Berlin - Eine schwarz-rot-goldene Kette um den Hals der Kanzlerin war es, was vom letzten TV-Duell vor der Bundestagswahl 2013 mit am eindrücklichsten blieb vom TV-Duell. Das und der Satz von Angela Merkel „Sie kennen mich“. Drei Worte und ein Schmuckstück in den Farben der Deutschlandfahne also als Bilanz von 90 Minuten Sendezeit, in denen viel gefragt und geantwortet wurde. Es zeigt, wie Nebensächliches plötzlich zur Hauptsache werden kann, wie wichtig auch noch so banal klingende Botschaften sein können, wenn sie nur plakativ genug sind.

Am Sonntag nun treffen Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zu ihrem TV-Duell zusammen, drei Wochen vor dem Wahltag, dem 24. September. Es ist die einzige direkte Begegnung der beiden Konkurrenten im Wahlkampf, die einzige Möglichkeit für Schulz, die Amtsinhaberin direkt herauszufordern. Ein „Hochamt“ nennt  die ARD-Moderatorin Sandra Maischberger das Format deshalb.

Und SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann macht den Fernsehabend sogar zu so einer Art Tag der Entscheidung. Bei der Aufholjagd der SPD spiele das Duell eine große Rolle, weil noch so viele Wähler unentschlossen seien, sagte Oppermann im ZDF.

Für Schulz kann es nur noch besser werden

Möglicherweise macht Oppermann noch ein weiterer Umstand Hoffnung, der auf den ersten Blick niederschmetternd scheint: Nach dem ARD-Deutschlandtrend des Umfrageinstituts Infratest Dimap gehen 64 Prozent der Befragten davon aus, dass Merkel aus dem Duell als Siegerin hervorgeht. Schulz trauen nur 17 Prozent zu, nach 90 Minuten besser dazustehen als die Kanzlerin. Bei so geringen Erwartungen kann man nur zulegen, mag das Kalkül der SPD sein.

Dazu kommt, dass Merkel in ihren bislang drei Fernsehduellen nie besonders gut abgeschnitten hat und alle ihre SPD-Gegner gegen sie punkten konnten. Beim ersten Mal, nachdem der damalige Kanzler Gerhard Schröder wegen des Streits um die Agenda 2010 Neuwahlen ausgerufen hatte, konnte man das noch mit Merkels mangelnder Erfahrung begründen, mit Schröders Amtsbonus und den großen Vorbehalten der Bevölkerung gegen die Oppositionsführerin. Bei der letzten Wahl 2013 gelang es auch dem damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, Merkel in der Gesamtwertung knapp zu überrunden. Die Umfragewerte der SPD stiegen danach um drei Prozentpunkte. Für einen Wahlsieg der SPD allerdings reichte das bei weitem nicht.

Drei Prozentpunkte mehr in den Umfragen sind laut Forsa-Chef Manfred Güllner nach dem Sonntag auch dieses Mal wieder drin für die SPD. Schulz habe „zumindest eine Chance, die Werte für die SPD ein bisschen nach oben zu treiben“; sagte er dem Deutschlandfunk.

Es scheint mithin logisch, dass Merkel seit jeher und auch in diesem Jahr wieder so vehement einen zweiten Duell-Termin ablehnt. Auch einer Änderung des Sendeformats hat sie nicht zugestimmt. Die Sender ARD, ZDF, SAT1 und RTL, die das Duell gemeinsam bestreiten und jeweils einen Moderatoren stellen, hätten am liebsten zwei Fragerunden mit je zwei Moderatoren hintereinandergeschaltet. Sie finde, dass die Formate der Vergangenheit „sich gut bewährt haben“, befanden Merkel und ihr Team. Eine Absage des Duells stand offenbar im Raum – die Sender entschieden sich, das nicht zu riskieren.

Schulz muss angreifen

Am Sonntag wird es nun also wohl um Flüchtlingspolitik, Steuerpläne, Dieselaffäre gehen. Entscheiden werden auch ganz andere Dinge sein: Mimik und Gestik, klare Sätze. „Es geht nicht um konkrete Spiegelstrich-Inhalte, sondern um Gesamteindruck“, sagt Forsa-Chef Güllner. Schulz hat versichert, Merkel nicht persönlich angreifen zu wollen – wenige Tage nachdem er Merkel als „abgehoben“ kritisiert hat. Er steckt tatsächlich in einem Dilemma: Er muss angreifen, ohne zu aggressiv zu wirken.

Bei Merkel ist es eher umgekehrt: Sie muss versuchen, sich nicht allzu sehr aus der Reserve locken zu lassen. 90 Minuten lang, mit Antworten, die höchstens 90 Sekunden dauern dürfen. Die erste Antwort geht an Schulz, das letzte Wort wird wie 2013 Merkel haben, das wurde per Los entschieden. Und dann sind da vier Moderatoren, die alle  zu Wort kommen wollen: Neben Maischberger sind das Maybritt Illner fürs ZDF, Peter Kloeppel für RTL und Claus Strunz für Sat1. Illner und Kloeppel waren bei übrigens bei bisher allen Kanzlerduellen dabei. Richtig eingeführt worden sind diese Zweier-Auseinandersetzungen erst 2002, als Schröder sich – damals noch zwei Mal – mit Edmund Stoiber von der CSU stritt. Schröders Vorgänger Helmut Kohl hatte das Format stets abgelehnt – übrigens in guter Tradition von Bundeskanzlern: Auch Helmut Schmidt, Willy Brandt und Kurt Georg Kiesinger sagten als Kanzler Nein. Von Kiesinger sind dazu die Worte überliefert: „Es steht dem Kanzler der Bundesrepublik nicht gut an, sich auf ein Stühlchen zu setzen und zu warten, bis ihm das Wort erteilt wird.“ Stühlchen allerdings hat es in den TV-Duellen noch nie gegeben.