Berlin - Fahnder des Bundeskriminalamtes sowie Mitarbeiter des Spezialeinsatzkommandos der Bundespolizei GSG9 haben am Mittwochmorgen Wohn-und Geschäftsräume in Berlin-Tempelhof durchsucht.

Der 40 Jahre alte Mieter aus Tunesien wurde festgenommen. Der Hintergrund: der Mann soll den Terroristen Amri unterstützt haben. Seine Telefonnummer fand sich auf dem sichergestellten Handy Amris.

„Die weiteren Ermittlungen deuten darauf hin, dass er in den Anschlag eingebunden gewesen sein könnte“, erklärte die Bundesanwaltschaft. Bis zum Donnerstag werde nun geprüft, ob Haftbefehl gegen den 40-Jährigen beantragt werde.

Niederländische Sim-Karte in Amris Rucksack

Außerdem prüfen die Ermittler, ob Amri bei seiner Flucht auch durch die Niederlande reiste. Im Rucksack des Tunesiers wurde eine niederländische Sim-Karte gefunden, wie die Deutsche Presse-Agentur von Ermittlern in Mailand erfuhr. Nach Angaben italienischer Ermittler gibt es aber bisher keinen Beweis dafür, dass Amri auf seiner Flucht wirklich Halt in den Niederlanden machte. Er könne genauso gut auf andere Weise an die bei ihm gefundene Sim-Karte gekommen sein, hieß es. Die italienische Zeitung La Repubblica schrieb, die Karte stamme aus einem Bestand an Sim-Karten, die zwischen dem 20. und 22. Dezember in den niederländischen Städten Zwolle, Breda und Nimwegen gratis in Kaufhäusern verteilt wurden.

Vier Tage nach Anschlag erschossen

Amri war den bisherigen Ermittlungen zufolge am Montag vor Weihnachten, also dem 19. Dezember, mit einem Lastwagen über den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche im Herzen Berlins gefahren. Zwölf Menschen starben, 55 wurden verletzt. Der polnische Lkw-Fahrer wurde tot auf dem Beifahrersitz gefunden.

Vier Tage nach dem Anschlag hatten italienische Polizisten den tatverdächtigen Tunesier Freitagnacht in Sesto San Giovanni nördlich von Mailand erschossen, nachdem dieser bei einer Personenkontrolle das Feuer auf die Beamten eröffnet hatte. Als sicher gilt, dass er aus Frankreich über Turin nach Mailand gelangte.

Amris Leiche befindet sich italienischen Ermittlern zufolge nach wie vor in der Gerichtsmedizin in Mailand, da die Obduktion noch nicht abgeschlossen ist. In Rom soll in den kommenden Tagen geklärt werden, ob Amri mit derselben Waffe auf die Polizisten in Mailand schoss, mit der auch der polnische Lastwagenfahrer bei dem Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz getötet wurde. Dafür soll eine Kopie des Projektils von Deutschland nach Italien geschickt worden sein. Deutsche Ermittler befänden sich derzeit nicht im Land, verlautete aus Mailand.

Hat sich Amri im Gefängnis radikalisiert?

Noch immer ist ungewiss, warum sich Amri nach Italien absetzte. Die Behörden prüfen derzeit, ob der 24-Jährige im Land Unterstützer hatte. Er war 2011 als Flüchtling nach Italien gekommen, wurde zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt und verbüßte diese in verschiedenen Gefängnissen. Denkbar ist, dass er sich dort unter dem Einfluss von Mitgefangenen radikalisierte.

Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom King’s College in London schrieb unterdessen bei Twitter vor dem Hintergrund der Flucht: „An jeder innereuropäischen Grenze jeden Pass zu kontrollieren, macht keinen Sinn. Denn es verschlingt Ressourcen und stoppt keinen Terroristen.“ Er fügte hinzu: „Die Lösung liegt darin, dass europäische Sicherheitsbehörden nahtlos zusammenarbeiten. Wo sind die Vorschläge hierzu, liebe Parteien?“

Tatsächlich ist der Datenaustausch innerhalb Europas weiterhin mangelhaft, da relevante Informationen vielfach ausgetauscht werden können, aber nicht müssen. So erfuhren die deutschen Behörden zum Beispiel erst nach Amris Einreise nach Deutschland über seine kriminelle Vorgeschichte in Italien.

Ein ähnliches Problem gab es mit Hussein K., der in Freiburg eine Studentin vergewaltigt und getötet haben soll. Der Afghane hatte bereits im Mai 2013 auf der griechischen Insel Korfu eine andere Studentin eine Klippe hinabgestoßen, wurde verurteilt, kam vorzeitig aus der Haft und tauchte unter. Die deutschen Behörden wussten auch davon nichts.