Angela Merkel ist zum vierten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt worden. Sie hat jetzt die Chance, länger als Helmut Kohl zu regieren, der sechzehn Jahre im Amt war.

Die Deutschen sind solche Zeitspannen gewöhnt. Im Westen, im vereinten Deutschland. Auch im Osten. Denn von 1971 bis 1989 stand Erich Honecker der DDR vor. Wie hat das die Menschen im Land geprägt?

Drei Redakteurinnen der Berliner Zeitung blicken auf ihre jeweilige Generation – und auf diejenigen, die Macht hatten und haben.

Generation Merkel: 2005-?

Wie ich lernte, den Kompromiss zu lieben

Von einer Frau regiert zu werden, ist für junge Frauen heute selbstverständlich. Antworten auf Fragen der Zukunft bleibt Angela Merkel ihnen aber schuldig.

Von Anne Lena Mösken, Jahrgang 1983

An den Tag, als Gerhard Schröder zum Bundeskanzler gewählt wurde, erinnere ich mich noch genau. Ich war sechzehn und stand am Wahlabend auf einem Konzert der Ärzte, Farin Urlaub trat auf die Bühne, und das Erste, was er ins Mikrofon brüllte, war: „Hey Leute, der Dicke ist weg!“ Der Dicke. Kohl. Das Ende einer Ära.

Zusammen mit Tausenden anderen im Publikum jubelte ich – auch wenn ich ja selbst noch gar nicht gewählt hatte. Es fühlte sich trotzdem an wie eine Befreiung. An den Tag, an dem Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde, erinnere ich mich nicht. Den Beginn einer Ära nimmt man erst im Nachhinein war, das ist das eine. Das andere war, dass diese mausgraue Frau aus dem Osten mit mir, der Literaturstudentin aus Norddeutschland, zunächst so gar nichts gemein hatte.

Sie war eine Frau, das ja, die erste Bundeskanzlerin, aber nichts an ihr und ihrer Politik oder ihrem Führungsstil war irgendwie weiblich, schon gar nicht feministisch. In meiner Erinnerung war ihr Frau-Sein auch kein großes Thema im Wahlkampf; wir jungen Frauen pinnten uns keine „I’m with her“-Anstecker ans Revers, wie es so viele Amerikanerinnen 2016 bei Hillary Clinton taten. Merkel hatte uns nichts zu sagen. Wie hätte sie da Begeisterung auslösen sollen?

Merkel und die Männer

Rückblickend ist genau das eines der Dinge, für die ich Angela Merkel bewundern lernte: Man unterschätzte sie. Und das machte sie stark. Über die Jahre ließ sie, Chefin einer Partei, die zu drei Vierteln männlich ist, einen Rivalen nach dem anderen zurück, angefangen bei Helmut Kohl, über Friedrich Merz, Roland Koch, Jürgen Rüttgers, Günther Oettinger, Norbert Röttgen, Christian Wulff; zuletzt durfte man bestaunen, wie sie Jens Spahn auf den Posten des Gesundheitsministers beförderte – schöner kann man einen Kontrahenten wohl nicht schachmatt setzen. Sowieso, Merkel und die Männer.

Je länger sie Kanzlerin war, desto öfter erfasste mich eine heimliche Freude dabei, sie bei großen Gipfeltreffen als bunten Punkt zwischen all den grauen Staatsmännern auszumachen. Oder Testosteronprotze wie Silvio Berlusconi, Wladimir Putin oder Donald Trump dabei zu beobachten, wie sie mit ihrem Chauvinismus bei ihr ins Leere liefen. Der schnoddrige Altherrencharme von Schröder, Steinbrück und Schulz , den die SPD Merkel bei den vergangenen drei Bundestagswahlen entgegensetzte, wirkte neben ihrer kühlen Sachlichkeit ziemlich eitel und irgendwie von gestern.

Vielleicht ist das ja das große Verdienst von Angela Merkel in Sachen Emanzipation: dass eine Generation junger Frauen mit dem Bild aufgewachsen ist, dass Cleverness, Sachverstand und Machtbewusstsein die Eigenschaften sind, mit der es eine Frau nach ganz oben schaffen kann. Überhaupt ist es diese Selbstverständlichkeit, von einer Frau regiert zu werden, die Deutschland dank Angela Merkel neunzig Prozent der Länder der Welt voraus hat.

Andererseits ist Merkels Bilanz, was die Gleichstellung von Frau und Mann angeht, eher mau. Die Lohnlücke klafft; auf die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ringen Merkels Regierungen immer wieder um zeitgemäße Antworten – zwischendurch kamen dabei eher wenig zukunftweisende Maßnahmen heraus wie das als Herdprämie verschriene Betreuungsgeld oder die Mütterrente.
Eine Frau, die keine Politik für Frauen macht. Das ist so etwas wie das Prinzip Merkel.

Sie steigt aus der Atomkraft aus, sorgt aber nicht dafür, dass Deutschland seine Klimaziele einhält. Sie schafft die Wehrpflicht ab, nimmt aber in Kauf, dass Deutschland zu den größten Waffenexporteuren der Welt zählt. Sie öffnet die Grenzen für Flüchtlinge, um dann einen Deal mit der Türkei auszuhandeln, der das Problem nur von unseren Grenzen wegschiebt, nicht aber löst.

Das ist die Teflon-Merkel, an der nichts haften bleibt; an der es so schwierig ist, sich zu reiben. Ihre Politik ist absoluter Pragmatismus, ein Festhalten am Status quo bis zur Bräsigkeit. Und keine Vision nirgends. Mit Mitte zwanzig ist dieses Bleierne schwer auszuhalten. Mit Mitte dreißig ist die Zukunft bedrohlich nahe gerückt. Und es geht um mehr, als diese Zukunft nur zu verwalten.

Die Schlandkette und das Neuland

Was uns die Jahre über gerettet hat, war der Humor. Merkel hat ein Talent zur unfreiwilligen Komik wie kein deutscher Regierungschef vor ihr. Wir haben viel gelacht: über Merkels sagenhaften Ausschnitt bei der Eröffnung der Osloer Oper, über dieses Neuland, das sie dann auch mal im Sommer 2013 betrat, über die Schlandkette, über das Kabinen-Selfie mit der Nationalmannschaft, über den Moment, als sie nach dem Wahlsieg 2013 dem damaligen Generalsekretär Herrmann Gröhe kopfschüttelnd sein Deutschlandfähnchen aus der Hand nahm.

„Mutti“ wurde ihr Spitzname – aber er war nicht nett gemeint. Es gibt wohl auch keinen unmütterlichen Menschen als die emotional so steife Angela Merkel. Das zeigte sich in dem vielleicht schwächsten Moment ihrer Karriere: Als sie dem Flüchtlingsmädchen Reem gegenüberstand und in ihrer Reaktion auf dessen Tränen die ganze Distanz zwischen ihr und den Menschen in diesem Land zeigte.

Es ist jetzt ein bisschen so, als sei Angela Merkel schon immer dagewesen. Und in der letzten Zeit war ich oft froh, dass eben sie es war, die Deutschland in dem außenpolitischen Chaos aus Trump und Brexit mit ihrer vertrauten bedächtigen Zähigkeit vertritt. Ich habe mich so an ihre Art zu regieren gewöhnt, dass ich es befremdlich finde, wenn ein Christian Lindner Sondierungsgespräche kurz vor dem Abschluss platzen lässt oder die SPD sich monatelang bitten lassen muss, überhaupt in Verhandlungen einzusteigen. Zwölf Jahre Merkel haben mich den Kompromiss schätzen gelernt, das merke ich in solchen Momenten. Gewählt habe ich sie nie.

Generation Kohl: 1982-1998

Apfel und Birne

Man kann zur Generation Kohl gehören und sich dem ewigen Kanzler doch fern fühlen.

Von Susanne Lenz, Jahrgang 1962

Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde. Dass dieser 1. Oktober 1982 ein besonderer Tag war, merkte ich daran, dass bei uns zu Hause tagsüber der Fernseher lief. Ich habe Schwarz-Weiß-Bilder im Kopf, obwohl wir damals schon einen Farbfernseher hatten. Vielleicht waren es die grauen und schwarzen Anzüge der Abgeordneten – fast nur Männer – die diesen Eindruck hervorriefen. Im Bundestag war es so unruhig, wie in einer Schulklasse, bevor der Lehrer hereinkommt. Ich hatte ein Jahr zuvor Abitur gemacht. Durch ein Misstrauensvotum wurde an diesem Tag Helmut Schmidt gestürzt, am Nachmittag wurde Helmut Kohl Bundeskanzler. Ich war 20, und mir schien das nicht mit rechten Dingen zugegangen zu sein. Kohl war ja nicht gewählt worden, wenigstens nicht von uns, den Wählern, dem Volk.

Seine Partei, die CDU, war mir schon deshalb lange suspekt, weil uns Schwester Ludgarda im Kunstunterricht vor jeder Wahl für den Erfolg dieser Partei hatten beten lassen. Ich besuchte ein von Franziskanerinnen betriebenes Mädchengymnasium in Heidelberg. Dass diese Form des politischen Engagements nicht in Ordnung war, ahnte ich schon mit 13. Andererseits war es mir nicht so wichtig, wer Bundeskanzler war. Die geistig-moralische Wende, die Kohl ankündigte, drang nicht zu mir vor. Es änderte sich ja nichts in meinem Leben. Ich war und blieb ein Wohlstandskind mit dem Gefühl, es werde immer so weitergehen oder höchstens noch besser werden.

Doktorarbeit im Giftschrank

„Weiter so Deutschland“, hieß es auf den Wahlplakaten der CDU. Das passte. Der pfälzische Tonfall des Kanzlers war mir vertraut. Er kam aus Oggersheim eine halbe Autostunde von Heidelberg entfernt. Er hatte am Historischen Seminar der Universität Heidelberg studiert, dort wo ich jetzt eingeschrieben war. Ich wusste, dass er Saumagen mochte. Wir dagegen rechneten damals aus, wie viel mehr Wasser es brauchte, um ein Kilo Fleisch im Gegensatz zu einem Kilo Weizen zu produzieren. Wir spannen selbstgefärbte Wolle und strickten in den Seminaren. Er trug Anzüge und diese eckige Metallbrille und wurde immer dicker. Er machte langweilige Urlaube am Wolfgangsee, während wir nach Frankreich und Griechenland fuhren. Aber seine Urlaubsbilder glichen den unseren: Mutter, Vater, zwei Kinder. Fast alle Familien sahen damals so aus.

Ein Jahr nachdem Helmut Kohl Kanzler geworden war, machte ich bei der Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm mit. Es war eine Initiative der Friedensbewegung, ein Protest gegen die Stationierung amerikanischer Atomwaffen in der Bundesrepublik, den Pershing-II-Raketen. Gegen den Rüstungswettlauf, wie es damals hieß. „Petting statt Pershing“ war ein Spruch, der damals kursierte. Wir hatten wirklich Angst vor einem Atomkrieg.

Sonderzüge wurde eingesetzt, um uns an unsere Bestimmungsorte zu bringen. Ich stand an einer Bundesstraße an einem abgeernteten Feld nicht weit von Ulm. Wir waren so viele, dass wir nicht mal die Arme ausstrecken mussten, um uns an den Händen zu fassen. Der Bundestag stimmte kurz darauf trotzdem der Stationierung der Mittelstreckenraketen zu. Damals dachte ich, dass es Kohl bei der nächsten Wahl nicht mehr schaffen würde.

In der Zwischenzeit machten meine Freunde und ich uns über ihn lustig. Irgendwann kam der Name „Birne“ auf. Im Historischen Seminar in Heidelberg kursierte das Gerücht, seine Doktorarbeit sei so hohl, dass sie im „Giftschrank“ versteckt werden müsse, wo auch Hitlers „Mein Kampf“ stand.

Im Jahr 1987 wurde Kohl wiedergewählt. Die CDU/CSU kam auf heute unvorstellbare 44 Prozent der Stimmen. Ich hatte gerade mein Studium beendet und zog nach Berlin. Raus aus seiner Bundesrepublik, wenigstens schien es mir so. Aber im Grunde hat seine Aussiedlerpolitik mir meine erste Stelle verschafft. Ich brachte Menschen mit deutschen Vorfahren, die aus Polen, Rumänien und der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik gekommen waren, Deutsch bei. Dann fiel die Mauer und Kohl kam in meine neue Stadt. Er sang auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses das Deutschlandlied.

Ein paar Monate später saß er in eine Strickjacke gekleidet mit Gorbatschow an einem Baumstumpf im Kaukasus. Er setzte die Einheit durch. Auch, wenn ich es gut gefunden hätte, die DDR wäre ein eigenes Land mit einer eigenen Politik geblieben, so lange nur die Grenze offen bleibt, hatte ich zum ersten Mal Respekt vor Kohl. Er schätzte die Lage wohl realistischer ein als ich.

Doch der Respekt hielt nicht lange. Vor dem Rathaus in Halle, bei einem seiner Antrittsbesuche in den neuen Bundesländern, wurde der Kanzler der Einheit mit Eiern beworfen. Es war mein 29. Geburtstag, und ich sah ihn in der „Tagesschau“ mit seinen Sicherheitsleuten rangeln. Sie versuchten ihn davon abzuhalten, auf die Eierwerfer loszugehen. Von Kohls Brille tropfte Eiklar. Die Titanic machte aus einem Foto von dem Vorfall ein Poster. „Aufeinanderzugehen“, stand darauf. Und so schaffte es Helmut Kohl tatsächlich an eine Wand in meiner Wohnung. Er war dann noch bis 1998 im Amt, aber seine Zeit schien mir abgelaufen. Wir West- und Ost-Berliner trafen uns in den neuen Clubs und auf der Love Parade. Nirgendwo hätte man Kohl ferner sein können.

Ein Besuch in Erfurt

Es gab dann noch eine Begegnung, bei der er im Mittelpunkt stand. Damals arbeitete ich schon bei der Berliner Zeitung. Kohl hatte nach den Eierwürfen in Halle sämtliche offiziellen Besuche in den neuen Bundesländern abgesagt, beleidigt und enttäuscht, wie mir schien. Dann machte er aber doch ein paar sogenannte Privatbesuche dort. Der erste führte ihn in ein Krankenhaus in Erfurt. Vor dem Eingang warteten vielleicht 50 Menschen. Ich sollte über den Besuch berichten und sprach eine ältere Dame an, die einen Blumenstrauß in der Hand hielt.

Warum sie hier sei? „Das kann ich Ihnen sagen.“ Ihre Schwester sei 1988 in dem Krankenhaus gestorben, ihr letzter Wunsch sei eine Banane gewesen. „Und alles was ich ihr bieten konnte, war ein verschrumpelter Apfel.“ Sie hatte Tränen in den Augen. „Und deshalb stehe ich heute hier.“ Ich habe diese Geschichte oft erzählt, zum einen wegen der Banane. Aber auch, weil es ein ganz anderer Helmut Kohl war, der mir da gegenübertrat. Einer, den ich gar nicht kannte. 

Generation Honecker: 1971-1989

Früchte des Ostens

Der graue Mann war der Parteifürst ewig langer Jahre. Gut, dass man dennoch ein Leben hatte.

Von Maritta Tkalec, Jahrgang 1956

Ich bin Generation Honecker. Peinlich, aber die Fakten sagen das. Der Begriff Generation legt nahe, dass eine große Gruppe von Menschen von einem Phänomen, das sie alle erfasste, geprägt worden sei. Wie soll das im Fall Honecker aussehen? Wie sollen Insassen von Stasi-Knästen, FDJ-Apparatschiks, widerständigen Intellektuellen und harten Systemverteidigern Gemeinsamkeiten zugeordnet werden, die sie als Angehörige einer in der DDR geprägten Generation von heute 50- bis 70-Jährigen kennzeichnen? Da wird sich kein „Wir“ finden lassen. Es gibt gute Gründe, warum niemand darauf kam, das Buch „Generation Honecker“ zu schreiben.

Natürlich gibt es eine Menge Leute, die in der DDR ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Angela Merkel, etwa so alt wie ich, gehört auch dazu. Gut möglich, dass wir ähnliche Schul-, FDJ- und Freizeiterinnerungen haben. Bloß: Sie war Pfarrerstochter; ich kannte keine Christen. Immerhin war eines unbestreitbar allen gemein: Wir waren Nachkriegskinder, erlebten den ersten kleinen Aufschwung, sind geboren und aufgewachsen mitten im Kalten Krieg.

Erich Honecker ist eigentlich zu mickrig, um einer Generation den Namen zu geben. Er war eben der Parteifürst jener Jahre. Was hat er mit mir zu tun? Dieser steife, graue Mann, linkisch auftretend, der in leierndem Singsang, ganze Silben verschluckend, Floskel um Floskel von sich gab. Seinen Mangel an formaler Bildung glich nichts aus – er war humorlos, charmefrei, äußerte keine lebensgesättigte Weisheit. Von ihm war nichts zu lernen. Kohl hat mir geholfen zu verstehen, wie man schmiert, politische Landschaften pflegt, wie man Leistungen anderer raubt und schamlos in eigenen Ruhm ummünzt. Angela Merkel beeindruckt durch den Mangel an Eitelkeit und ihre stoische Ruhe im Umgang mit Alpha-Männern wie Kohl, Schröder, Bush, Putin, Erdogan, Trump, Seehofer.

Eigenes Geld

Aber Honecker? Gar nichts. Keinerlei Emotion. Dass er sich 18 Jahre lang an der Spitze der größten DDR der Welt hielt, lag an seinem einzigen mir sichtbaren Talent: seinem Machtinstinkt, antrainiert in Zeiten harter Kämpfe. Aber ein Menschenfresser wie Ceausescu war er nicht.

Als ich geboren wurde, war Erich Honecker schon FDJ-Vorsitzender gewesen und gehörte dem SED-Politbüro an. Als er 1971 die Parteiführung und damit die DDR übernahm, war ich 16 und dachte an alles Mögliche – Disko, Freund, Volleyballverein, den bevorstehenden Abschluss der 10. Klasse. Mir stand nicht die Welt, wohl aber die Zukunft offen. Ich würde als Erste aus meiner Familie Abitur machen und dann studieren. Universität! Beide Eltern hatten Volksschulabschluss, achte Klasse. Mutter Verkäuferin, Vater Schuhmacher, Konsum Bitterfeld. Es gab keine Bücher zu Hause. Meine Schulen brachten mich voran, vor allem einige der Lehrer. Sie (und die Schulbibliotheken) versorgten mich mit Lektüre. Eine Lehrerin drückte mir „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck in die Hand. Das wirkt bis heute. Ich bin – wie die Kanzlerin – ein Produkt des Margot-Honecker-Bildungssystems. Von 1963 bis 1989 bestimmte sie als Ministerin, was und wie zu lehren war. Das hieß gerechte Bildung auf hohem Niveau und zugleich Indoktrination. Letzteres funktionierte schlecht. Der Beweis? Das Ende der DDR.

Bis heute bin ich froh, in einer Umgebung aufgewachsen zu sein, in der alle Frauen eigenes Geld verdienten. Seit 1966 verlangte ein Gesetz vom Partner, die Ehe so zu gestalten, „dass die Frau ihre berufliche und gesellschaftliche Tätigkeit mit der Mutterschaft vereinbaren kann“. 1958 bis 1977 galt für den Westen folgender Gesetzeswortlaut: „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ Die weibliche Generation Honecker lebte im Osten auf einem anderen Planeten.

Die tickende Uhr

Spät im Leben ging mir ein Licht auf, warum meine Jugend in Liebesdingen recht entspannt verlief. Westkolleginnen brachten mich nach der Wende darauf, als sie von ihren sexuellen Emanzipationskämpfen berichteten. Wofür sie stritten, hatten wir gehabt. Die Pille gab es seit 1965 und hatte ein positives Image. Die 1972 eingeführte Fristenlösung für den Schwangerschaftsabbruch setzte auf die mündige Frau und überließ die Entscheidung ihr. Seit kurzem denke ich, dass das vergleichsweise entspannte Verhältnis zur Sexualität auch mit Honecker persönlich zu tun hatte. Weggefährten bezeugen, was ihm in der Jugend wichtig gewesen war neben Wohnung, Essen und Kleidung: Geld für Kinokarten am Wochenende und für ein Kondom. Da war er doch nah am Menschen.

Als die Honecker-Ära um 1980 in ihre letzte, stagnierende, faulende Phase trat, verdüsterte sich auch mein Blick auf die Hüter des Alten endgültig. Honecker war nicht mehr einfach nur peinlich – man lauschte dem Ticken der biologischen Uhr. Von ihrem Ablaufen erhoffte man einen Aufbruch zu neuen Ufern. Im Rückblick muss man sagen: Das war Unfug, dumme Illusion. Die alten, grauen Männer wollten die aus dem Gorbatschow’schen Moskau her glimmenden Fünkchen der Hoffnung nicht sehen. Womöglich war diese Hoffnung (auch sie eine Illusion) das Letzte, was die mittlerweile gut 30 Jahre alte „Generation Honecker“ verband.

Nein, das Vorletzte, denn nach der Wende dachten sich Westexperten noch ein paar pauschale Zuschreibungen für die Ossis, diese komischen Leute, aus. Eine davon: Kollektives Töpfen in der Kinderkrippe erzeugte massenhaft seelische Krüppel. Bei denen weiß man nie. Vielleicht waren sie bei der Stasi, vielleicht sind sie jetzt bei der AfD. Vielleicht schreiben sie merkwürdige Texte über Honecker. Oder sie regieren Deutschland.