Die CDU-Chefin hat einen neuen Superlativ in die Welt gesetzt. Die Deutschen seien „das verkrampfteste Volk, das auf der Welt rumläuft“, hat Annegret Kramp-Karrenbauer verkündet. Für Sekunden konnte man glauben, sie wollte eine 68er-Revolte ausrufen, auf einer Aschermittwochs-Veranstaltung im mecklenburg-vorpommerschen Demmin.

Kramp-Karrenbauer reagierte allerdings nur auf die Kritik an einem ihrer Karnevalswitze. Der drehte sich um Toiletten für Intersexuelle und war nicht besonders gut. Man konnte ihn als Missachtung von Minderheiten verstehen. Kramp-Karrenbauer wählte Angriff statt Entschuldigung.

Kramp-Karrenbauers Gegenschlag war ein Rundumschlag

Sie fühlte sich missverstanden und den Karneval sowieso. Ihr Gegenschlag war ein Rundumschlag, wenig dosiert. Das war kein Versehen, sondern eine taktische Entscheidung. Mit Superlativen bekommt man mehr Aufmerksamkeit als mit Differenzierungen. Kramp-Karrenbauer hat ein Signal gesetzt.

Sie will die Verdrossenen zurückholen, namentlich von der AfD. Als Ersatz für die gut gepflegten Feindbilder Angela Merkel und etablierte Parteien bietet ihnen Kramp-Karrenbauer Veganer, Klimaschützer und Autokritiker. Sie steht bei ihren Gegnern unter Liberalismusverdacht und bestätigt wie zum Gegenbeweis die Klage über angebliche Sprechverbote und die Dominanz der Linken – in einer CDU-regierten Republik wohlgemerkt.

Angela Merkel ist die Kanzlerin der „kleinen Schritte“, Kramp-Karrenbauer die CDU-Chefin des „Man wird doch noch mal sagen dürfen“. Man wird allerdings auch mal sagen dürfen, dass Klimaschutz in der Regierung immer noch eher klein geschrieben wird. Dass Bouletten und Currywürste alles andere sind als eine unter dem Ladentisch gehandelte Spezialversorgung. Dass Witze gemacht werden, aber schlechte Witze auch kritisiert werden können.

Gegen mehr Lockerheit und weniger Hysteriespiralen ist nichts einzuwenden. Superlative allerdings treiben genau diese Spiralen an.