Berlin - Es ist gegen 11 Uhr am Dienstag, als Kanzlerin Angela Merkel im blauen Sakko und gleichfarbigen Mundschutz das Robert Koch-Institut (RKI) betritt. Gesundheitsminister Jens Spahn wartet bereits, neben ihm steht der ernst blickende RKI-Präsident Lothar Wieler. Fotoapparate blitzen, dann verschwindet das Trio in die ehrwürdigen Hallen zu einem Vortrag, den Angela Merkel nachher als lehrreich loben wird. Es folgt eine Besichtigung des kleinen Institutsmuseums, und wenig später sitzen die drei im historischen Hörsaal und Jens Spahn sagt: „Danke Angela, dass du hier bist.“

Die Bundeskanzlerin nickt, blickt ernst drein, und die Botschaft ist klar: Es geht ums Impfen – und um das Werben dafür. Seit Monaten erledigen diese Aufgabe Jens Spahn und Lothar Wieler mindestens einmal die Woche in der Öffentlichkeit. Sie mahnen, appellieren und verkünden mal bessere, mal schlechte Corona-Infektionszahlen. Nun haben sie die Kanzlerin ins Boot geholt.

Merkel erledigt ihren Job staatstragend. Eindringlich ruft sie die Deutschen dazu auf, sich impfen zu lassen. Eine Immunisierung schütze „immer auch jemanden, dem Sie nahestehen, der Ihnen wichtig ist, den Sie lieben“, sagt sie. Auch diejenigen, die sich unsicher seien, sollten noch einmal in sich gehen. Die Gesellschaft insgesamt würde durch eine hohe Impfquote profitieren, da Beschränkungen zurückgenommen werden könnten: „Je mehr geimpft sind, desto freier werden wir wieder sein.“ Merkel klingt sehr mütterlich. 

Dann präsentiert die Kanzlerin neue Zahlen. Danach müsse bei den Über-60-Jährigen die Impfquote bei 90 Prozent liegen, um angesichts der Verbreitung der Deltavariante einen neuerlichen starken Anstieg der Fallzahlen zu vermeiden. Bei den 18- bis 59-Jährigen brauche man eine Quote von 85 Prozent. Davon sei Deutschland aber noch weit entfernt, sagt Merkel, die an die Solidarität aller appelliert: „Niemand ist für sich allein geschützt.“

Die Pandemie sei noch nicht vorbei, so die Kanzlerin. Das gelte trotz der Fortschritte beim Impfen und der derzeit nicht drohenden Überlastung des Gesundheitswesens. Die Abstands- und Hygieneregeln müssten daher weiter eingehalten werden. Jens Spahn nickt zustimmend und fügt hinzu: Es habe inzwischen auch niemand mehr eine Ausrede, sich nicht impfen zu lassen. Es gebe genug Serum, und Impftermine seien leicht zu bekommen. 

Wer heute nicht geimpft ist, darf sich morgen nicht beschweren, wenn er nicht zur Party eingeladen worden ist.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) 

Natürlich wird die Kanzlerin am Dienstag zu einer Impfpflicht unter anderem für Lehrer und medizinisches Personal gefragt, die hierzulande diskutiert wird und in Frankreich und Griechenland für bestimmte Berufsgruppen eingeführt werden soll. In diesen EU-Staaten ist längst Schluss mit Appellen. Doch dem erteilt die Kanzlerin eine Absage. Jedenfalls vorläufig. Im Augenblick sei das kein Thema, sagt sie kurz vor Ende der Pressekonferenz und lässt sich – wie so oft – ein Hintertürchen offen. In den nächsten Wochen gehe es erst einmal ums Werben. Jens Spahn pflichtet bei: Es sei ein Gebot der Vernunft, sich impfen zu lassen. Dann brauche es auch keine zusätzlichen Tests und in den seltensten Fällen eine Quarantäne. Deutlicher wird er wenig später: „Wer heute nicht geimpft ist, darf sich morgen nicht beschweren, wenn er nicht zur Party eingeladen worden ist.“

Merkel über Impfaktionen: Kreativität sind keine Grenzen gesetzt

Der Merkel-Auftritt am Dienstag ist geschickt platziert. Den Ruf nach einer intensiveren Impfkampagne gibt es seit längerem. Die Bundesärztekammer fordert dies neben vielen anderen Experten. Vorschläge, Impfmüde hinter dem Ofen hervorzuholen, gibt es hinreichend: Markus Söder möchte Impfen to go für junge Menschen anbieten, andere schlagen Impf-Aktionen in Vereinen und Moscheen vor. Kanzlerin Merkel: „Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.“ Wieler lobt am Dienstag Impfangebote wie im Einkaufszentrum Sindelfingen oder im Kölner Bezirk Chorweiler. Angela Merkel erwähnt anerkennend eines in Berlin auf einem Ikea-Parkplatz. Jens Spahn unterstreicht: Das sei das richtige Motto, Impfen überall anzubieten. Spahn: „Es geht darum, Gelegenheiten zu schaffen. Das ist die nächste Phase der Impfkampagne.“ 

Zum Schluss des Auftritts als Impf-Botschafterin  lockert sich Angela Merkel sichtlich und bedankt sich beinahe kess bei den Zuhörern. Dann entschwindet sie mit ihrem blauen Mundschutz. In ein paar Wochen wird Bilanz gezogen.