Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel.
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BerlinAch, wie oft wurde Angela Merkel in den vergangenen Jahren schon abgeschrieben. Und doch ist sie immer noch da, die ewige Kanzlerin. So auch am Mittwoch, in der Fragestunde des Bundestages. Bevor sie aufsteht, um die Fragen der Abgeordneten zu beantworten, schiebt sie ihr Wasserglas von rechts nach links, damit das Mikro nicht stört. So ein kleiner Handgriff, so viel Routine.

Am Ende ihrer Amtszeit sind langjährige Regierungschefs oft lame ducks, lahme Enten. Nicht Angela Merkel. Sie widerspricht allen Regeln, mal wieder, ist mit Abstand die beliebteste Politikerin des Landes, wird im Inland und Ausland gelobt, für ihr Krisenmanagement, ihren Einsatz für Europa. „Wonder Merkel“, schrieb die FAZ. Nicht die jungen, scheinbar so dynamischen und vielversprechenden Männer wie der Franzose Emmanuel Macron oder der Kanadier Justin Trudeau haben in den vergangenen Monaten den Ton gesetzt, sondern Mrs. Mörkel, wie die Engländer sagen. In wenigen Tagen feiert sie ihren 66. Geburtstag.

Der Wiederaufbau Europas nach der Corona-Krise

Der Mittwoch ist ein besonderer Tag, in jeder Hinsicht. Vor genau dreißig Jahren fuhren Laster aus der Bundesrepublik tonnenweise D-Mark in die DDR. Es war der Tag der Währungsunion. Angela Merkel war auch damals schon dabei, als stellvertretende Regierungssprecherin der letzten DDR-Regierung. Außerdem ist es der Tag, an dem Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt. Merkel wird in den nächsten Monaten noch einmal ganz besonders präsent sein und das Schicksal der Union prägen.

Denn darum geht es, ums Ganze, das macht sie an diesem Mittwoch in einer Vorrede klar, in der sie die großen Themen der Ratspräsidentschaft anklingen lässt: den Wiederaufbau Europas nach der Corona-Krise und die Verhandlungen zum Austritt der Briten. Sie sagt, man müsse sich drauf gefasst machen, dass die Gespräche nicht zu einem Abkommen führen. „Die Fortschritte sind übersichtlich“, sagt sie. Typisch Merkel: Vorsicht zeigen, Erwartungen herunterschrauben.

Solch eine Fragestunde im Bundestag ist eine recht gesetzte Angelegenheit, ein Abgeordneter stellt eine Frage seiner Wahl, die Kanzlerin antwortet, eine einzige Nachfrage ist erlaubt. Es ist nicht wie in Großbritannien, wo es bei der wöchentlichen Fragestunde oft zu  Redeschlachten zwischen Opposition und Regierungsbank kommt. Und trotzdem wird man die Kanzlerin in den nächsten gut sechzig Minuten in Hochform erleben, gut informiert, witzig, schlagfertig.

Die erste Frage kommt von der AfD: Die größte Oppositionspartei im Bundestag lässt es sich nicht nehmen, zumindest zu versuchen, die von ihnen verhasste Regierungschefin vorzuführen, zu attackieren. Wer allerdings am Ende wen vorführt, das ist die Frage.

Der AfD-Abgeordnete Gottfried Curio will wissen, warum Angela Merkel Innenminister Horst Seehofer (CSU) daran gehindert hat, eine Anzeige gegen die taz zu stellen. In der taz war eine umstrittene Kolumne erschienen, die Polizisten mit Müll gleichsetzte. Seehofer hatte per Bild-Zeitung verkündet, die Autorin des Textes verklagen zu wollen. „Warum haben Sie Seehofer dabei nicht unterstützt“, fragt Curio.

„Wir haben Pressefreiheit, wie Sie sicherlich wissen“, kontert Merkel trocken. Natürlich wird sie nicht sagen, dass sie Seehofer die Anzeige ausgeredet hat. Selbst wenn es so gewesen ist. Jedenfalls hat der Innenminister am Ende keine Anzeige erstattet.

Diese Blicke, diese Gesten

Curio ist damit nicht zufrieden, redet weiter, es fallen Wörter wie Linkspresse, Linksverschiebung, Linksdings. Merkel antwortet, scheinbar gelassen. Als jemand von der AfD dazwischenredet, dreht sie den Kopf um, und man sieht ihr Gesicht, und man sieht ihren tödlichen Blick. „Kann ich mal ausreden“, sagt sie. Diese Blicke, diese Gesten.

Die nächste Frage kommt aus der Linke-Fraktion. Was will Merkel tun, um die zunehmende Spaltung von Arm und Reich zu verhindern, will eine Abgeordnete wissen. Jetzt wird Merkel wieder staatstragend. „Wir erleben den stärksten Wirtschaftseinbruch, den wir je hatten. Wir kommen in eine sehr ernste Zeit“, sagt sie. Das ist auch eine Botschaft an alle, die denken, die ernste Zeit sei schon vorüber.

Wenn man in den vergangenen Wochen die anderen Staatschefs betrachtete, das Macho-Gehabe eines Macron („Wir sind im Krieg mit dem Virus“), die Verantwortungslosigkeit eines Boris Johnson, die Gefährlichkeit eines Donald Trump, dann war man froh über Angela Merkel. Und auch wenn man ihr hier zuhört, nach diesem irren halben Jahr, dann erwischt man sich bei dem Gedanken, dass man sich fast wünscht, ihre Amtszeit möge niemals enden.

Als sie in der Anfangsphase der Corona-Zeit selbst in Quarantäne gehen musste, weil sie von einem Arzt behandelt wurde, der sich später als infiziert herausstellte, hatte manch einer fast ein bisschen Angst um sie. Was wäre, wenn sie erkrankte und auch auf die Intensivstation muss wie der Brite Johnson?

Aber Angela Merkel wurde nicht krank und meldete sich nach zwei Wochen aus der Quarantäne zurück. Ihre Partei, die CDU, gewinnt Zustimmungswerte, von denen sie lange nur träumen konnte. Im Mai sinnierte selbst Innenminister Seehofer, seit der Flüchtlingskrise einer ihrer schärfsten Kritiker in der Regierung, über eine mögliche Verlängerung ihrer Amtszeit. Merkel regiert seit 2005, so lange wie kein Bundeskanzler vor ihr. Sie ist länger im Amt als Adenauer oder Kohl. Eine ostdeutsche Frau hat alle Rekorde der Bundesrepublik gebrochen.

Theoretisch wäre sogar eine fünfte Amtszeit möglich. Anders als in den USA gibt es keine Begrenzung der Amtszeiten. Aber sie hat im Oktober 2018 gesagt, sie wolle in Würde gehen. Damals, als sie den CDU-Vorsitz aufgab. Auf Nachfrage hat sie auch in den vergangenen Wochen immer wieder betont, dass sie keine weitere Amtszeit wolle.

Sie hatte schon eine Nachfolgerin auserkoren, auch wenn sie das nie nach außen zeigte. Doch es funktionierte nicht, die Saarländerin Annegret Kramp-Karrenbauer blieb als Parteivorsitzende im Schatten der Kanzlerin, im Februar warf sie den Job als CDU-Chefin hin. Im Moment hat sie vollauf damit zu tun, die Bundeswehr aufzuräumen.

Ein Vorteil der Corona-Krise bestand darin, dass die Spekulationen zur CDU-Nachfolge pausierten. Die Push-Meldungen zur Laschet-Merz-Röttgen-Söder-Frage nehmen seit kurzem wieder zu. Und wenn man jetzt von „Merkel Forever“ träumt, mag das auch einer gewissen Nostalgie geschuldet sein.

Angela Merkel verfügt über eine Tugend, die selten geworden ist

Merkels Erfolgsgeheimnis? Ist sie so erfolgreich, weil sie eine ostdeutsche Frau ist? In der Corona-Krise hat ihr eines geholfen: dass sie Wissenschaftlerin ist. Mit anderen Wissenschaftlerin reden, Sachverhalte begreifen, einordnen, erklären: niemand kann das besser als die promovierte Physikerin. Sie verfügt außerdem über eine Tugend, die selten geworden ist. Sie kann warten, sie ist keine, die gleich eine Meinung zu allem haben muss. Das ist etwas Besonderes geworden in einer Zeit, in der ein Großteil der Menschen den Tag damit verbringt, zu allen möglichen Vorgängen sofort Meinungen zu entwickeln.

Kurz vor Schluss kommt im Bundestag eine Frage zur Frauenquote in den Vorständen: ein umkämpftes Thema der Koalition, einen Vorschlag der SPD-Bundesfamilienministerin Franziska Giffey blockiert die CDU/CSU-Fraktion seit Monaten. 115 der 188 börsennotierten größten deutschen Unternehmen haben keine Frau im Vorstand. Giffey will das ändern. Sie sei mit der Familienministerin im Gespräch, sagt Merkel am Mittwoch. Sie finde es „absolut unzureichend“, wenn es keine Frau in einem Vorstand gebe. Das nahe Ende ihrer Amtszeit scheint sie freier und mutiger gemacht zu haben. Nicht nur in Frauenfragen. Auf einen Zwischenruf, wie lange das noch dauere mit der Quote, antwortet sie lächelnd: „Ich kenne die Grenzen meiner Amtszeit.“