Am Morgen nach dem Anschlag kommt Axel Kaiser zurück zu seiner Bude auf dem Breitscheidplatz, um die Gasflaschen zuzudrehen. Die Gasflaschen braucht er zum Glühweinaufwärmen, für die Feuerzangenbowle und die Heizpilze. Jede Nacht, wenn er seine Bude verlässt, dreht er das Gas zu. Das ist feste Routine seit 23 Jahren, solange mietet er den Stand: Bude aufräumen, Gas zudrehen. Wobei Bude untertrieben ist. Kaiser, gebürtiger Osnabrücker, um die 60, rote Filzjacke, betreibt die „Berliner Weihnachtsterrasse“, einen der größten Stände auf dem Breitscheidplatz.

Am Montag hatte er eine Betriebsweihnachtsfeier, 120 Gäste. Für diesen Dienstag hatte sich die FDP-Spitze zum „Kartoffelpufferbraten für Tegel“ angemeldet. Die Erlöse sollten der Initiative zugute kommen, die sich für den Erhalt des Flughafens Tegel einsetzt. Um 17 Uhr sollte es losgehen, kurz vor dem Vicky-Leandros-Konzert in der Gedächtniskirche. Kaiser schluckt. Flughafen Tegel, Vicky Leandros. Das gute alte West-Berlin. Es wurde schon oft für tot erklärt, aber noch nie schien das so wahr zu sein wie an diesem Morgen.

Es ist ein grauer Berliner Dezembermorgen, vier Tage vor Heiligabend. Der Breitscheidplatz ist weiträumig abgeriegelt, die Budapester Straße und der Kurfürstendamm sind für Autos gesperrt, Polizisten kontrollieren Lkws, sie haben Maschinenpistolen im Anschlag, wie man das sonst nur aus New York oder Jerusalem kennt. Eine Gruppe dunkel gekleideter Männer läuft, von Bodyguards beschützt, über den abgesperrten Platz, eine Drohne der Polizei filmt den Tatort. Leute stehen am Gitter. Sie wollen sehen, wo es passiert ist, das Unfassbare begreifen. Aber es ist nichts zu sehen. Weiße Plastikplanen versperren den Blick, die Buden sind verrammelt. Keine einzige hat aufgemacht. Von Kaisers Weihnachtsterrasse sieht man nur die Wand, die zur Gedächtniskirche zeigt: Fenster mit violetten Samtgardinen, plüschige Lampenschirme, Holztische, auf denen noch Flaschen und Becher stehen. Als würde die Party gleich weitergehen.

„Da war Susannes Stand weg“

Axel Kaiser hatte Glück. Seine Bude steht in der zweiten Reihe, genau in der Mitte zwischen Kirche und Budapester Straße. Er habe gerade Glühwein ausgeschenkt, ,„zu schöner Stimmungsmusik“, wie er sagt, als er einen Knall hörte. Der Knall kam von der Budapester Straße, wo seine Kollegin Susanne ihren Glühweinstand hat. „Ich hab rübergeguckt, da war Susannes Stand weg.“ Sein erster Gedanke war, dass Susanne heute Morgen wegen einer Erkältung zu Hause geblieben war, „Gott sei Dank“. Auch Susannes Vertretung ist nichts passiert. Da sei so ein Mann gewesen, der geistesgegenwärtig Leute weggezogen habe, sagt Kaiser. Auch seine Gäste blieben unverletzt. Er hat sie nach Hause geschickt und in seiner Weihnachtsterrasse ein Sanitätszelt eingerichtet. „Ich hab’ zu den Rettungskräften gesagt, meine Bude ist beheizt. Bringt mir die Leichtverletzten rüber.“ Axel Kaiser wirkt seltsam gefasst. Er war bis nachts um zwei unterwegs, hat kurz geschlafen, dann sind ihm die Gasflaschen eingefallen. Nun ist er wieder hier. „Hallo, Axel“, begrüßt ihn ein Mann und legt die Hand auf seine Schulter. „Alles okay bei dir?“ Der Mann hat auch eine Bude auf dem Weihnachtsmarkt, er habe mal nach dem Rechten sehen wollen, sagt er, seine Augen sind rot, er läuft schnell weiter.