Berlin - Angela Merkel baut ihren Kritikern in der CDU und der CSU keine Brücke. Der Leitantrag, den die Parteispitze zur Flüchtlingspolitik vorgelegt hat, nimmt die Forderung nach extrascharfen Tönen nicht auf. Er fordert keine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen und keine Grenzschließungen, er gibt keine zeitliche Perspektive, der Duktus bleibt freundlich-verbindlich.

Zum Willkommensgestus kommt eine positive Erklärung für die zahllosen Flüchtlinge. Sie seien „eine eindrucksvolle Abkehr von menschenverachtendem religiösen Fanatismus und ein Vertrauensbeweis in unsere westlich-abendländischen Werte“. Das ist ein anderer Ton als der von Finanzminister Wolfgang Schäuble, der die Flüchtlinge mit einer bedrohlichen Lawine verglich.

Kritik tropft an der Kanzlerin ab

Es ist ein anderer Ton als der von CSU-Chef Horst Seehofer, der die Zeit reif hielt für Notwehrmaßnahmen. Es ist ein anderer Ton als der der Jungen Union, die der Kanzlerin mangelnden Realismus vorgeworfen hat. Merkel lässt all die Kritik weiter von sich abtropfen, sie hat sich nun auch noch Bundesinnenminister Thomas de Maizière an ihre Seite geholt, bevor der sich ganz von ihren Gegnern vereinnahmen lässt.

Beide betonen sie nun das große, das internationale Bild, das Syrien, die Flüchtlingslager im Nahen Osten, die Türkei und Europa in Blick nimmt. Sie betonen die Bedeutung von Geduld und warnen mit einigem Pathos vor einer Gefährdung des europäischen Gedankens.

Die Lawinenwarnertruppe muss sich nun entscheiden: Gibt sie klein bei oder stellt sie sich gegen Merkel und de Maizière und beschädigt damit beide und die Partei gleich noch mit. Es ist eine Machtprobe, Merkel hat sich darin klar positioniert. Es ist nicht ohne Risiko. Sie kann auch verlieren.

Dann aber halten ihre Gegner keine Lawine auf, sondern begehen Harakiri.