Paris - Sie wollen kein Geld. Sie wollen die Wahrheit. Angehörige chinesischer Passagiere, die in der am 8. März 2014 verschollenen Malaysia-Airlines-Maschine saßen, haben am Donnerstag in Peking dafür demonstriert. Sie haben das Gefühl, hingehalten und belogen zu werden, von der malaysischen Regierung zumal. Und die jüngsten, widersprüchlichen Meldungen waren ja auch nicht dazu angetan, Argwohn zu zerstreuen.

Während der malaysische Regierungschef Najib Razak bekanntgab, die Mitte vergangener Woche an der Küste von La Réunion angeschwemmte Flügelklappe einer Boeing 777 stamme mit Sicherheit von dem mit 239 Menschen an Bord verschwundenen Flugzeug, zeigte sich die französische Staatsanwaltschaft deutlich zurückhaltender. Von einer „sehr starken Vermutung“, wonach das auf der vor Ostafrika liegenden Insel geborgene Teil dem Flug MH370 zuzurechnen sei, sprachen die Ermittler.

Flügelklappe weckt Hoffnungen

Am Donnerstag hat Razak dann nachgelegt. Von weiteren auf der zu Frankreich gehörenden Insel angeschwemmten Wrackteilen sprach der Premier, von Sitzkissen, Flugzeugfenster- und teilen. Bis zum Nachmittag konnte die französische Staatsanwaltschaft das aber nicht bestätigen.

Schon die mit großer Wahrscheinlichkeit von der vermissten Maschine stammende Flügelklappe weckt Hoffnungen, dass die von den Angehörigen geforderte Aufklärung vorankommt. Das Teil habe vermutlich einiges zu erzählen, versichern Flugingenieure, Ozeanforscher und Meeresbiologen. Hinweise auf den Absturzort wie auch auf die Unglücksursache erhoffen sich die Wissenschaftler.

Für Joel Sudre, Ozeanforscher an der Universität Toulouse, geht es zunächst darum, die Schwimmeigenschaften der Klappe auszuloten. Waren es Oberflächenströmungen, die das Wrackteil bis nach La Réunion befördert haben? Trieb es in tieferen Wasserschichten dorthin? Je nach Befund ergeben sich unterschiedliche Routen, die zu unterschiedlichen mutmaßlichen Absturzstellen führen.

Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Flügelklappe auf den Wellen getrieben ist. Nach Auskunft der in Brest forschenden Meeresbiologin Dominique Berthélémy ähneln die an dem Metallteil haftenden lebenden Organismen jenen, die gewöhnlich am Bug eines Schiffes zu finden sind. Der Kölner Paläontologe und Geologe Hans-Georg Herbig glaubt, das Absturzgebiet mit Hilfe des Bewuchses von Entenmuscheln (Lepas australis) auf dem Wrackteil eingrenzen zu können. Diese Organismen kommen westlich und südwestlich von Australien nur in bestimmten Meeresregionen vor. Seine Erkenntnisse hat Herbig der Fluglinie Malaysia Airlines und den französischen Flugunfalluntersuchungsstelle BEA übermittelt. „Angesichts des detaillierten Vorschlags müsste jetzt eigentlich eine Reaktion erfolgen“, sagte Herbig dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Um die Flügelklappe zum Sprechen zu bringen, wollen die Wissenschaftler ihr nun mit physikalischen und chemischen Methoden zu Leibe rücken. Nach den Worten des Flugtechnikexperten Pierre Bascary soll in Toulouse ein 100 000-fache Vergrößerungen ermöglichendes Elektronenmikroskop eingesetzt werden. Von ihm erhofft man sich Aufschluss darüber, wie das zwei Quadratmeter große Teil aus dem Tragflügel herausgebrochen ist. War eine einmalige, außergewöhnliche Belastung schuld? Oder ein langsamer Prozess?

Absturzstelle eingegrenzt

„Wir werden Gewissheit darüber erlangen, ob das Flugzeug ins Meer gestürzt ist, und wir werden die Strömung zurückverfolgen können, die das Wrackteil nach La Réunion gebracht hat, und so die Absturzstelle eingrenzen“, glaubt der Luftfahrtexperte Gérard Felzer. Eine Analyse weiterer Trümmer könne dazu Erkenntnisse über die letzten Augenblicke vor dem Aufprall liefern.

Über mangelnde Unterstützung können sich die Experten nicht beklagen. Die Suche nach Wrackteilen beschränkt sich nicht mehr auf La Réunion. Mauritius hilft auch mit. Nach den Worten Xavier-Luc Duvals, des Premierministers der 200 Kilometer nordöstlich von La Réunion liegenden Insel, haben dort zwei Flugzeuge und ein Schiff die Suche aufgenommen. Auch hat Duval an die Kollegen der Komoren, Seychellen und anderer Inselstaaten appelliert, nach Flugzeugteilen suchen zu lassen.

Eines werden die Trümmer aber nicht verraten. Über die Ereignisse nach dem Start, das Ausfallen aller Kommunikationssysteme zumal, können nur die Flugschreiber Auskunft geben, die Black Boxes. Sie ruhen vermutlich in mehreren tausend Meter Tiefe auf dem Grund des Indischen Ozeans – und sind viel zu schwer, als dass eine Strömung sie mitreißen und auch an Land schwemmen könnte. (mit jf)