Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei ihrem Besuch in Chemnitz Verständnis für ein mangelndes Sicherheitsgefühl in der Stadt gezeigt. Bei einer Gesprächsrunde mit Lesern der Tageszeitung Freie Presse in Chemnitz sagte Merkel am Freitag, sie könne die Aufregung und Erregung vieler Menschen in der Stadt verstehen, nachdem Ende August ein Chemnitzer vermutlich von Asylbewerbern erstochen worden war.

Diese Erregung rechtfertige aber nicht, bei rechtsradikalen Demonstrationen Straftaten zu begehen, sagte sie. Bei den Protesten nach der Tat war es zu fremdenfeindlichen Übergriffen gekommen.

Ein bewusst gewählter Zeitpunkt

Merkel verteidigte sich gegen Kritik, nach der Einladung von Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) zu spät in die Stadt gekommen zu sein. Sie habe lange darüber nachgedacht, wann der beste Zeitpunkt für ihren Besuch sei – auch vor dem Hintergrund, dass sie auf viele Menschen polarisierend wirke. Sie habe nicht in einer völlig aufgewühlten Stimmung kommen wollen. Nun gehe es für sie darum zu prüfen, was auch der Bund dafür tun könne, damit die Stadt nicht dauerhaft in ein falsches Licht gerückt werde.

Ende August war ein 35-jähriger Chemnitzer vermutlich von Asylbewerbern erstochen worden. Tausende Bürger, darunter auch Rechtsradikale, waren danach auf die Straße gegangen. Es gab auch fremdenfeindliche Übergriffe, Attacken auf jüdische, persische und türkische Restaurants, und die rechte Terrorgruppe „Revolution Chemnitz“ wurde aufgedeckt.

Zum Auftakt ihres fünfstündigen Besuches gibt es aber erstmal ein bisschen Sport. Angela Merkel steht am Freitagnachmittag auf dem Parkett der Richard-Hartmann-Halle und schaut den Nachwuchs-Basketballern des Zweitligisten Niners zu. Die Chemnitzer sind aktuell die Spitze der 2. Bundesliga. Mit einem Großaufgebot an Medien und Polizei kommt Merkel in die Turnhalle. 

Ein Trikot mit der Nummer 99

Während sie sich von Vereinspräsidentin Micaela Schönherr Details zur Nachwuchsarbeit des Clubs berichten lässt, absolvieren die Spieler der U16- und U19-Mannschaften ein Showtraining. 600 Kinder und Jugendliche trainieren in dem Verein, unter ihnen sind natürlich auch Migranten. Sport vereine Menschen unterschiedlicher Herkunft, sagt Sportdirektor Konstantin Lwowsky der Leipziger Volkszeitung. „Hier fragt keiner, wo du herkommst, was du hast.“ Das ist wohl auch der Grund, warum die Kanzlerin in der Halle vorbeischaut.

„Okay“, sagt Angela Merkel, reicht den Ball weiter und beendet damit die Fotosession. Neben dem Basketball mit Unterschriften bekam die Bundeskanzlerin ein Trikot mit der Nummer 99 und ein gerahmtes Mannschaftsfoto geschenkt. Zuvor hatten sich die Spieler im Halbkreis zum Small Talk um sie versammelt. Unter Ausschluss der 137 für diesen Programmpunkt akkreditierten Medienvertreter ziehen sich die Politikerin sowie die Spieler und Clubverantwortlichen zum Gespräch in eine Sitzecke aus Turnhallenbänken und Sporthockern zurück.

„Man hatte schon so seine Bedenken“

Begleitet wird Merkel von Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) und der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD). Die Oberbürgermeisterin bewertet den Besuch der Kanzlerin mit Skepsis. Es lasse sich noch nicht sagen, ob er mehr als eine Geste und für die Stadt eine Unterstützung sei, lässt die SPD-Politikerin mitteilen. Chemnitz sei eine sichere, lebenswerte, eine internationale Stadt.

Den jungen Basketballern hat der Besuch gefallen. Stellvertretend für die anderen sprechen danach Robert Marmai und Dominic Tittmann. Die beiden sehen den Abstecher der Bundeskanzlerin zu ihrem Training und die anschließende lockere Runde mit ihr durchweg ohne Vorbehalte. Das sei ein tolles Erlebnis für alle Spieler gewesen, sagt der 17-jährige Marmai. In der entspannten Fragerunde seien sowohl Alltagsthemen als auch die Ereignisse von Ende August zur Sprache gekommen. 

„Man hatte schon so seine Bedenken, aber ich muss sagen, dass hat sich mittlerweile gelegt“, beschreibt er die derzeitige Stimmung in Chemnitz. Auch die Kritik am Zeitpunkt des Kanzlerinnen-Besuchs ließ den U19-Spieler kalt. „Schlussendlich war sie jetzt da.“ (dpa, tom.)