Berlin - Das Bemerkenswerteste an Angela Marquardt ist vielleicht, dass sie immer noch ein bisschen so aussieht wie früher – die Frisur, das Piercing über der linken Augenbraue, Ringe an Ohren und Fingern, gelber Kapuzenpulli, schwere schwarze Schuhe, wo einst vielleicht Springerstiefel gewesen wären. Sie erscheint immer noch als der Punk, der Anfang der 90er Jahre die öffentliche Bühne betrat und zunächst die PDS und dann die Talkshows erfrischte.

Wer so aussieht, der hat entweder seine innere Mitte gefunden. Oder er bleibt alten Mustern verhaftet. Auf Angela Marquardt trifft beides nicht zu. Immerhin ist nicht mehr die Getriebene. Vielmehr will sie vor aller Augen zunächst die eigene und überaus schmerzvolle Geschichte aufarbeiten, um danach vielleicht ein neues Leben zu beginnen.

Während der Rest der Republik das Thema Staatssicherheit längst zu den sprichwörtlichen Akten gelegt hat, holt die Mecklenburgerin es auf 233 Buchseiten unter dem Titel: „Vater, Mutter, Stasi – Mein Leben im Netz des Überwachungsstaates“ abermals hervor.

Menschen, die sich mit Marquardts Leben auskennen, wundern sich. Das vermeintlich Neue ist seit fast 13 Jahren bekannt. Im Prinzip. Am 12. Juni 2002 meldete die „Bild“-Zeitung: „Enttarnt: PDS-Star Marquardt war Stasi-IM“. Ein Journalist hatte über minderjährige Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit recherchiert. Dabei stieß er auf den buntesten Vogel, den die Partei des Demokratischen Sozialismus zu bieten hatte: auf Marquardt, zeitweilig stellvertretende Vorsitzende. Vor allem hatte sie in den eigenen Reihen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur geworben, Belastete nicht geschont.

Marquardt war erst 14, als sie der Stasi von ihren Eltern regelrecht zugeführt wurde. An vieles könne sie sich nicht mehr erinnern, sie sei noch ein Kind gewesen, sagte sie damals. Der Immunitätsausschuss des Bundestages kam zu dem Ergebnis, dass keine wissentliche Verstrickung vorlag. Ohnehin hatte die Faszination des Themas Stasi bereits abgenommen.

Ein doppelter Missbrauch

Marquardts Geschichte sorgte also nur vorübergehend für Wirbel, hat aber bei ihr Spuren hinterlassen. Genossen reagierten mit Häme: „Ist das nicht die Stasi-Schlampe von der PDS?“

Jetzt hat Marquardt, die seit 2008 der SPD angehört und für Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles arbeitet, sich ihrer Vergangenheit gestellt. Vordergründig war ein äußerer Anlass ausschlaggebend. Im November 2013 traf sie im heimischen Greifswald auf ihren ehemaligen Führungsoffizier Jörg S. Während sie die Last ihrer Geschichte bis heute spürt, spürt der, der ein Netz von 20 IMs koordinierte, offenbar gar nichts. Das Buch schildert einen doppelten Missbrauch.

Der Stiefvater Angela Marquardts erweist sich als Ungeheuer. Bei einer Fahrt in die Ferien geht der Mann namens Michael mit dem neunjährigen Mädchen auf der Insel Rügen in eine Pension, missbraucht es dort und wird es von da an tun, wann immer sich die Gelegenheit bietet.

Der Stiefvater, Alkoholiker, an einem Theater beschäftigt, ist Inoffizieller Mitarbeiter des MfS – wie die Mutter. Eines Tages beginnen sie, die Tochter auch politisch zu missbrauchen. Auf die Vermittlung der Eltern hin, arbeitet sie ab dem 14. Lebensjahr ebenfalls als IM und unterschreibt bald eine Verpflichtungserklärung.

Stasi-Leute gehen bei den Marquardts ein und aus und geben der Tochter das Gefühl, wichtig zu sein. Sie gibt Informationen über Mitschüler preis, die konfirmiert waren oder deren Familie einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Später kommt die Stasi auf die Idee, dem nicht religiösen Mädchen, das eigentlich Leistungssportlerin bei der Nationalen Volksarmee werden will, ein Theologiestudium schmackhaft zu machen. Das Kalkül der Staatsmacht ist so klar wie irre. Jugendcliquen und Schulklassen gelten als unzugänglich. Um zu erfahren, was dort gedacht und getan wird, braucht man junge Spitzel. So eine wie Angela. 1989 gab es rund 1300 von ihrer Sorte. Und für die unter Oppositionsverdacht stehenden Kirchen kann man Spitzel erst recht gut gebrauchen. Marquardt hat Glück, dass die Mauer fällt.

Als der Fall publik wurde, war es der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), der die Geschichte der PDS-Fraktion mitteilte. Heute sagt er: „ Als ich das gelesen habe, hätte ich beinahe geheult.“

Nüchterne Aufarbeitung der Dokumente

Als Angela Marquardt im Sommer des Jahres 2002 im Immunitätsausschuss Rede und Antwort stehen musste, reagierten die Abgeordneten Eckart von Klaeden (CDU) und Steffi Lemke (Grüne) unverständig. Der Niedersachse von Klaeden wusste wahrscheinlich nicht allzu viel von der DDR. Lemke, in der DDR aufgewachsen und oppositionell gesinnt, konnte nicht glauben, dass die ungefähr Gleichaltrige mit 15 nicht gewusst haben wollte, was die Stasi war. Für Marquardt zeigte sich, dass Menschen in demselben und dennoch einem ganz anderen Land leben konnten. Allein der Liberale Max Stadler lief aus Verzweiflung aus dem Saal. Der noble Niederbayer sagte, man könne einem Heranwachsenden doch aus all dem keinen Strick drehen.

Marquardt ist der Sache nun im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund gegangen, hat alle verfügbaren Akten durchgesehen, sich beim Stasi-Unterlagen-Beauftragten Roland Jahn Rat geholt, mit Zeitzeugen und möglichen Opfern gesprochen. Sie ist, unterstützt von der Co-Autorin Miriam Hollstein, um Distanz bemüht, was dem Buch gut tut. Es ist nicht weinerlich, sondern nüchtern. In dieser Nüchternheit hat Selbstbehauptung ebenso Platz wie Scham, Schuld und Wut. So steht in einem der ersten Berichte über den angehenden Inoffiziellen Mitarbeiter „Katrin Brandt“, Marquardts Aliasname: „Es wird eingeschätzt, dass der IM-Kandidat konkreter zur Informationsgewinnung genutzt werden kann, da er ohne Vorbehalte auf Meinungen und Anfragen des MfS positiv reagiert.“ Daher rührt die Scham. An anderer Stelle steht, es bestehe „kein generelles Vertrauensverhältnis zum MfS“. Dazu schreibt Marquardt: „Es sind solche Sätze, die mich an meine Würde glauben lassen – auch als Minderjährige.“ Ja, sie geht mit sich ins Gericht.

Kurz nach dem Mauerfall drückte man Angela Marquardt einen Sticker in die Hand mit der Aufschrift: „Ich bin frei.“ Doch frei ist sie bis heute nicht. Stattdessen spricht sie von „Schuldgefühlen, mit denen ich ein Leben lang klar kommen muss“. Das Buch ist der Versuch, Freiheit zu gewinnen.

„Ich will diese Familie nicht“

So stieß die erwachsene Frau beim Studium der Akten auf den Umstand, dass nicht bloß ihre Mutter, ihr Stiefvater und sie für die Stasi gearbeitet hatten, sondern auch der Opa. Der hörte nicht aus Einsicht auf mit der Spitzelei, sondern weil er in ein Neubaugebiet umzog, in dem es genug Spitzel gab. Über den Augenblick, als sie dessen gewahr wird, schreibt Marquardt: „Ich saß wie betäubt im Lesesaal (der Stasi-Unterlagenbehörde) und hatte nur einen Gedanken: Ich will diese Familie nicht.“

Angela Marquardt ist sich nicht sicher, wie die Reaktionen ausfallen werden – zumal sie es ihren alten Freunden in der Linkspartei nicht erspart, die DDR auch im Lichte der eigenen und reflektierten Erfahrungen umso energischer einen Unrechtsstaat zu nennen. Überhaupt ist sie unsicher, vermutlich weil sie insgeheim nach Geborgenheit sucht. Wie früher.

„Ich werde sicher alles erleben“, sagt Marquardt am Ende des Gesprächs. „Es werden Leute kommen und mir vorwerfen, dass ich versuche, mich reinzuwaschen. Manche sagen mir, dass sie's mutig finden und fragen: Warum holst Du diese Geschichte wieder hoch? Ist doch egal.“

Nein, ihr sei es nicht egal, sagt sie zum Abschied. „Ich versuche, die Hoheit über meine Biografie zurückzubekommen. “