Gedenkstätte für die Opfer des Anschlags.
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BerlinÜber Anis Amri wussten alle viel. Doch niemand fügte die Hunderte Mosaikstein-Fakten über den Tunesier zu einem Bild. Nicht die Verfassungsschutz-Ämter, nicht der Bundesnachrichtendienst oder das Bundeskriminalamt, die Landeskriminalämter Berlins, Nordrhein-Westfalens und Baden-Württembergs. Und auch nicht die Verwaltungen etlicher Kommunen, wo Amri mit mindestens 14 verschiedenen Identitäten Asyl beantragt und Geld kassiert hatte.

Eigentlich hatten Behörden Amri schon seit dessen Einreise nach Europa im Jahr 2011 auf dem Schirm. Doch verloren sie ihn angesichts des Flickenteppichs von Zuständigkeiten immer wieder aus den Augen. Amri, der sich bereits kurz nach seiner Einreise nach Deutschland im Jahr 2015 auf ein länderübergreifendes islamistisches Netzwerk stützen konnte, arbeitete von Anfang an auf einen Anschlag hin. Er war agiler und mobiler als die vielen Behörden, denen er hier und da unterkam.

Beamten hielten Anschlag für unwahrscheinlich

Kurz nach seiner Ankunft in Nordrhein-Westfalen nahm er Kontakt zum Dschihadisten-Netzwerk des Hasspredigers Abu Walaa in Hildesheim auf. Die Polizei ermittelte gegen ihn, doch ohne Ergebnis.

Im Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum von Bund und Ländern war er mehrmals Thema. Dass er einen Anschlag plante, hielten die Beamten für unwahrscheinlich.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz schickte im Januar 2016 ein Behördenzeugnis an die Landeskriminalämter Berlin und Düsseldorf und ans BKA. Amri wolle sich Schnellfeuergewehre besorgen für einen Terroranschlag. Er lebte inzwischen in Berlin. Das Berliner LKA hörte nach einigen Monaten aber auf, ihn zu observieren. Die Fahnder hatten festgestellt, dass Amri sich als Drogendealer betätigte. Das passte nicht ins Bild eines überzeugten Dschihadisten.

In einem internen LKA-Bericht wurde aus dem banden- und gewerbsmäßigen Dealer ein Kleindealer. Wäre er intensiver observiert worden, dann hätte man ihn wegen gewerbsmäßigen Drogenhandels möglicherweise in Haft nehmen können, wie der später von Berlin eingesetzte Sonderermittler Bruno Jost 2017 sagte.

Warnungen des marrokanischen Geheimdienst

Noch heute decken Untersuchungsausschüsse monatlich neue Pannen auf: Auf Amris Handy, das Anfang 2016 beschlagnahmt wurde, übersahen Fahnder Fotos, auf denen er mit einer Schusswaffe posierte. Als Polizisten ihn in Friedrichshafen an der Schweizer Grenze mit falschen Papieren bei der versuchten Ausreise festsetzten, wurden sie nicht stutzig. Wegen der Verwendung falscher Pässe hätte er in Haft genommen werden können.

Weitgehend folgenlos blieben auch Warnungen des marokkanischen Geheimdienstes, dass Amri Kontakt zur Terrormiliz IS habe. Mit Blick auf die Landeskriminalämter Berlin, NRW und Baden-Württembertg sagte Sonderermittler Jost später: „Da wurde alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.“

Es bleibt spannend, was noch alles herauskommt. Denn dass Amri den Terroranschlag allein verübte, glauben nur noch wenige.