Berlin - Vor dem Europa-Saal des Jakob-Kaiser-Hauses haben sich schon um 9 Uhr die ersten Journalisten eingefunden. Kollegen von ARD und ZDF sitzen, mit Zeitungen eingedeckt, auf dem Boden, um beim Einlass gute Plätze zu ergattern – 150 Minuten vor Beginn. Um 11.20 Uhr fluten Fotografen und Kameraleute die bald beginnende Vernehmung. Fünf Minuten später kommt sie: Angela Merkel, 62 Jahre alt, Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.

Sie schreitet einmal die Wand des kreisrunden Raumes ab und gibt nahezu allen die Hand: den Abgeordneten, die ihre besten Anzüge und ihre schönsten Kleider aus dem Schrank geholt haben, aber auch ihren Mitarbeitern. Das dauert weitere fünf Minuten. Ziemlich genau um 11.30 Uhr nimmt Merkel Platz. Der Vorsitzende des NSA-Untersuchungsausschusses, Patrick Sensburg (CDU), führt in die Regularien ein, die wie bei Sicherheitshinweisen im Flugzeug eigentlich allen bekannt sind und trotzdem verlesen werden müssen. Danach kann es losgehen.

Die Zahl der Zuhörer, die Anspannung – kein Zweifel: Das Ganze hat etwas von einem Happening.

Seit drei Jahren tagt der Bundestags-Ausschuss jetzt. Er hat Tausende Akten gewälzt, niedere Chargen gehört und hohe Herren. Merkel ist am Donnerstag die letzte Zeugin, bevor das Gremium daran geht, bis zum Sommer den Abschlussbericht zu schreiben. Einer wird den Auftritt anschließend „abgebrüht“ nennen.

„Erinnerungsvermögen nicht immer ganz zuverlässig“

Zunächst stellt sich die Kanzlerin überraschenderweise mit ihrem Mädchennamen vor: Angela Dorothea Kasner. Dann verliest sie eine Erklärung – nicht ohne zu betonen, dass erstens ihr „Erinnerungsvermögen nicht immer ganz zuverlässig“ sei und sie zweitens über den Kernbereich des Regierungshandelns nicht alles sagen könne. Überhaupt referiert Merkel den Verlauf der Affäre anhand öffentlich zugänglicher Quellen – etwa so wie eine Zeitungsleserin, die mit der ganzen Angelegenheit lediglich am Rande zu tun hatte – und sagt dabei Sätze wie, dass die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit gewahrt sein müsse. „Es gilt nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts.“ Und sie wiederholt in Variationen ihre berühmteste Anmerkung aus der ganzen Zeit: „Abhören unter Freunden – das geht gar nicht.“ Derweil wird rasch eine Strategie ersichtlich.

Einerseits betont Merkel beinahe gebetsmühlenartig, dass es nicht akzeptabel sei, wenn Verbündete sich gegenseitig abhörten – nicht zuletzt, weil es sinnlos Kräfte vergeude. Wie gesagt: „Das geht gar nicht.“ Dies bezieht sich auf die seit dem Sommer 2013 publik gewordenen Praktiken der amerikanischen National Security Agency (NSA) genauso wie auf jene des Bundesnachrichtendienstes (BND), deren gesamtes Ausmaß im Oktober 2015 durchsickert. In dem Kontext geht es auch um Merkels von der NSA offenbar abgehörtes Handy.

Details erfährt die Öffentlichkeit dazu nicht – außer dass es sich um ein Handy der CDU handelte und der damalige US-Präsident Barack Obama ihr zugesichert habe, dass es zu Abhörmaßnahmen künftig nicht mehr kommen werde. Was die Amerikaner denn da in Erfahrung gebracht haben könnten, will ein Unions-Abgeordneter wissen. Merkel erwidert, sie passe ihr Gesprächsverhalten immer den jeweiligen Umständen an. Anders ausgedrückt: Die Kanzlerin quatscht nicht rum. Also dürften die Amerikaner nicht viel mitgekriegt haben. Zudem habe sie längst ein neues Handy.

Unklare Kenntnis der Dinge

So klar die Distanzierung von den Überwachungsmaßnahmen ist, so unklar bleibt andererseits ihre Kenntnis der Dinge. Zunächst will Merkel von den Missständen allein aus den Medien erfahren haben. Sie zieht hier eine interessante Parallele zur CDU-Spendenaffäre, die 1999 einsetzte und in der sie anfangs auch keine eigenen Informationen gehabt haben will. Merkel machte später durch öffentliche Erklärungen deutlich, was sie von der Überwachung hielt und ging davon aus, dass die Untergebenen die Praktiken zumindest auf deutscher Seite abstellen würden. Dass der BND dasselbe tat, was die NSA tat, verbuchte die Regierungschefin mehrmals unter „technische und organisatorische Defizite“, von deren Details sie angeblich keine Ahnung hatte. „Ich bin weder Juristin noch Expertin für Überwachung.“ Überdies seien ja Konsequenzen gezogen worden. So gebe es ein neues BND-Gesetz, einen neuen BND-Präsidenten – und schließlich dieses nun vor ihr sitzende Gremium, das für Aufklärung sorge. Viel mehr kommt nicht. Ende der Durchsage.

Je länger die Vernehmung dauert, desto mehr verläppert sie auch. Merkel wird einsilbig, sagt stets aufs Neue bloß noch „Nein“ oder: „Nö“. Wenn es brenzlig wird, legt ein Kanzleramts-Mitarbeiter in schönstem Juristen-Deutsch ein Veto ein: „Diese Frage ist nicht untersuchungsgegenständlich.“ Sonderlich gefordert wird die Zeugin von den Parlamentariern nicht. Manchmal wirkt es regelrecht demütig, wenn sie „Frau Bundeskanzlerin“ oder „Frau Doktor Merkel“ sagen. Ja, bereits um 12.23 Uhr, kaum eine Stunde nach Beginn der Vernehmung, sagt der Ausschuss-Vorsitzende Sensburg: „Wenn Sie mal eine Pause brauchen…“. Merkel erwidert: „Noch reichen die Kräfte.“

Sie lächelt dabei.