Berlin - Still ist es an diesem Herbstnachmittag im Deutschen Theater. Das Haus ruht noch ein bisschen aus, bevor die Zuschauer kommen. Das Energiesparlicht der Notleuchten mischt sich mit dem Energiesparlicht des Novembers und bricht sich matt in den Kristallen der Lüster und im geschliffenen Glas der Spiegel. Wir suchen nach einem Platz zum Reden, irren durch Gänge, rütteln an Türen. In wenigen Tagen debütiert Anja Schneider an diesem hohen, mit Theatergeschichte und Aura vollgestopften Haus. Sie spielt Amanda Wingfield in Tennessee Williams’ „Glasmenagerie“, am Freitag ist Premiere. Wie ist es für sie, durch diese Säle zu streifen?

Die Türgriffe, die wir anfassen, hat schon Max Reinhardt bedient. In der Luft, die wir atmen, könnte noch das eine oder andere Braunkohlemolekül aus der Nachkriegszeit schweben, als man mit Briketts seinen Eintritt zahlte. Hier spielten Marlene Dietrich, Tilla Durieux, Marianne Hoppe, Inge Keller, Christine Schorn, Susanne Wolff, und jetzt reiht sich Anja Schneider ein. „Ach, hören Sie mal lieber auf!“, sagt sie. „Ich bin ohnehin schon von der eher demütigen Sorte.“

Demut vor dem ersten Auftritt

Ein bisschen Demut vor dem ersten Auftritt im Deutschen Theater ist angebracht, auch wenn man wie Anja Schneider schon eine gestandene Schauspielerin ist und Erfolge in verschiedenen großen und kleinen, nahen und fernen Häusern gesammelt hat. Auch wenn ihr bisheriger Lebensweg und ihre Karriere gar nicht unbedingt auf das Deutsche Theater ausgerichtet waren, scheint es nur folgerichtig, dass sie nun hier gelandet ist.

Ohne dem Schicksal vorgreifen zu wollen − ein Triumph könnte, dramaturgisch und moralisch gesehen, nicht schaden. Anja Schneider ist eine Schauspielerin, die Erfolge durchaus verarbeiten kann ohne abzuheben − oder gar abzustürzen.

Sie ist 39 Jahre alt, geboren in Thüringen, kam Ende der 90er-Jahre aus Altenburg nach Berlin, um an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ zu studieren, direkt nach dem Abitur. Ob das eine gute Entscheidung war, ohne vorher ein bisschen Lebenserfahrungen zu sammeln? „Ich dachte, das erspare ich mir. Das Nötigste habe ich parallel erledigt.“ Ein Scherz, klar, sie lacht. Man braucht eine Weile, um zu verstehen, was das Besondere an Anja Schneiders Lachen ist: Vielleicht ist es die Direktheit. Sie verbirgt nichts darin, sie lacht nicht mit darstellerischen Absichten oder um spaßiges Einvernehmen herzustellen, sondern einfach, weil ihr ein Gedanke Freude bereitet. „Vielleicht hätte ich mir damals erst einmal ein bisschen das Leben angucken sollen. Aber ich steckte schon mitten drin. Ich war ungeduldig. Es hat mir eh schon alles zu lang gedauert.“