Das Ehepaar Machann hat mit Sohn Hugo an der Kreuzfahrt teilgenommen.
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Hamburg/Berlin„Drängeln tut sich’s eigentlich nur bei den Bars“, berichten Michael und Vera Machann. Anfang August sind sie in Hamburg von Bord eines Kreuzfahrtschiffes gegangen – nach einer Drei-Tages-Kreuzfahrt mitten in der Corona-Epidemie, auf der strenge Hygiene-Regeln galten. Die meiste Zeit habe es eher gewirkt, als wären alle Passagiere auf Landgang, so leer sei es auf dem Schiff gewesen, berichten die Machanns. Insgesamt habe sich die dreiköpfige Familie mit dem kleinen Sohn Hugo angstfreier gefühlt als im Supermarkt.

Das TUI-Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 2“, das coronabedingt nur 1500 statt 2900 Passagiere aufgenommen hatte, war ohne Landgang auf der Nordsee unterwegs. An Bord galten umfangreiche Regeln. So mussten die Gäste jeden Morgen zwischen 8.30 und 12 Uhr in einer Schlange vor einem Raum zum Fiebermessen antreten, sagt Friederike Grönemeyer, Senior Manager Communications bei TUI Cruises. „Dann geht man einmal rein, sagt seine Zimmernummer, dann wird einmal kurz Temperatur gemessen und dann geht man wieder raus.“ Wenn bis dahin noch nicht alle Gäste erschienen seien, gebe es eine Durchsage mit der freundlichen Bitte, sich vor Ort einzufinden.

Schon bevor die Passagiere an Bord gingen, mussten sie ihre Körpertemperatur messen lassen und zusätzlich einen Gesundheitsfragebogen ausfüllen. Die Crewmitglieder mussten untereinander und zu den Gästen den Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten oder Gesichtsmasken tragen. In den Buffetrestaurants hatten die Gäste nicht selbst Zugang zu den Speisen. Sie wurden ihnen vom Personal an den Tisch gebracht. Das sei „sowieso gar nicht so schlecht“ und besser, als wenn alle Leute im Essen herumwühlten, sagt Passagierin Claudia Willgeroth, die gemeinsam mit einer Freundin an Bord war.

Verbesserungswürdig finden Gabriele Strohof und ihre Tochter Julia die Organisation der Ankunft der Gäste am Terminal vor Beginn der Mini-Kreuzfahrt. Vier Stunden hätten sie am Abreisetag warten müssen, bei Temperaturen um die 30 Grad. „Ich habe viele ältere Leute gesehen, die in der prallen Sonne standen“, berichtet Gabriele Strohof und empfiehlt, Toiletten, Getränkeautomaten und Zelte aufzustellen.

Während TUI Cruises wieder an einem deutschen Hafen aktiv ist, hat der Branchenkonkurrent Aida Cruises die Rückkehr ins Kreuzfahrtgeschäft nach der Corona-Zwangspause verschoben und die geplanten Mini-Kreuzfahrten auf der Ostsee für die erste Augusthälfte abgesagt. Zuvor waren bei mehreren Crewmitgliedern Corona-Infektionen festgestellt worden. Aida plant die Wiederaufnahme des Kreuzfahrtbetriebes mit den ersten Schiffen ab deutschen Häfen nun ab Anfang September. Voraussetzung dafür war die Zustimmung des Flaggenstaates Italien.

Los gehen soll es ab dem 6. September mit den ersten Reisen ab Kiel. Ab Hamburg starten die ersten Kreuzfahrten am 12., 19. und 26. September zu den norwegischen Fjorden.

Die „Roald Amundsen“ von Hurtigruten liegt nach einem Corona-Ausbruch in Tromso fest.
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Die Corona-Krise hat die Kreuzfahrt-Branche weiter im Griff. Das zeigt ein Blick nach Norwegen, wo die Reederei Hurtigruten bereits seit Juni wieder Expeditions-Seereisen angeboten hatte. Damit ist aber inzwischen schon wieder Schluss: Nach einem Coronavirus-Ausbruch auf der „Roald Amundsen“ – mittlerweile stieg die Zahl der bestätigten Ansteckungen unter der Besatzung und den Fahrgästen auf zwei Kreuzfahrten des Schiffes auf 62 – entschied die Reederei, vorerst keine Reisen mit ihren drei Expeditionsschiffen mehr anzubieten. 

Hurtigruten-Chef Daniel Skjeldam hatte bei einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche Fehler eingeräumt und um Entschuldigung gebeten. Ob die Reederei gegen die rechtlichen Bestimmungen zur Bekämpfung der Pandemie verstoßen hat, sollen nun polizeiliche Ermittlungen zeigen. Ein Topmanager, der bislang das operative Geschäft leitete, hat auf Initiative des Unternehmens seine Ämter vorübergehend niedergelegt.

Kreuzfahrten gelten als Inbegriff des Übertourismus

Vor der Corona-Krise zählten Kreuzfahrten zu den Wachstumstreibern im Tourismus. Dem Branchenverband CLIA zufolge stiegen die jährlichen Passagierzahlen im Kreuzfahrtmarkt von 2009 bis 2019 weltweit von 17,8 Millionen auf 30 Millionen. Für dieses Jahr war ursprünglich ein deutlicher Anstieg auf 32 Millionen Reisende erwartet worden, doch durch die weltweiten Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung des Virus kam das Geschäft komplett zum Erliegen.

Und auch wenn sich nun die ersten großen Kreuzfahrtreedereien wieder an den Markt wagen – jedes neue Infektionsgeschehen an Bord macht die Versuche der Branche, wieder vom Reisewillen ihrer Gäste zu profitieren, zunichte. Zu präsent sind noch die Bilder von Schiffen wie der „Diamond Princess“, die im Februar wochenlang unter Quarantäne stand, weil sich 700 Menschen an Bord infiziert hatten.

Hinzu kommt, dass Kreuzfahrten inzwischen als Inbegriff des Übertourismus gelten, dessen Folgen immer kritischer bewertet werden. Nicht nur wegen der schlechten Ökobilanz der Schiffe und der unter Touristenmassen und Umweltverschmutzung ächzenden Anlegestädte wie Venedig.

Misslich sind auch die Arbeitsbedingungen auf den Schiffen. Die Stiftung Warentest hatte im Januar 2019 zwölf Kreuzfahrtschiffe von vier Reedereien unter die Lupe genommen. Ihr Fazit: Sozial engagieren sich die Reedereien nur spärlich. Sie halten sich lediglich an die gesetzlichen Vorgaben der Staaten, unter deren Flagge sie fahren. Und damit fallen die Löhne alles andere als befriedigend aus. Nicht selten schuften die Arbeiter für drei oder vier Euro pro Stunde. Und das bei langen Arbeitstagen, sieben Tage die Woche, meist über Monate hinweg.