Angela Merkels Rede zum Tag der Einheit hat die Beobachter aus Europa überrascht: Merkel räumte ungewohnt emotional mit dem jahrzehntelangen Mantra auf, dass der deutschen Einheit automatisch die gelungene Integration gefolgt wäre. Merkel nannte zwei Beispiele: Einmal sei über sie gesagt worden, ihre ostdeutsche Geschichte sei aus bundesdeutscher Perspektive ein „Ballast“, ein anderes Mal habe ein Journalist sie als „angelernte“ Bundesdeutsche bezeichnet und ihr sogar vorgeworfen, sie könne sich als Ostdeutsche nicht völlig mit ihrem Staat identifizieren.

Das ist starker Tobak. Die Kanzlerin musste ja nicht irgendwo in einem schäbigen Vorort ihrer DDR-Vergangenheit nachtrauern. Als Kanzlerin kam sie in den Genuss aller Annehmlichkeiten des zweithöchsten Amtes im Staat. Ihr bewusst zum Ende der Amtszeit adressiertes Fremdheitsgefühl ist keine schlechte Laune, sondern legt eine echte Verletzung offen. Es geht nicht nur ihr so: Viele Ostdeutsche haben erlebt, wie ihre Biografien, ihre Erfahrung und ihre Leistungen mit einem Schlag zu „Ballast“ wurden.

Geschichte der Ostdeutschen als wertvolle Lehre

Die Optionen, die ihnen eine in der Welt sattsam bekannte bundesdeutsche Herablassung zugestand, schienen demnach Opportunismus, demütiges Schweigen und allenfalls ein Denkzettel am Wahltag. Doch es ist eben ungerecht, und genau dagegen hat sich Merkel nun aufgelehnt, die Ostler so einhegen zu wollen.

Angela Merkel hat in ihrem Last-minute-Bekenntnis auch gesagt, dass gerade die Geschichte der Ostdeutschen – also das Leben mit einer radikalen Disruption – wichtige und positive Lehren für die Zukunft bereithält. Diese Erkenntnis ist das Vermächtnis der ersten Kanzlerin aus dem Osten, die das nüchtern-freundliche Gesicht eines anderen Deutschland gezeigt und so Geschichte geschrieben hat.