Das Haupttor von Auschwitz. 
Foto: AFP/Janek Skarzynski

BerlinAn diesem Freitag wird Angela Merkel Auschwitz besuchen. Es wird das erste Mal sein, dass die Kanzlerin das tut. Der erste deutsche Kanzler, der den Ort des Vernichtungslagers aufsuchte, war 1977 Helmut Schmidt. Er begann seine Rede mit den Worten: „Eigentlich gebietet es dieser Ort zu schweigen. Aber ich bin sicher, dass der deutsche Bundeskanzler hier nicht schweigen darf.“ Das ist sehr genau die Situation, in der jeder sich dort befindet.

Offizieller Anlass für Merkels Besuch in Auschwitz ist das zehnjährige Bestehen der Stiftung Auschwitz-Birkenau, die sich für den Erhalt der Gedenkstätte auf dem Gelände des früheren KZ einsetzt. Das Internationale Auschwitz-Komitee nannte Merkels bevorstehenden Besuch ein „besonders wichtiges Signal“ der Solidarität mit Auschwitz-Überlebenden, die heutzutage in Europa mit „mit antisemitischen Beschimpfungen und Hass-Mails überzogen“ würden.

Auschwitz-Besuch im Zeichen der Versöhung mit Polen

Helmut Kohl war zweimal in Auschwitz. Soweit ich weiß, waren weder Walter Ulbricht noch Erich Honecker jemals dort. Jedenfalls nicht in offizieller Mission. Auschwitz stand und steht, obwohl dort auch andere Menschen umgebracht wurden, für die systematische Judenvernichtung. Die rückte in der DDR erst spät ins Zentrum der Auseinandersetzung mit dem ganz in der Tradition der Komintern so genannten „Faschismus“. Allerdings kommen auch in Helmut Schmidts Rede von 1977 keine Juden vor. Der Auschwitz-Besuch steht ganz im Zeichen der Versöhnung von Polen und Deutschen.

So kann man nicht mehr über Auschwitz sprechen. Ich weiß nicht, was Angela Merkel sagen wird, aber es wird sicher eine Rede sein, in deren Zentrum die Judenvernichtung stehen wird. Und auch die Attentate und Bedrohungen in Israel, Paris und Halle werden sicherlich erwähnt werden.

Es geht nicht um Vergangenheitsbewältigung

41 Prozent der Deutschen, das ergab eine repräsentative Umfrage des Jüdischen Weltkongresses in diesem Jahr, sind der Meinung, Juden redeten zu viel über den Holocaust. Von den Hochschulabsolventen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Euro sind 28 Prozent der Auffassung, Juden hätten zuviel Macht in der Wirtschaft, 26 Prozent finden, sie hätten zuviel Macht in der Weltpolitik.

Der derzeitige Führer der AfD-Thüringen Björn Höcke erklärte 2017 in Dresden: „Diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß’ Zeiten. Wir brauchen eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“ In dieser Situation besucht Merkel Auschwitz. Es geht nicht um „Vergangenheitsbewältigung“.

Es geht darum, wie man mit der Gegenwart fertig wird, wie man verhindert, dass sie umkippt in eine Vergangenheit. Die systematische Vernichtung von Menschen gehörte zu den offen erklärten Zielen des Nationalsozialismus. Ich sehe niemanden, der das heute in der Bundesrepublik propagiert. Aber es gibt immer mehr, die nichts dagegen haben, immer mehr Anschläge als Nebenwirkungen ihrer Politik in Kauf zu nehmen.

Angela Merkel besuchte Dachau

2013 erklärte Angela Merkel bei ihrem Besuch in Dachau: „Orte wie dieser mahnen jeden Einzelnen mitzuhelfen, dass so etwas nie wieder geschieht, dass nie wieder gleichgültig, achselzuckend oder sogar Beifall klatschend zugelassen wird, wenn Menschen benachteiligt, bedrängt, verfolgt werden und sie am Ende schutzlos um Leib und Leben fürchten müssen.“ Solche Worte wären heute wieder nötig. Wenn wir nicht lernen hinzuschauen, dazwischenzugehen, wenn wir hier gleichgültig bleiben gegenüber Menschen, die um Leib und Leben fürchten, dann trainieren wir uns eine Härte an, an der ganz am Ende wir wieder selbst kaputt gehen werden.

Auschwitz ist ein realer Ort mit einer realen Geschichte. Auschwitz ist aber auch eine Metapher. Auschwitz steht für die Bereitschaft, Menschen zu vernichten. Wir müssen den realen Ort und die reale Geschichte Ernst nehmen. Das können wir aber nur, wenn wir uns auch der Metapher stellen. Die Bedeutung von Auschwitz liegt nicht in der Vergangenheit. Auschwitz ist so wichtig, so ernst wir es in unserer Gegenwart nehmen.

„Nie wieder Auschwitz“ heißt es, weil einmal begriffen wurde, dass Auschwitz keine Zukunft ist, sondern deren Vernichtung. Gleichzeitig erinnert uns Auschwitz daran, dass die gezielte Vernichtung von Millionen Menschen gerade kein Bruch mit der Menschheitsgeschichte ist, sondern dass die immer wieder Anläufe nimmt zu einem neuen Auschwitz. Das zu verhindern, ist nicht nur die Aufgabe aller Politik, sondern unser aller Anstrengung.