Berlin - Nach dem Tod von Anis Amri fahnden die Behörden weiter mit Hochdruck nach möglichen Mittätern. Sie vermuten, dass der mutmaßliche Terrorist vom Breitscheidplatz Helfer hatte – unter anderem in Frankreich, das er nach Angaben aus Rom auf dem Weg nach Italien passierte.

In Frankreich hatte Amri Kontaktpersonen, die ihm im Sommer Schnellfeuergewehre verschaffen sollten, offenbar, um in Deutschland einen Anschlag zu begehen. „Die Finanzierung der Waffen sollte durch Eigentumsdelikte erfolgen“, sagte Berlins Innenstaatssekretär Torsten Akmann (SPD) am Freitag bei einer Sondersitzung des Innenausschusses im Abgeordnetenhaus.

Amri wurde am Lageso registriert

Bei dieser Sitzung wurden weitere Details über den Täter bekannt: Laut Akmann wurde Amri bei seiner Einreise im Juli 2015 beim Berliner Landesamt für Gesundheitsschutz und Soziales (Lageso) registriert und einer Unterkunft in Emmerich im Landkreis Kleve in Nordrhein-Westfalen zugewiesen. Unter mehreren Identitäten hielt er sich jedoch von Februar an in verschiedenen Berliner Bezirken auf und stellte mehrere Asylanträge. Bis zum Schluss sei die Ausländerbehörde in Kleve für ihn zuständig gewesen, so Akmann.

Den Behörden war schon früh klar, dass Amri Kontakte zum IS hatte. Im Internet erkundigte er sich nach Anleitungen für den Bau von Bomben und die Herstellung von Sprengstoff. In Berlin sei gegen Amri unter anderem ermittelt worden wegen einer Körperverletzung am Lageso, Falschbeurkundung und Betrug, so Akmann. Das Landeskriminalamt stufte ihn am 10. März als islamistischen Gefährder ein und beobachtete ihn. Als er im Mai in Oberhausen in NRW einen Asylantrag stellte, wurde er von Berlin als Gefährder „ausgestuft“, und NRW stufte ihn als solchen ein. Das dortige LKA sollte sich laut Akmann „dringlich um seine Abschiebung kümmern“.

Lauschangriff eingestellt

Wegen seiner Kontakte zur Islamistenszene in Frankreich ließ die Berliner Staatsanwaltschaft vom 5. April an seine Telefone abhören. Am 21. September wurde die Überwachung wegen fehlender Anhaltspunkte eingestellt. Im Sommer wollte Amri per Fernbus von Berlin nach Italien reisen. Bundespolizisten nahmen ihn wegen falscher Reisedokumente fest, und er kam in Ravensburg kurz in Haft. Danach gab es keine Hinweise mehr, dass er in Berlin war.

Als er mit dem gekidnappten polnischen Sattelschlepper auf den Breitscheidplatz raste, griff der rechtmäßige Fahrer des Wagens, Lukasz U., vom Beifahrersitz aus in das Geschehen ein – so zeigt es das Spurenbild. „Wir denken über einen Dank des Landes Berlin nach“, sagte Innensenator Andreas Geisel (SPD) im Innenausschuss.

Treuebekenntnis zum IS

Nach Angaben von Berlins LKA-Chef Christian Steiof waren bis Freitagmittag neun von zwölf Toten eindeutig identifiziert. Die Identifizierung sei sehr schwierig, sagte er. Unter den Toten und Verletzten sind auch Ausländer, darunter eine Israelin, eine Italienerin und ein Tscheche. Das Auswärtige Amt hat mit den Botschaften der betroffenen Länder Kontakt aufgenommen.

Auf Amri kamen die Ermittler, weil dieser im Fahrerhaus unter anderem seine Duldungsbescheinigung aus dem Landkreis Kleve zurückgelassen hatte. Dass sie erst am nächsten Tag gefunden wurde, erklärte LKA-Chef Steiof mit der komplizierten Spurenlage: „Man kann so ein Fahrzeug natürlich erstmal durchwühlen.“ Aber man befinde sich im Spannungsfeld zwischen Gefahrenabwehr und gerichtsfester Beweissicherung.

Das Sprachrohr des IS, die Nachrichtenagentur Amak, hat derweil ein Video veröffentlicht, auf dem der mutmaßliche Attentäter zu sehen sein soll. Auf der knapp dreiminütigen Aufnahme schwört dieser dem Anführer der Terrormiliz, Abu Bakr al-Bagdadi, die Treue. Die Echtheit der Aufnahme konnte zunächst nicht bestätigt werden. Auf dem Video ist eine Brücke zu sehen, die zur Perleberger Straße in Berlin-Moabit führt. Dort befindet sich die Salafisten-Moschee, die Amri besucht haben soll. Der auf dem Video zu sehende junge Mann richtet sich an die „Kreuzzügler“ und sagt: „Wir kommen zu euch, um euch zu schlachten, ihr Schweine.“ Es werde Rache für das Blut von Muslimen geben, das vergossen wurde.