Dresden - Dresden kann auch anders. Dresden, so nennt es der Kantor des Kreuzchores Roderich Kreile auf der Bühne zwischen Frauenkirche und Luther-Denkmal, könne nicht nur Dunkeldeutschland, sondern auch „golden leuchten“. Kreile übt mit dem Publikum Lieder ein. Die Nationalhymne, das Donna nobis pacem. Es stimmt an, die Menge brummt vergnügt hinterher.

Es ist Montagabend, normalerweise seit Oktober 2014 die Zeit für Pegida-Kundgebungen, für ausländerfeindliches uns islamhasserisches Gebrüll. Für „Merkel muss weg“, „Lügenpresse“ Wessiverachtung und Putin-Verehrung. Aber diesmal ist alles anders: Diesmal singt und summt die Menge auf dem Neumarkt, einstimmig, mehrtstimmig, friedlich. Überall entspannte Gesichter, die sagen: Erstmals siegt hell über dunkel, erstmals gelingt den Bürgern der sächsischen Landeshauptstadt ein deutliches Ausrufezeichen. Ohne dass ein Herbert Grönemeyer eingeladen werden musste oder der in Dresden geradezu geliebte Roland Kaiser.

So viele wie nie

Tausende sind zu friedlichen Demonstrationen in die Altstadt aufgebrochen, um endlich einen dicken Punkt gegen den Hass zu setzen, den die Pegida-Bewegung seit zwei Jahren nahezu ungehindert in der sächsischen Landeshauptstadt predigt. Aufgeschreckt durch die hässlichen Bilder vom Tag der Einheit, an dem einige Hundert Pegida-Anhänger vor der Frauenkirche und Semperoper Politiker und Gäste in widerlichster Weise beschimpften und beleidigten, hatte Oberbürgermeister Dirk Hilbert sich aufgerafft, an die Spitze der Empörten gestellt und zu einem Bürgerfest an der Frauenkirche aufgerufen, Motto: „Dresden zeig Dich“. Gekommen sind so viele wie noch nie.

Das war auch bitter nötig. Der verdorbene Einheitsfeiertag hatte allen die Augen geöffnet. Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) sagt in einer ebenso deutlichen wie eindringlichen Rede, Dresden dürfe sich nicht länger in Geiselhaft nehmen lassen. „Wollen wir weiterhin unsere Stadt von Pöblern, Kleinkriminellen und Hetzern kaputt machen lassen? Ich glaube, dass wieder die Mehrheit der Dresdnerinnen und Dresdner offen und glaubwürdig zeigen muss, wofür wir stehen“, so Hilbert.

„Wir dürfen die Straße nicht denen überlassen, die sie für Hetze und Rassismus missbrauchen“

Die schrecklichen Bilder vom Tag der deutschen Einheit hätten ihm keine Ruhe mehr gelassen, deshalb müsse die Stadt nun etwas tun. „Wir müssen gemeinsam einen Weg finden, der mehr ist, als Demonstrationen und Gegendemonstrationen Woche für Woche auf der Straße. Gleichzeitig dürfen wir aber die Straße auch nicht denen überlassen, die sie für Hetze und Rassismus missbrauchen.“

Wie das alles geschehen soll, ist noch nicht klar. Auch Hilbert wohl nicht. Man sei nicht am Anfang, auch nicht am Ende. Man ist irgendwo auf dem Weg zu sich selbst, zu einer Haltung. Mit Pegida selbst hält Hilbert Gespräche für falsch „Diese selbst ernannten Patrioten haben sich als das entpuppt, was sie in der Spitze sind: Gegner unserer Demokratie, Gegner unseres Staates.“

„Ein Großteil der Dresdner kann die Hetze nicht mehr ertragen"

Ein anderer Redner ermahnt den Pegida-Anführer Lutz Bachmann gleich, in Dresden fortan den Mund zu halten. Frank Richter, Chef der Landeszentrale für politische Bildung: „Ich fordere Sie auf, in dieser schönen Stadt nicht mehr herumzuschreien!" Richter hatt sich in den vergangenen Jahren damit abgemüht, Gespräche zwischen den angeblich besorgten Bürgern aus der Pegida-Anhängerschaft und dem Rest der Gesellschaft in Gang zu bringen. „Ein Großteil der Dresdner“, so Richter, „kann die Hetze nicht mehr ertragen."

Ein Bürgerfest gegen Hass und Hetze. Dazu Musik, ein Friedensgebet, Gesprächsmöglichkeiten mit Politikern, Bier und Würstchen, Grundgesetze werden verteilt und Glückskekse. Vom Neustädter Bahnhof und von der Uni nähern sich Demonstrationszüge der Innenstadt, zu denen andere Bündnisse für wie „Herz statt Hetze“ aufgerufen haben, die sich seit Jahren für demokratische Kultur und ein zivilisiertes Miteinander in Dresden engagieren. Mehr als 3000 Menschen spazieren allein dort friedlich mit.

Auffällig viel Polizei sichert die Kundgebungen, es sind Beamte aus mehreren Bundesländern im Einsatz, berittene Polizei. Vor allem aber mischen sich überall Polizisten mitten in die Kundgebung. Auch ein Ergebnis des Einheitsdesasters: Sie stehen überall, um Angriffe oder Pöbeleien von Pegida-Anhängern im Keim zu ersticken, zu denen Lutz Bachmann aufgerufen hat. „Raucherpausen“, nennt das der mehrfach vorbestrafte Drogenhändler und Einbrecher mit Wohnsitz Teneriffa. Ein Trick, um das Versammlungsverbot für Pegida an diesem Montag auf diesem Platz zu unterlaufen.

„Die Grenze des Erträglichen ist erreicht“

Aber es kommt nicht dazu. Größere Störungen passieren nicht. Am Sonntag hatte Pegida sich und seinen zweiten Geburtstag in der Dresdner Innenstadt mit rund 8000 Anhängern gefeiert. Einen Tag zu früh, eigentlich ist der Montag seit Oktober 2014 der Tag des Geschreis in Dresden. Doch diesmal waren andere Gruppen bei der Reservierung des Theaterplatzes Pegida zuvorgekommen, so dass die Wutbürger ihren Jubeltag vorverlegten.

„Die Grenze des Erträglichen ist erreicht“, sagte Christian Behr am Montagabend. Behr ist Pfarrer der Kreuzkirche, er gehört zu den Dresdnern, die sich besonders gegen Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt engagiert haben. „Es ist abgründig, es ist nicht hinnehmbar“, verurteilt er das Treiben der selbsternannten Patriotischen Europäer einerseits. Und fordert andererseits den anständigen Teil der 545000 Dresdner zu mehr Courage und Haltung auf. „Wir brauchen Widerstandsnester gegen die Verrohung der Welt“, ruft er. Und endet mit einem besonderes nötigen Wunsch: „Ruhe bewahren, auch wenn es schwer fällt.“