Berlin -  Anne Helm, Fraktionschefin der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, steht seit langem im Visier der rechten Szene. Sie taucht auf sogenannten Feindeslisten auf, ihr Wohnhaus wurde offenbar ausgespäht, nach ihren Schilderungen wurde sie auf offener Straße bedroht. Helm erhielt als einzige Landespolitikerin in Berlin Drohbriefe mit der Signatur „NSU 2.0“ – eine Referenz an die rechtsextremen Terroristen der gleichnamigen Gruppe. Die Schreiben hatten auch für sie eine neue Qualität. Und sie glaubt, dass es Mittäter gab.

Frau Helm, die Polizei hat einen Verdächtigen gefasst, der die Drohschreiben des „NSU 2.0“ verschickt haben soll. Haben Sie an einen Ermittlungserfolg geglaubt?

Ja. Bei der Zeugenaussage gegenüber der hessischen Polizei hatte ich den Eindruck, dass die Beamten unter erheblichem Druck standen, Ermittlungserfolge zu erzielen. Und es gab ja verwertbare Anhaltspunkte. In meinem persönlichen Fall hat der Täter seinen Drohungen beispielsweise Gewicht verliehen, indem er erkennen ließ, dass er mein Wohnumfeld ausspioniert hatte.

Der Haupttäter hatte Nachahmer, die Polizei rechnet ihm aber 115 von 133 Schreiben zu. Gehen Sie davon aus, dass Sie vom Haupttäter bedroht wurden?

Ja, das ist ziemlich deutlich. Einerseits lässt die Mailadresse darauf schließen, von der die Drohschreiben verschickt wurden. Der Täter gebraucht aber auch eine sehr spezielle Sprache, zudem gibt es wiederkehrende Schreibfehler.

dpa/Jörg Carstensen
Zur Person

Anne Helm, 34 Jahre alt, ist seit vorigem Jahr Fraktionsvorsitzende der Berliner Linken. Ihre politische Laufbahn begann sie 2011 als Bezirksverordnete der Piratenpartei in Neukölln. 2014 zog sie Kritik auf sich, als sie sich bei einer Aktion gegen rechtsextreme Aufmärsche  beim britischen Oberbefehlshaber Arthur Harris für die Bombardierung von Dresden bedankte.

Sie vermuten, dass der Mann Mittäter hatte. Was macht Sie so sicher?

Ich halte das für sehr naheliegend. Die Drohbriefe enthalten teilweise sehr detaillierte Angaben. Ein Teil dieses Wissens stammt offensichtlich aus Ausspähungen, anderes aus Datenabfragen an Polizeicomputern. All diese Daten kann ein Täter kaum alleine erhoben haben.

Wie hat der Täter Sie bedroht?

Die Schreiben sind extrem brutal. Sie enthalten sexualisierte Folterfantasien, gleichzeitig sind sie in einem Pseudo-NS-Behördensprech gehalten. Die Bedrohten werden „verurteilt“, es werden „Aufträge“ erteilt an angebliche andere Mitglieder der Gruppe, die unterschiedliche militärische Titel haben. Der Täter hat aber auch aufmerksam verfolgt, wie ich mich öffentlich geäußert habe und in seinen Schreiben darauf geantwortet. Zusammen mit den Details über mein privates Umfeld wollte er so offenbar das Gefühl bei mir erzeugen, dass ich unter Beobachtung stehe.

Was löst diese Art der Bedrohung bei Ihnen als Politikerin aus?

Wenn jemand so einen Aufwand betreibt, muss man das definitiv ernst nehmen. Leute als verwirrt abzutun ist gefährlich, wenn man sich die Anschläge der letzten Jahre anschaut. Leider tun die Sicherheitskräfte das teilweise immer noch. Ein Beamter vom Landeskriminalamt sagte einmal im Zusammenhang mit einer Bedrohung zu mir: „Da nimmt einer seine Pillen nicht.“ Das ist fatal. Diese Einzeltäter haben das Gefühl, im Namen des Volkes zu halten. Sie vernetzen sich im Internet, finden Bestätigung – und schreiten irgendwann zur Tat. Ich habe mir angeschaut, was der Mörder von Walter Lübcke im Internet verbreitet hat – das sind Sachen, wie ich sie auch bekomme.

Fühlen Sie sich geschützt von der Polizei?

Meine Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. Insgesamt kann ich das Gefühl leider nicht haben. Es gibt nun einmal diese Datenabfragen im Zusammenhang mit dem NSU 2.0. Ob man möchte oder nicht, sie schmälern das Vertrauen in die Institution, die uns schützen soll. Und die Polizei tut nicht genug, um diese Vorgänge aufzuklären – das hat auch die Berliner Datenschutzbeauftragte kürzlich wieder bemängelt.

Das Gespräch führte Frederik Bombosch.