Berlin - Nach einer Stunde kam der erste Mann zu Wort. Und seine Frage war kurz und klar: „Wann darf ich meinen Mann Ehemann nennen?“ Die Kanzlerin reagierte bekümmert. Es gehe doch hier um sehr private Dinge, erwiderte sie, und dass es nicht gut sei, dass die politischen Mitbewerber „mit einem Junktim“ arbeiteten. Also: Koalition nur mit Ehe für alle. Die Dinge müssten sich „eher in Richtung einer Gewissensentscheidung“ entwickeln. Dabei wäre der Ehe für alle bei einer Abstimmung im Bundestag ohne Fraktionszwang eine Mehrheit sicher. Die Aussage galt manchen Beobachtern als kleine Sensation. Denn die CDU will das nicht.

Angela Merkel war am Montagabend im Berliner Maxim-Gorki-Theater Gast der Frauenzeitschrift Brigitte. 90 Minuten stellte sie sich den Fragen der Redakteurinnen Brigitte Huber und Meike Dinklage sowie des Publikums. Direkter als sonst solle es zugehen, sagte Verlagschefin Julia Jäkel. Und die Persönlichkeit solle im Vordergrund stehen – im Gespräch mit jener Frau, die nach Auskunft von Jäkels kleiner Tochter „doch die Chefin von Deutschland“ sei. Tatsächlich wurde es kurzweilig. Und es wurde viel gelacht.

Unterschiede zu Donald Trump 

Einerseits ging es um die große Politik. So wurde Merkel nach der Flüchtlingskrise gefragt und nach ihrem berühmten Satz: „Wir schaffen das.“ Sie antwortete, dass der durchaus „eine Mitmachkomponente“ gehabt habe, aber ebenso ihrer Überzeugung entsprach. Auch wollten die Moderatorinnen wissen, wie es um das Verhältnis der Kanzlerin zu den USA und Donald Trump bestellt sei. Von dem trenne sie die Überzeugung, dass die Globalisierung zum Nutzen aller gestaltet werden könne, während der Mann im Weißen Haus lediglich Gewinner oder Verlierer kenne. Und schließlich gab Merkel ihrem Unbehagen Ausdruck, dass er ihr beim Besuch in Washington vor Kameras nicht die Hand gegeben habe – mit der Begründung, dass habe er ja vorher schon getan.

Selbstredend durfte auch Martin Schulz nicht fehlen. Nachdem der SPD-Kanzlerkandidat vor zwei Wochen am selben Ort erklärt hatte, er schätze an Merkel die Nervenstärke und Gelassenheit, lobte sie nun zurück: „Er kann gestochen scharf sprechen. Und er ist unerschütterlich in seinem Glauben an Europa.“ Das finde sie gut. Weniger gut findet die Konkurrentin hingegen Schulz‘ jüngste Kritik, ihr angeblich so passiver Wahlkampf mit dem Ziel, SPD-Wähler von den Urnen fernzuhalten, sei ein „Anschlag auf die Demokratie“. „Schwamm drüber“, tadelte Merkel trotzdem recht sanft.

Kleine Einblicke ins Persönliche

Andererseits ging es um scheinbar Persönliches, das, wer wollte, hier und da ins Politische wenden konnte. So erläuterte Merkel mit Blick aufs Wandern, sie könne beim Absteigen die Füße schlechter setzen. Und ein Pokerface zu machen – nein, das habe sie aufgegeben. „Ich kann’s nicht; das war schon in der Schule mein Problem.“ Immerhin fühle sie sich wohler, „seitdem nicht mehr über meine Haare gelästert wird“. Zu guter Letzt gestand die viel reisende Regentin ein, beim Betreten eines Hotels sei es „manchmal gar nicht so einfach, den Lichtschalter zu finden“. Ähnlich schwierig sei es zuweilen mit der Klimaanlage. Wer mal in Zimmern von Merkels Kategorie übernachtet hat, der weiß, warum. Da nehmen die Schalter oft kein Ende.

Und dann war da noch das Thema Feminismus. Dass sie sich kürzlich nicht als Feministin habe bezeichnen wollen, sei einfach dem Umstand geschuldet gewesen, dass sie sich nicht mit fremden Federn habe schmücken wollen, betonte Merkel. Aber natürlich brauche es ein anderes Verhältnis von Frauen und Männern zueinander. Und natürlich müsse Schluss sein mit den gläsernen Decken, gegen die Frauen bei der beruflichen Karriere stießen.

Das vorletzte Wort hatte wieder ein Mann – und zwar ein junger Flüchtling aus Afghanistan, der sich über die lange Dauer seines Asylverfahrens ärgert. Die „Chefin von Deutschland“ versprach, sich seinen Namen geben lassen und der Sache nachgehen zu wollen.

Da war es wieder: Wir schaffen das.