurück. Nun merkt man wieder einen Anstieg. Es werden wieder die typischen Stereotypen verwendet, dass ich denunziere oder zensiere und was es sonst noch an krassen Lügen gibt. Das alles beruht auf der Verschwörungsideologie, dass die Juden die Gesellschaft zersetzen.

Berliner Zeitung: Was macht man eigentlich, wenn ein bekannter Politiker solche Verschwörungstheorien verwendet? US-Präsident Trump ist da ja gelegentlich verhaltensauffällig …

Anetta Kahane: Trump ist nahe dran an den Verschwörungstheorien, In Brasilien ist es noch extremer, da verbreitet die Regierung selbst Verschwörungstheorien. Ich möchte weder in Brasilien noch in den USA leben.

Berliner Zeitung: In den USA ist es besonders interessant, weil Trump die Krise ja offenbar zu seinem Vorteil nutzt, etwa, indem er seine Immobilien steuerlich fördert.

Anetta Kahane: Es gibt ja auch wirklich Verschwörungen. Es gibt Situationen, da verabreden sich Leute, weil sie etwas Übles im Schilde führen. Und oft haben sie auch die Macht dazu. Entscheidend ist, dass es eine Öffentlichkeit gibt, die diese Politiker kontrolliert. Das ist in einer Diktatur nicht möglich.

Berliner Zeitung: In den USA werfen jetzt allerdings die Rechten der Opposition vor, sie würde „linke Verschwörungstheorien“ verbreiten.

Anetta Kahane: Für mich ist das ein verzweifelter Versuch, die Bankrotterklärung Donald Trumps und das totale Versagen seiner Regierung zu vertuschen. Sie werden damit aber nicht durchkommen, weil über die sozialen Netzwerke eine starke Gegenwehr möglich ist.

Berliner Zeitung: Aber Trumps Truppen hatten im Wahlkampf wohl auch die sozialen Netzwerke unterwandert, denken wir an den Skandal um Cambridge Analytica.

Anetta Kahane: Man kann nicht ausschließen, dass eine Regierung versucht, die sozialen Netzwerke zu unterwandern. Wir müssen da sehr wachsam sein. In Diktaturen ist es ja üblich, dass zensiert oder gar geschlossen wird. Mich besorgt aktuell, dass Facebook wegen der Corona-Krise viele seiner Mitarbeiter nach Hause geschickt hat und sie vom Homeoffice aus arbeiten lässt. Falls Trump als Präsident wiedergewählt wird, dann könnte es tatsächlich schwierig werden.

Das Gespräch führte Michael Maier.