Berlin - Bescheiden wie Christoph Heusgen ist, nennt er es eine „nette Geste“. Dabei war es ein Ritterschlag. Der US-Präsident hat gerade mit Kanzlerin Angela Merkel konferiert und will jetzt das Kanzleramt verlassen. Er sitzt schon in seinem gepanzerten Cadillac, als er Heusgen entdeckt. Merkels Mann für die Außenpolitik, so klug und analytisch wie leise und zurückhaltend. Heusgen winkt zum Abschied, da ruft Barack Obama erfreut „Christoph“ und springt noch einmal aus dem Auto, um ihm auf Augenhöhe Tschüss zu sagen.

Man werde diesem Präsidenten noch nachweinen, heißt es nach dessen letztem Besuch im November im Kanzleramt. Nun soll Heusgen Anfang der Woche nach New York fliegen, um das Team des künftigen US-Präsidenten Donald Trump zu treffen, unter anderem den designierten Nationalen Sicherheitsberater Michael Flynn, schreibt der „Spiegel“. Zum Umfeld von Trump gibt es bislang eher spärliche Kontakte. Ein Fall für den erfahrenen Diplomaten Heusgen.

Geht er zu Trump?

Ein Regierungssprecher bestätigt allerdings nur, dass Heusgen in den USA Gesprächen führen wird, sagt aber nicht, mit wem. Auch das gehört zur Strategie. Keine Erwartungen wecken. Strippen ziehen, aber lieber unbemerkt.
Zu den Wesenszügen von Merkels engsten Beratern muss es gehören, dass sie im Hintergrund bleiben, keinen Drang zur Selbstdarstellung haben, nicht groß öffentlich auftreten. So will es die Kanzlerin. Und Heusgen oder der wirtschaftspolitische Berater Lars-Hendrik Röller sind auch so gestrickt. Sie wirken still in der zweiten Reihe. Aber ohne sie wäre für die erste Reihe vieles nicht möglich.
Heusgen könnte aber auch noch andere wichtige Gespräche in den USA führen. Denn er soll 2017 UN-Botschafter in New York werden. Als Nachfolger des jetzigen ständigen Vertreters Deutschlands bei den Vereinten Nationen, Harald Braun, der in den Ruhestand geht. Auch diese im November bekannt gewordene Nachricht bestätigt die Regierung offiziell nicht. Bloß keine unnötige Unruhe.

Merkel und ihr Berater

Denn der Wechsel soll im September sein, wenn in Deutschland ein neuer Bundestag gewählt wird. Heusgen hat Merkel dann zwölf Jahre als außen- und sicherheitspolitischer Berater gedient. So lange, wie sie selbst Kanzlerin ist. Und so lange, wie kein anderer auf einem solchen Posten. Am 17. März wird er 62 Jahre alt. Schon seit längerem strebte er nach Veränderung. Weniger, um seinem schlafraubendem Job mit nächtelangen Verhandlungen den Rücken zu kehren, sondern um sich einen Traum zu erfüllen: Amerika. Im Dienste der Vereinten Nationen.

Heusgen wurde in Düsseldorf geboren, wuchs in Neuss auf, studierte Wirtschaftswissenschaften in der Schweiz, den USA und in Frankreich. Mitte der 1990er Jahre arbeitete er beim damaligen Außenminister Klaus Kinkel (FDP). Von 1999 bis 2005 war er Stabschef des damaligen Hohen Repräsentanten für die Außen- und Sicherheitspolitik der EU, Javier Solana. Ironie findet der Rheinländer nicht abträglich.

Ganz nah an US-Präsident Obama

Innerhalb der Bundesregierung hält Heusgen, der CDU-Mitglied ist, vor allem Drähte in das Verteidigungsministerium und das Außenministerium und hatte da in dieser Legislaturperiode mit Ursula von der Leyen (CDU) und Frank-Walter Steinmeier (SPD) zu tun. Auf dem Höhepunkt des Vertrauensverlustes im deutsch-amerikanischen Verhältnis während der NSA-Affäre verhandelte er mit Obamas damaliger Chefstrategin für Europa, Karen Donfried, über ein „No spy“-Abkommen - zu dem es nie kam. Eine von Heusgens schlechteren Erfahrungen.

Privat schwärmt er für den FC Bayern München. Es gibt ein Foto von 2012, als der deutsche Fußball-Rekordmeister das Champions-League- Finale zuhause gegen den FC Chelsea verlor. Heusgen war da beim G8-Gipfel in Camp David und hatte die bittere Niederlage gemeinsam mit dem damaligen britischen Premierminister David Cameron gesehen. Während dieser jubelt und Frankreichs Präsident François Hollande sowie andere Spitzenpolitiker wenig tröstlich für Heusgen wirken, sieht man, wie der Bayern-Fan nur den Kopf in seinen Händen vergräbt.

Sich selbst hält er mit Ski-Marathon fit, für den er im Park von Berlin-Friedrichshain auf Roll-Ski trainiert. Eine andere private Leidenschaft ist das Neusser Schützenfest. „Das ist das wichtigste Datum im Jahr“, sagte er einmal der „Rheinischen Post“. In 35 Jahren habe er den Termin am letzten August-Wochenende kein einziges Mal versäumt. Wenn man bedenkt, dass er Merkel wirklich auf allen Auslandsreisen begleitet, ist auch das schon eine echte Leistung. (dpa)