Berlin - Die Frau in Grün hat die Hände der Kanzlerin gepackt. Über Kreuz, mit festem Griff. Ein wenig zurücklehnen, dann drehen sich beide im Kreis, um eine imaginäre Achse. Der Schwung wird größer, die Körper ziehen nach außen. Schneller, immer schneller. Die Frau in Grün lacht vergnügt, die Kanzlerin lächelt, etwas vorsichtiger.

Es ist eine ungewöhnliche Szene, die sich da im Kanzleramt abgespielt hat vor wenigen Tagen. Das Bundespresseamt hat ein Foto davon veröffentlicht, auf der Internet-Fotoplattform Instagram steht es in einer Reihe mit den sonst immer gleichen Motiven: Merkel, geht, Merkel steht, Merkel lächelt, Merkel schüttelt Hände. Wenig Spontaneität, wenig Unvorhergesehenes, nichts Privates. Und nun: Merkel dreht sich. Ein kindliches Motiv, es symbolisiert Heiterkeit und Unbeschwertheit. Es sind noch vier Monate bis zur Wahl. Die Kanzlerin entspannt sich, so scheint es jedenfalls.

Eine Last auf Merkels Schultern

Es ist eine spontane Situation gewesen: Am Rande einer Preisverleihung zeigte eine der Nominierten – eine muntere ehemalige Ingenieurin in smaragdgrünen Ensemble – der Kanzlerin, wie sie Kindern spielerisch physikalische Gesetze nahebringt. Es ging um die Fliehkraft, das Wort hat das Presseamt tunlichst vermieden in seiner Fotobeschreibung und lieber von Zentrifugalkraft geschrieben und von einem „physikalischen Tänzchen“. Das klingt besser als: Bei dem Experiment kommt ins Taumeln, wer im Drehen die Hände löst.

Das Foto verdeutlicht dennoch ganz gut, wie Merkel derzeit zu erleben ist oder vielleicht auch erlebt werden soll. Nicht nur gelassen, sondern gelöst, als wäre eine große Last von ihr abgefallen.

Probleme bleiben genügend

Und so ist es wohl auch. Nachdem im vergangenen Jahr drei Landtagswahlen verloren wurden, die als gewonnen galten, hat die CDU nun drei Landtagswahlen gewonnen, die als verloren galten. Die CSU macht eine Kampfpause. Der Zulauf zur AfD ist geschwunden. In den Niederlanden haben die Rechtsextremen schlechter abgeschnitten als erwartet. Und Frankreich hat sich nicht für eine Nationalistin entschieden, die den Ausstieg Frankreichs aus der EU fordert und für die Deutschland ein Feindbild war, sondern für einen Präsidenten, der sich proeuropäisch gibt und dessen erste Auslandsreise ihn nach Berlin führt. Es bleibt genug: der Brexit, ein erratischer US-Präsident, ein schwieriger russischer Staatschef, der Syrien-Krieg.

Vergleichsweise lapidar dagegen: die Bundestagswahl, aber auch die will gewonnen werden. Etwas leichter scheint auch das nun zu sein. Der unaufhaltsam scheinende Martin Schulz von der SPD hat seine Aura verloren. Er hatte erklärt, wenn die SPD die NRW-Wahl gewinne, „dann werde ich Kanzler“, und auch in der CDU schien man beeindruckt. Nun hat die SPD die Wahl verloren.

Spektakuläres Ergebnis in NRW

Und seit diesem Tag kann man bei Merkel diese neue Leichtigkeit beobachten. Es ist nicht so, dass sie am Tag nach der Wahl durchs Konrad-Adenauer-Haus tanzt und jubelt. Als erstes gibt es eine Steigerung im Gemütsvokabular, kaum wahrnehmbar, ein bisschen wie die Betonungsnuancen im Chinesischen, bei denen mit leicht veränderter Stimme die Silbe  „ma“ nicht mehr „Mutter“ bedeutet, sondern „schimpfen“.

Übertragen auf Merkel sieht das so aus: Die CDU gewinnt im März die Saarland-Wahl und die Parteichefin stellt sich in die Parteizentrale und sagt, es sei ein schöner Tag: „An einem solchen Tag muss man nicht traurig sein.“ Dann wird die CDU Anfang Mai in Schleswig-Holstein stärkste Kraft und kann dort die SPD von der Regierung ablösen. Merkel kommt aus der Sitzung mit dem Parteivorstand und erklärt, es sei schon ein großartiger Tag und: „Ich hatte den Eindruck, alle sind zufrieden.“ Aber eine Landtagswahl sei halt eine Landtagswahl.

Eine Woche später ist auch NRW gewonnen, auch dort die SPD aus der Regierung vertrieben. Das ist noch spektakulärer als anderswo, weil das Bundesland mehr Wähler hat als alle anderen und weil die Sozialdemokraten die Macht dort gepachtet zu haben schienen. Nachdem die SPD die Wahl dort 2005 schon einmal verlor, setzte der damalige Kanzler Gerhard Schröder  vor lauter Schreck Neuwahlen an. Ein Regierungswechsel in NRW ist also ein wirklicher Einschnitt. In der SPD-Zentrale sagen sie, ihre Partei habe einen „Leberhaken“ einstecken müssen.

Merkel lächelt und sagt, es sei „ein Tag großer Freude“. Und dass man bei drei Wahlen jetzt „doch sehr, sehr gut abgeschnitten“ habe. Ein zweites „sehr“ gönnt sich Merkel an diesem Tag also - Ausdruck höchster Begeisterung.

Dann wird sie wieder sehr, sehr nüchtern. Sie ruft ihre Partei zur Einigkeit auf, sie warnt vor Übermut angesichts der gewonnenen Wahlen. „Es beginnt jetzt eine neue Phase“, sagt sie und die ende am 24. September, dem Tag der Bundestagswahl.