Berlin -  Mutter, Sozialdemokratin, Pazifistin – diese Attribute beschreiben Anna Haag (1888–1982). Ihr blieben die nazifreudigen Stuttgarter Nachbarn und Lehrer-Kollegen ihres Ehemanns fremd, aber sie sprach mit allen. Sie beobachtete die ihrem Führer „zujauchzende“ deutsche Mehrheit, las die Zeitungen genau, erlauschte Verräterisches in den Reden Goebbels‘ und in der Straßenbahn, hörte britische Sender („meine geistige Tankstelle“) - und schrieb von 1940 bis 1945 ein Tagebuch. Ein ungeheuerlich eindrucksvolles, atemberaubendes Dokument, das nun endlich vorliegt. Hier einige Beispiele:

Bald nach dem Überfall auf die Sowjetunion bemerkt eine Nachbarin und eifrige Kirchgängerin zu Frau Haag: „Ham Sie’s g’hört? 300.000 Russen g’fang’n! Wenn i jo au glaub‘, dass mr a ordentliche Portion davon abknallt ham!“ Sieben Tage später schreibt eine nahe Verwandte über die vielen deutschen Gefallenen: „Oft die einzigen Söhne! Aber undenkbar, wenn diese russische Tank- und Menschenwalze bei uns eingebrochen wäre mit ihrem Untermenschentum!“ Bald schon stockt der Angriff, und Goebbels gibt seinen Propagandaleuten diese Anweisung: „Ein Vergleich des Unternehmens Napoleons mit diesem Krieg ist vollkommen falsch. 1) hat Napoleon seinen Kampf im Winter geführt. 2) ist es ein Unterschied, ob man diese Entfernungen mit dem Schlitten oder mit motorisierten Truppen zurücklegt.“

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