Berlin -  Richtig: Ich bin Generation Honecker. Diktatursozialisiert. Mehr als drei Jahrzehnte lang. Was bleibt mir übrig, als Marco Wanderwitz‘ Diagnose zur Persönlichkeit des Ostdeutschen persönlich zu nehmen, so wie ein paar Millionen andere Mit-Ossis: auch nach dreißig Jahren Westlebens nicht in der Demokratie angekommen. Zumindest einem Teil von uns attestiert er „gefestigte nichtdemokratische Ansichten“. Er sieht, so leitete die FAZ einen Podcast mit Wanderwitz ein, bei Menschen in Ostdeutschland „eine stärkere Neigung“ zur Wahl rechtsradikaler Parteien als im Westen. Der Mann spricht als Ostbeauftragter der Bundesregierung, CDU-Mann, gebürtiger Karl-Marx-Städter. Als er 15 Jahre alt war, verschwand die DDR.

Diese Sozialisierung unterscheidet ihn von den anderen Leuten, die in den vergangenen Jahren Beleidigungen, Demütigungen, Infamien gegen die komischen Leute im Osten absetzten – diese bockigen, schlecht gekleideten, undankbaren Typen mit ihren speziellen Vorstellungen von Heimat, Selbstbestimmung, Gemeinschaft, Religion. Bisher kam das Ossi-Bashing von hochnäsigen, aufgeblasenen, kenntnisarmen Wessis, und man hatte schon ein dickes Fell gegen dumme Bemerkungen ausgebildet. Aber wohl doch nicht ausreichend dick. Wanderwitzens Pauschalattacke dringt durch.

Warum redet der so? Aus Angst. Weil bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt am kommenden Wochenende die AfD den Christdemokraten von Ministerpräsident Haseloff im Nacken sitzt. Wenn Wanderwitz tatsächlich glauben sollte, mit dieser Tour Wähler zu gewinnen, hat er sich als Politiker ungeeignet erwiesen. Aber – wie gesagt – er steht in einer Tradition.

Rufen wir uns einige Perlen der deutschen Vereinigungsrhetorik ins Gedächtnis. 1999 hatte der Kriminologe Christian Pfeiffer aus Hannover herausgefunden, warum ostdeutsche Jugendliche öfter Ausländer überfallen als die im Westen: Die ungepamperten Ossis wurden beizeiten aufs Töpfchen gesetzt; das Trauma des kollektiven Zwangstöpfens musste massenhaft seelische Krüppel erzeugt haben. Der Experte hatte Fotos gesehen, darauf „lauter kleine Kinder im Alter von 12 Monaten sichtlich, 13, 14, 15 Monate, die alle gleichzeitig auf ihren Töpfen saßen“.

Der nächste Tiefenpsychologe hieß Jörg Schönbohm, Ex-Bundeswehrgeneral, CDU-Mitglied und Innenminister in Brandenburg. Als 2005 der schreckliche neunfache Babymord durch eine heillos überforderte Mutter in Brieskow-Finkenheerd bekannt wurde, wusste der Mann sofort, warum Sabine H. ihre Babys hatte sterben lassen und sie dann in Blumenkübeln vergrub. Es lag an der „Proletarisierung“ in der DDR, in Sonderheit der allgemeine Kollektivierung der Landwirtschaft. Gesellschaftliche Verrohung niederer Schichten allenthalben. Was man da alles befürchten musste vom Ossi. Bei der folgenden Bundestagswahl brach die CDU in Brandenburg ein. Schönbohm verschwand.

Ostdeutschen werden negative Eigenschaften zugeschrieben

Als CSU-Chef Edmund Stoiber dann die Bundestagswahl 2005 verloren hatte, waren die Ossis schuld. Weil sie die Falschen gewählt hatten, sagte der Loser: „Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.“

Bundesinnenminister Thomas de Maizière stellte etwas später mit Blick auf die Kirchenferne der ostdeutschen Mehrheit einen direkten Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und Atheismus her. Es sekundierte der ehrenwerte katholische Schriftsteller Martin Mosebach: Erst die Verbindung zu Christus bringe die „Fähigkeit zum Menschsein“ zur Vollendung, Unreligiöse seien „in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtig“. Der Atheist als „reduzierte Existenz“. Der Osten voller seelischer Krüppel.

Ein noch recht frisches Beispiel zum Thema „Demokratieunfähiges Ossi in Dunkeldeutschland“ lieferte 2019 der Grüne Robert Habeck in einem Wahlkampfvideo: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land.“ Da standen die Thüringer und Thüringerinnen als Insassen einer Art Belarus da.

Reicht das?

Nun ist ja nicht zu bestreiten, dass die Alternative für Deutschland (AfD) mit ihren völkischen Ansichten erschreckend viele Anhänger findet. Schon viele Leute haben kluge Überlegungen zu den Gründen angestellt. Ostdeutsche kamen ins Einig-Vaterland mit der Vorstellung, selbstverständlich dazuzugehören. Sie lernten schnell, dass sie still ihre Abwicklung erdulden sollten. Das war ein Schock. Seit die AfD das Streicheln ihrer Seele übernommen hat, schweigen die lange Stillen, brav CDU oder Linke Wählenden nicht mehr. Die AfD hat für diese Leute die richtigen Sprüche: „Vollende die Wende“ lautet der schwungvollste. Dass die Rechten ins Regal der Wende-Kultgüter greifen, empört alle, die die Kraft der friedlichen Revolution für sich allein reklamieren.

Zutiefst konservative, rückwärtsgewandte Elemente

Tatsächlich gehörten aber die heutigen AfD-Freunde zu den kräftigsten „revolutionären“ Elementen – sie wollten auch 1989 schon mehr Deutsches Reich, mehr Konservativismus, mehr völkische Reinheit, mehr Volksgemeinschaft. Die DDR mit ihren ausländischen Arbeitskräften kam ihnen viel zu multikulturell vor; Helmut Kohl stand mit seinem Versprechen „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ für die Bewahrung des Deutschen. Als mit der Einheit namibische Kinder, Mosambikaner, Vietnamesen und Kubaner umgehend aus dem Land geworfen wurden, applaudierten diese friedlichen Revolutionäre.

Die Lebenslüge von der demokratischen, zu Freiheit und Weltoffenheit strebenden friedlichen Revolution versperrt den Blick auf deren zutiefst konservative, rückwärtsgewandte Elemente. Aber: Sie waren immer da. Jetzt sind sie nur klarer sicht- und hörbar. Erst dieser Tage traf ich einen von ihnen, als ich am Großen Stern eine Demonstration von Palästinensern beobachtete. Der Mann wies auf die Frauen mit Kopftuch und vielen Kindern: „Wir haben die Mauer nicht eingerissen, damit die sich hier ausbreiten. Bald werden die in der Mehrzahl sein.“

Das Ossi-Bashing hat sich oft genug als untaugliches Erziehungsmittel erwiesen. Es folgt zudem einem bösen Muster: Einer Bevölkerungsgruppe werden negative Eigenschaften zugeschrieben oder angedichtet.

Festhaltementalitäten im Osten

Dass es anders geht, faktenbasiert und analytisch, beweist der Soziologe Steffen Mau, Spezialist für Transformationsgesellschaften und ostdeutsche Mentalitäten, wie jetzt wieder im Spiegel. Auch er zählt ostdeutsche Defizite auf, aber nicht im Ton der Diffamierung. Er trifft zum Beispiel die Wahrheit, wenn er schreibt: „Heute sind weite Teile der ostdeutschen Vor-Ort-Gesellschaft veränderungserschöpft, Festhaltementalitäten sind entstanden.“

Die Diagnose ist fatal, gerade jetzt, da die großen Veränderungen erst noch bevorstehen – Digitalisierung und Klimapolitik werden keinen Bogen um die vom Dauerwandel gestresste Zone machen. Die stolze These, der Osten sei besser auf Veränderungen vorbereitet, weil man seit Jahrzehnten in ständigen Wandel lebe, findet hier einen schwachen Punkt.

Marco Wanderwitz meint, nur ein geringer Teil der AfD-Wähler sei „potenziell rückholbar“. Das ist ein ebenso krasses wie ehrliches Eingeständnis von politischem Scheitern. Immerhin treibt er seine Partei nicht an, sich der AfD in die Arme zu werfen. Er spricht von „Bildungsarbeit“, was hoffentlich nicht Belehrung meint. Die eigenen Polit-Legenden auf Wahrhaftigkeit zu überprüfen, wäre auch eine gute Tat.  Man könne auf die „nächste Generation“ hoffen, sagt der Beauftrage der Bundesregierung. Das wäre faule Passivität - keine gute Option.