Berlin - Stolz zeigt Souan Rodin zwei „Dokumente“. Auf dem einen steht über seinem Namen „Aufenthaltsgestattung“. Es trägt den Stempel des 9. Juli. Das andere ist ganz aktuell: Es zeigt den Kopf des jungen Syrers gemeinsam mit dem der deutschen Bundeskanzlerin. Ein „Selfie“, das er mit seinem Handy aufgenommen hat. Gleich wo Angela Merkel hinkommt, ob Bundeswehrsoldaten, Fußballer oder Flüchtlinge: Alle wollen nur das eine: Ein Bild mit ihr. „Merkel sehr gut“, sagt auch der 23-jährige Hammd, der behauptet, in einem fünfwöchigen Fußmarsch aus einem Lager in der Türkei nach Deutschland gekommen zu sein. Die beiden kleinen Kinder und seine Frau seien noch dort – aus der Heimat geflohen vor einem Chemiewaffeneinsatz im Bürgerkrieg.

Warten auf die Bundeskanzlerin

Es herrscht ein buntes Treiben im Industriegebiet am äußersten Ende von Spandau: Junge und alte Männer unterschiedlicher Nationalitäten. Auch eine Familie aus Moldawien ist darunter. Freiwillige Helfer, die Brötchen verteilen. Journalisten mit Böcken und Mikrophonen bewaffnet, die ein wenig vom Flüchtlingsschicksal aufschnappen wollen und ansonsten tun, was alle hier tun: Warten auf die Bundeskanzlerin. Jubel, als ein Schatten durch die Scheiben des Treppenhauses zu sehen ist. Nein, sie kommt dann doch noch nicht heraus.

Hier draußen unterhält das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine Außenstelle. Hier betreibt die Arbeiterwohlfahrt auf der anderen Seite der Straße eine Erstaufnahme-Einrichtung. Hier läuft es ziemlich gut, bei allen Problemen, die der nicht enden wollende Andrang so mit sich bringt. Deshalb ist die Bundeskanzlerin hierhergekommen. Nach den Gesprächen mit Bewohnern, Beamten und freiwilligen Helfern verschweigt sie die Probleme nicht: Es geht langsam voran. Aber hier werde „akurat gearbeitet und jedes Schicksal ernst genommen“, sagte sie und bedankt sich bei allen Mitarbeitern und Helfern für deren Einsatz.

Ihre Wahl ist auch deshalb auf diesen Ort gefallen, weil hier zusammen betrieben wird, was ihrer Meinung nach zusammen gehört: Die Bearbeitung der Aufnahmeanträge und der erste Kontakt zur Vermittlung von Jobs. Wirklich ein Modellprojekt. So wie es hier angelegt ist, soll es überall gehen. „Ich denke, dieses Modellprojekt zusammen mit BA und BAMF steht stellvertretend für das, was wir in nächsten Monaten erreichen wollen“, sagt die Kanzlerin. Im Idealfall sollten Flüchtlinge mit dem Bescheid einer Bleibeerlaubnis bereits in Stellen oder Ausbildungen vermittelt werden.

Hilfe mit Enddatum

Die ehrenamtlichen Helfer berichten Merkel allerdings auch von ihren Problemen. „Wir können das nicht mehr sehr lange machen“, sagt Julia Grewe. „Irgendwann müssen wir auch wieder in unseren Berufen arbeiten“. Bei ihr ist die Zeit des Mutterschutzes bald zu Ende. „Hier muss es eine hauptamtliche Betreuung geben“, fordert die junge Frau.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld. Genauer gesagt: dem fehlenden Geld. Weil es an Unterkünften mangelt bekommt ein Teil der Flüchtlinge Gutscheine für Übernachtungen. Doch immer mehr Betreiber von Hostels und Herbergen, schüttelten nur noch den Kopf, berichtet Julia Grewe, nicht weil sie etwas gegen Flüchtlinge hätten. Das Lageso, das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, sei ein äußerst säumiger Zahler. Manche Betreiber von Unterkünften hätten Außenstände von etlichen Tausend Euro. Angela Merkel ist mit ihrer Wagenkolonne inzwischen wieder davon gefahren. Zur nächsten vorbildlichen Einrichtung.