Sie sitzt hinter dem Vorhang und hört zu, wie auf der Bühne ein Text über sie vorgelesen wird. So beginnt der Abend, an dem Angela Merkel in die Öffentlichkeit zurückkehrt, für Angela Merkel. Sie hat sich diesen Abend ausgesucht, ihn mit ihrem Team diskutiert, wie sie später sagen wird.

Sich für diese Bühne entschieden, die zum Berliner Ensemble (BE) am Schiffbauerdamm gehört. Für den Mann auf der Bühne, den Reporter und Schriftsteller Alexander Osang, der aus einem Porträt vorliest, das er über sie für den Spiegel geschrieben hat. Gleich wollen sie über ein kleines Buch sprechen, in dem drei Reden von Angela Merkel erschienen sind. So war es jedenfalls angekündigt.

Das Buch heißt: „Was also ist mein Land?“ Es ist im Aufbau-Verlag erschienen, der den Abend veranstaltet. Ein Ost-Berliner Theater, ein Ost-Berliner Reporter, ein Verlag mit DDR-Geschichte. Es klingt merkwürdig, wenn man das auflistet. Fast schon zu gewollt, zu viel auf einmal. Nach all den Jahren.

Die Zäsur vom 24. Februar

Angela Merkel hat als Kanzlerin 16 Jahre lang die Ostdeutsche in sich verborgen, sie erst ganz am Ende ihrer Amtszeit auftreten lassen, ein einziges, überraschendes Mal, eine ostdeutsche Rede gehalten, an ihrem letzten 3. Oktober als Kanzlerin. Die Rede, nach der nun das Buch benannt ist. Ist eine DDR-Biografie auch 31 Jahre nach der Einheit nur Ballast?, fragte Merkel darin. Warum wird immer noch so über das Leben von Ostdeutschen geredet? Dann ließ sie zu ihrem Zapfenstreich noch ein Lied von Nina Hagen spielen und verschwand für sechs Monate.

Am Dienstagabend taucht sie hinter dem Vorhang des BE wieder auf. Sie freue sich, hier an diesem Ort zu sein, sagt Angela Merkel. Sie sieht aus wie immer. Trägt eins ihrer Jacketts, in einem strahlenden Blau, die Bernsteinkette.

Osang fragt sie, wie es ihr geht. Das wollte er sie schon immer mal fragen, hat er aber bei den Treffen für seine Porträts irgendwie nie. Persönlich gut, sagt Merkel. Aber erst einmal erwähnt sie den 24. Februar, die „Zäsur“.

Sie setzt damit schnell das Thema des Abends noch einmal neu. Es wird nicht darum gehen, was also ihr Land ist, nicht um die Rede zum Einheitstag. Es wird um den russischen Angriff auf die Ukraine gehen. Um den Krieg. Seine Vorgeschichte, ihren Anteil daran, ihren Blick auf die Lage.

Anders geht es natürlich nicht. Der Saal ist voller Journalisten, der Abend wird im Fernsehen übertragen, ihre Sätze werden in die ganze Welt gesendet und überall gedeutet. Seit Wochen hörte man, sie müsse sich nun doch langsam mal erklären. Angela Merkel ist nicht nur die Bundeskanzlerin a.D., sie ist die mächtigste Frau der Welt a.D. Und kaum, dass ihre lange Amtszeit zu Ende war, begann der russische Angriff auf die gesamte Ukraine.

Sie wird ihn an diesem Abend „brutal“ nennen, „einen Völkerrechtsbruch, für den es keine Entschuldigung gibt“. Mehrfach. Sie wird den Mut von „Präsident Selenskyj“ bewundern und die Entwicklung der Ukraine in den vergangenen Jahren. Auch mehrfach. Sie wird sagen, dass sie Anna Netrebko, die russische Opernsängerin, die Putin unterstützt, heute nicht mehr zu einem Essen bei sich empfangen würde.

„Hat man vielleicht was versäumt?“

Sie war fünf Wochen an der Ostsee, erzählt Merkel vorher noch rasch. Sie wollte dort zwei Vorhaben umsetzen, mehr Bewegung, mehr Bücher lesen, beides sei ihr gelungen, sie habe sich auch „das Feld des Hörbuchs erschlossen“. Sie habe die Tage gut rumbekommen. Seitdem glaube sie, dass sie mit dem neuen Lebensabschnitt, dem ohne Weltpolitik, gut zurechtkommen werde.

Die Frage scheint derzeit ohnehin eher, wie die Weltpolitik ohne sie zurechtkommt.

Warum Ostsee?, fragt Osang. Da kenne sie sich besser aus, sagt Merkel. „Vom Prinzip her“ könne sie sich auch die Nordsee vorstellen. Aber an der Ostsee, in ihrem Wahlkreis, könne sie herumlaufen, Kapuze auf. Die Leute grüßen, aber keiner gibt etwas an die Zeitung. Es klingt nach Heimat, definiert auf Merkel-Art. Vom Prinzip her.

Wie fühlt es sich an, einen neuen Krieg in Europa aufziehen zu sehen, wenn man in Fischland steht, oder in der Uckermark?, fragt Osang.

Merkel sagt, dass sie denjenigen vertraue, die in Deutschland jetzt regieren, die „übernommen“ haben. Sie gibt Fragen aus ihrem Inneren wieder: „Hat man vielleicht was versäumt? Hätte man das verhindern können?“ Sie sagt, dass sie sich in all den Jahren als Kanzlerin ununterbrochen mit Problemen beschäftigt habe, die aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion herrührten.

Dem Zusammenbruch, der für Wladimir Putin, wie er ihr früh erzählt habe, der schlimmste Moment im Leben gewesen sei. Sie habe ihm schon damals geantwortet: „Weißt du, für mich war das der Glücksmoment meines Lebens.“

Ein guter Moment in der Geschichte

Sie kommt auf dieses Glück später zurück, in der DDR rollten 1989 keine Panzer, im Jahr darauf verfolgte sie den Abzug der Sowjetarmee aus dem Land „mit angehaltenem Atem“. „Wir haben einfach einen sehr guten Moment in der Geschichte abgepasst“, sagt sie zu Osang. Wir beide. In solchen Momenten ist völlig klar, warum sie hier mit ihm sitzt. Danach habe sich die Weltlage ja leider wieder verdüstert.

Es geht viel um Wladimir Putin, den Mann, der zum Verdüstern beitrug. Der ihr einen großen Stoffhund schenkte, später einen echten Hund mitbrachte, als er sie traf. Weil er wusste, dass sie Hunde fürchtet. Der besser Deutsch sprach als sie Russisch, auch mal nach einem Wort suchte, sie konnte aushelfen. Mit dem sie seit der Annexion der Krim nicht mal mehr die üblichen diplomatischen Gastgeschenke austauschte. Den sie duzte, der sie zurückduzte. Aber entsteht daraus eine ganz besondere Nähe?

Nichts deutet an diesem Abend darauf hin. Putin war ein Mann, mit dem sie im Gespräch bleiben wollte, im Gespräch bleiben musste, so sieht Merkel es. Russland ist ein großes, ein wichtiges Land, „sie existieren“, sagt sie. „Mit dem Mann brauchst du gar nicht reden“, das sei nicht ihr Politikansatz gewesen. Sie konnte ihn sich nicht wegzaubern. Also Angst vor Hunden überwinden, reden, verhandeln.

Putin sei in der Corona-Pandemie sehr vorsichtig geworden, sagt sie. Es habe keine direkten, persönlichen Kontakte mehr gegeben. Trug das vielleicht auch zur Eskalation bei? Zum Krieg? Hat der Abzug der Amerikaner aus Afghanistan eine Rolle gespielt? Für Momente wirkt es, als spiele Merkel auf der Bühne Gedanken durch wie beim Ostseespaziergang unter der Kapuze.

Sie spricht über die Minsker Abkommen, ihre Überlegungen zur Nato-Erweiterung, die Krim-Sanktionen, die auch hätten schärfer sein können, über Georgien, über ihr Herz, das immer für die Ukraine geschlagen habe.

Darf man noch nach Florenz?

Sie erzählt, wie sie vor einer zweiten Urlaubsreise, die sie nach Ende ihrer Amtszeit unternehmen wollte, gezögert habe. Angela Merkel wollte unbedingt nach Italien, Florenz, den David von Michelangelo sehen, sie begeistert sich für die Renaissance, für europäische Geschichte. Aber sie wusste, das würde Ärger geben. Sie fuhr trotzdem. Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, twitterte, Merkel habe lieber nach Butscha reisen sollen.

Sie wollte aber Florenz, Ausstellungen sehen, sagt Angela Merkel. Sie wollte das für sich. Erwartet die Welt von ihr, dass sie nur noch in die Uckermark fährt?

Tja, wahrscheinlich kann sie es nur falsch machen. Zu viel zu dem sagen, was nach ihr politisch passiert. Zu wenig sagen. Zu den falschen Themen reden. Noch während sie auf der Bühne spricht, ahnt man, wird sich die Kritik warmlaufen, an ihr, dem Abend, wahrscheinlich ist das gut so, richtig. Demokratie eben.

Sie suche noch nach einem Weg, sagt sie: „Was ist eine Bundeskanzlerin a.D.?“ Macht sie nur noch „Wohlfühltermine“, so wie diesen hier? Das lese sie über sich selbst, sagt Merkel, und sie könne da nur sagen: ja.

Die Zuschauer im Saal applaudieren, lachen, nicht zum einzigen Mal, Merkel kann Pointen setzen, aber das Lachen klingt nie so laut wie in diesem Moment. Neben den Journalisten sind auch normale Bürger gekommen. Einige haben draußen vorher mit Schildern nach einer Karte gesucht wie vor einem Popkonzert. Der Abend war rasend schnell ausverkauft gewesen. Promis sieht man nicht im Theater, auch keine anderen bekannten Politiker.

Dann ist es halb zehn. Angela Merkel guckt auf ihre Uhr. Alexander Osang guckt auf seine Zettel, auf die Fragen, die er eigentlich noch stellen wollte. Osang fragt noch nach Friedrich Merz. Merkel lässt sich noch zu dem Satz hinreißen: „Wir müssen ein guter Jahrgang gewesen sein, zwei so interessante Persönlichkeiten.“ Merz und sie, diesmal.

Wir müssen zum Ende kommen, sagt Osang.

Erst dann reden sie darüber, worüber sie nicht geredet haben. Über das Buch von Angela Merkel, zum Beispiel. Es sei aus ihrer Rede zum 3. Oktober entstanden, sagt sie, zum Saal gewandt, es wirkt für einen Moment, als wolle sie zu etwas Größerem ansetzen, aber die Zeit ist um, wieder einmal. Die Rede habe ihm das Herz gebrochen, sagt Osang. Merkel nickt ihm zu, hebt eine Hand, streckt sie ihm entgegen, redet schnell weiter. Die Rede sei sehr persönlich gewesen, sagt sie. Weil es eine ihrer letzten gewesen sei, habe sie „ein Stück Verletzlichkeit“ gezeigt.

Man würde wirklich gern an dieser Stelle noch einmal anfangen, mit diesem Abend, an diesem Ort, aber auch das geht natürlich nicht. Der Krieg, die Zäsur.

Der Saal leert sich schnell, und im Obergeschoss des Theaters bildet sich eine lange Warteschlange. In einem riesigen Raum, in den immer nur ein paar Menschen gelassen werden, sitzt Angela Merkel an einem Tisch, gut bewacht, und signiert ihr kleines Buch, 64 Seiten: Was also ist mein Land?

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