Attentäter Stephan B. wollte in diese Synagoge in Halle eindringen, was ihm glücklicherweise nicht gelang. Die Menschen in Halle trauern.
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BerlinDie Tat schockiert das Land: Ein junger Mann aus dem Osten versucht, eine Synagoge in Halle anzugreifen, als er nicht hereinkommt, schießt er um sich, auf einen Döner-Imbiss und Passanten. Zwei Menschen sterben. Stephan B., ein 27-Jähriger aus Eisleben, wird gefasst. Er hat seine Tat nun gestanden, teilte sein Anwalt am Freitag mit.

Acht Jahre zuvor ist das Trio Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) aufgeflogen. Seine Mitglieder versteckten sich nicht weit von Halle, in Zwickau, sie mordeten zehn Jahre lang aus dem Untergrund. Auch sie zielten auf Döner-Imbisse. Sie ermordeten zehn Menschen.

Ich habe damals einen Text über den NSU geschrieben, in dem ich der Frage nachging, inwieweit Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe durch die DDR und die Wendezeit geprägt waren. Als damals die Terrorgruppe aufgeflogen ist, haben alle Kommentatoren sofort gewusst, dass die DDR schuld war, mit ihrer autoritären Erziehung, dem staatlich verordneten Antifaschismus.

Mutmaßlicher Attentäter Stephan B. wurde geboren, als Uwe Bönhardt zum ersten Mal straffällig wurde

Selbst die wissenschaftlich widerlegte Töpfchen-Theorie wurde hervorgekramt, um die Mordserie zu erklären. Ich argumentierte, dass es komplizierter ist, dass der NSU nicht nur mit der DDR-Sozialisation, sondern auch mit den Umbrüchen der Transformationszeit zu erklären waren. Sie waren Kinder ihrer Zeit.

Was ist nun mit Stephan B.? In der öffentlichen Diskussion wird die Tat als nationale Krise bewertet, nicht als Krise Ostdeutschlands, da hat sich also etwas getan, etwas weiterentwickelt. Innenminister Horst Seehofer sprach von einer „Schande für Deutschland“.

Als Uwe Böhnhardt zum ersten Mal straffällig wurde, 1992, wurde Stephan B. erst geboren. Bei Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe gab es einen eindeutigen Treffpunkt, sie kamen zum ersten Mal zusammen im rechten Jugendklub in Jena.

Sie wurden ein fester Bestandteil der rechten Szene Thüringens. Sie hatten einen Unterstützerkreis. Mit ihren Taten, die sie auch dokumentierten, wollten sie andere Neonazis in Nürnberg oder Chemnitz beeindrucken.

Es existiert in Sachsen-Anhalt auch heute eine rechtsextreme Szene, aber es gibt bisher keine Belege dafür, dass eine Interaktion mit Stephan B. gibt. Anders als die Mitglieder des NSU, die straffällig geworden sind, bevor sie zu Mördern wurden, blieb der mutmaßliche Täter von Halle zunächst unauffällig. Er war auch in seiner Region nicht vernetzt, anders als der NSU.

Hat Stephan B. seine Inspiration aus dem Internet?

Das Vorgehen von Stephan B. erinnert eher an die Attentäter von Christchurch, El Paso oder an Andres Breivik aus Norwegen. B. hat nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler keine Waffen gekauft, sondern sie sich aus Einzelteilen aus dem 3-D-Drucker zusammengebaut.

Er filmte seine Tat, wie der Täter von Christchurch und lud sie bei Twitch hoch, einer Plattform, auf der Videospiele gestreamt werden. Der Täter richtet sich nicht an Neonazis im Osten Deutschlands, sondern an ein internationales Publikum, ein Netzwerk junger, weißer Männer, die rassistisch, antisemitische und antifeministisch denken. In seinem Video spricht er Englisch. Die (ost-)deutsche Dimension spielt bei B. keine Rolle mehr. Der Hass hat sich globalisiert.

Der in London lehrende Terrorexperte Peter Neumann sagte in einem Interview mit dem Münchner Merkur, dass der Täter seine Inspiration aus dem Internet bezogen hat. Er habe seine Ideologie nach dem Baukastenprinzip zusammengebaut. Nach dem Motto: Juden sind mein Hauptfokus, aber gegen Feminismus bin ich auch. Er sei nicht besonders gefestigt gewesen.

Wie fing es an, wie wird jemand empfänglich dafür? Dazu kursieren verschiedene Erklärmuster. Die Bundeswehr sei schuld, weil der Täter dort vor einigen Jahren eine Grundausbildung absolvierte. Die AfD sei Schuld, weil sie Hass auf Juden und Ausländer schürt. Es werden Umfragen zitiert, die eine Zunahme antisemitischer Einstellungen belegen.

Das ist alles richtig und erschreckend, aber es erklärt nichts. Es ist das eine, an eine jüdische Weltverschwörung zu glauben, aber es ist etwas völlig anderes, auf eine Tür zu schießen, mit jüdischen Kindern, Frauen und Männern dahinter, und auf Menschen im Imbiss, die vor einem stehen und „Bitte nicht“ rufen.

Wenn das Problem die Einsamkeit junger, weißer Männer ist, betrifft es uns alle

Um solch eine Gewalt auszuüben, muss man in einer bestimmten inneren Verfassung sein, man muss eine große Distanz zu allem Lebendigen entwickelt haben. Es ist bisher wenig über Stephan B. bekannt. Sein Vater sagte in der Bild-Zeitung, sein Sohn sei ein Eigenbrötler gewesen, habe die meiste Zeit allein vor dem Computer verbracht.

Ich bin mir nicht sicher, ob man die Aktion des Täters von Halle mit Ideologie erklären kann. Es erscheint mir eher so, als ob sein Motiv persönlich war. Er wollte gesehen werden. Er wollte in den Augen anderer etwas bedeuten. Wenn das so stimmt, dann macht es die Verhinderung solcher Taten extrem schwierig.

Die Behörden haben es nicht einmal geschafft, die Morde des NSU zu stoppen oder aufzudecken, obwohl die Gruppe in einem räumlich begrenzten Umfeld operiert und es sogar V-Männer in der Szene gab.

Klar, man kann fordern, dass die Behörden stärker online in rechtslastigen Gameforen aktiv werden. Oder dass es mehr Engagement gegen Antisemitismus gibt. Das ist wichtig.

Aber wenn das Problem die Einsamkeit junger, weißer Männer ist, dann ist das ein Problem, dass nicht nur Politiker oder Sicherheitsbehörden angeht, sondern auch Mütter, Väter, Freunde und Lehrer. Überall.