„Anne Will“: Jens Spahn tut so, als wäre er nie in der Bundesregierung gewesen

Bei Anne Will ging es um die steigenden Energiekosten. Jens Spahn gab Kevin Kühnert Ratschläge, als sei er nie Teil der Bundesregierung gewesen.

Was geht mich mein Tweet von gestern an? Jens Spahn bei Anne Will
Was geht mich mein Tweet von gestern an? Jens Spahn bei Anne Willwww.imago-images.de

Die wichtigste Nachricht gab es diesmal ganz am Ende der Talkshow von Anne Will: Legen Sie für Ihre Gasrechnung dieses Jahr am besten schon mal 1000 bis 2000 Euro extra zurück. Die Wirtschafts- und Energieexpertin Claudia Kemfert rechnet damit, dass sich die Energiepreise in den nächsten Monaten vervierfachen könnten. Ver-vier-fachen.

„Gaskrise in Deutschland – wie hart werden die Folgen?“ – zu dieser Frage hatten sich die eher nachgeordneten Vertreter der Ampelkoalition plus Opposition im Berliner Studio zusammengesetzt, während in Schloss Elmau gerade das erste Arbeitsessen der wichtigen Regierungschefs plus EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zu Ende ging.  In Elmau wurden – wie der Kanzler es vorhergesagt hatte – zumindest am ersten Gipfeltag noch keine Berge versetzt. Bei „Anne Will“ wusste man aber auch nicht so recht weiter. Es weiß ja keiner, was Putin demnächst macht. Allerdings war man sich einig darin, dass es ganz bestimmt nicht schön wird im Herbst und Winter.

Inhaltlich war das nicht so richtig ergiebig, aber eine gute Gelegenheit für soziologische Beobachtungen bestimmter politischer Rollenklischees. Die lieferten alle Beteiligten brav ab. Jens Spahn zum Beispiel ist jetzt gerade in der Rolle des Oppositionspolitikers angekommen. Das bedeutet, findet zumindest der ehemalige Gesundheitsminister, dass man da vor allem kesse Forderungen und ansonsten einfach mal ein paar lockere Fragen stellen darf.

Zum Beispiel die, warum die Regierung das, was sie jetzt macht, nicht schon viel früher in Angriff genommen hat: Kohlekraftwerke hochfahren zum Beispiel. Oder früher unabhängig werden von Putins Gas. Ein bisschen altklug darf man sich auch geben als Ex-Minister: Der Satz von Habeck, man sei gut vorbereitet auf die Situation, der sei ihm ja auch mal auf die Füße gefallen, lächelte Spahn als personifiziertes Zwinker-Smiley.

Klar sei ja wohl, dass man alles andere als gut vorbereitet sei, wenn Putin den Gashahn zudreht. Spahn fiel nur kurz aus der Rolle des gutgelaunten Stänkerers, als ihm Anne Will einen Tweet von März unter die Nase hielt, in dem Spahn ein sofortiges Gas-Embargo gefordert hatte. Der sei ein bisschen „verkürzt“ gewesen, gab Spahn zu.

Neben dem unbeschwerten CDU-Politiker fiel der genervte Kühnert besonders auf. Täuscht es, oder wird er von Talkshow zu Talkshow gereizter, wenn man ihn auf die Regierungspolitik anspricht? Auf die Mahnungen der Zeit-Journalistin Anna Mayr, dass man bei den rasant steigenden Preisen die Ärmsten nicht vergessen dürfe, reagierte er geradezu arrogant. „Dafür haben wir ja eine Regierung, dass wir jetzt nicht alle ins Elend fallen“, sagte er eingeschnappt. Vielleicht ist er aber auch nur deshalb so schlecht gelaunt, weil er bei seiner Wohnungssuche festgestellt hat, dass die meisten mit Gas beheizt werden?

Die Belange der sozial Schwachen wurden im Verlauf des Abends dann auch kaum noch angesprochen. Es gibt ja so viel Interessanteres zu besprechen. Der FDP-Politiker Johannes Vogel etwa möchte gerne „in längeren Abschnitten denken“, was bei ihm vor allem bedeutet, die Energiepolitik der großen Koalition zu geißeln und Kevin Kühnert kein bisschen fröhlicher macht. Ansonsten fordert Vogel, sofort mit der Verstromung von Gas aufzuhören, einige Kohlekraftwerke hochzufahren – was ohnehin geplant ist – und ansonsten noch mal über die Kernenergie zu reden. Auf diesen Unsinn wollte aber keiner so recht eingehen.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Kemfert wiederum fand, dass die Gasverstromung nicht das größte Problem ist und wollte lieber über die Industrie sprechen, wo es viele Einsparpotenziale gibt. Leider war von der Industrie niemand da, um das zu bestätigen. Im Übrigen wisse man seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar, so Kemfert, dass dies auch ein Energie-Krieg sei. „Hinterher ist man immer schlauer“, sagte Kevin Kühnert sauertöpfisch. Und da hat er ja nun mal vollkommen recht.