Die Journalistin Anetta Kahane war auf einer Tagung über Antisemitismus in der Türkei.
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BerlinFast unmerklich ist Istanbul etwas dunkler geworden. Rund um den Taksim-Platz, der einmal ein Ort großer Hoffnung war, als junge Menschen für mehr Freiheit demonstrierten, sieht es aus, als hätte ein Vampir die Farbe aus allem herausgesaugt. Die Menschen, der Platz, die Moschee – der Ort ist grau geworden. Daran konnte bisher auch der neue kemalistische Bürgermeister nichts ändern. Als Sozialdemokrat ist er gegen den Willen Erdogans gewählt worden und nun muss er sich gegen den grauen Apparat stemmen, der ihm nur wenige Erfolge wird durchgehen lassen. 

Einmalige Veranstaltung

Die Atmosphäre der Drohungen wirkt. Sie legt einen weiteren, dämpfenden Schleier auf die Stadt, der die Menschen zögern lässt, in der Öffentlichkeit sie selbst zu sein. Im Konferenzraum eines Hotels am Rande des Platzes jedoch fand trotz und wegen des Klimas in der Türkei eine einmalige Tagung statt. In den vielen Jahrzehnten der türkischen Republik hat es das noch nicht gegeben. Die zivilgesellschaftliche Organisation ZEHAK, die sich für Menschenrechte einsetzt, hat mit Partnern und der Unterstützung der EU über Antisemitismus gesprochen.

Was daran besonders ist? Bisher hat dies niemand gewagt. Es gab einige wissenschaftliche Texte und Kolloquien dazu, aber eine Tagung über ein gesellschaftliches Problem? Niemals. Antisemitismus zu besprechen ist überall schwer. Gerade weil er so weit verbreitet und mit so viel Tod und Gewalt verbunden ist. Gerade weil er da am heftigsten geleugnet wird, wo er am stärksten auftritt. Und die Türkei ist meisterhaft im Leugnen.

Antisemitismus hat viele verschiedene Quellen

Der Antisemitismus hat hier sowohl osmanische als kemalistische Quellen, sowohl religiöse als auch verschwörungstheoretische Wurzeln. Die Legenden vom Land, das angeblich immer judenfreundlich war, stimmen nicht. Das jedenfalls sagten Juden und Nicht-Juden, die über Jahre die Situation beobachtet und recherchiert haben, auf dieser Tagung. Sie war angefüllt mit Berichten, Diskussionen, Streit über Israel – eine obligatorische Übung bei Treffen dieser Art. Einige Frauen lasen aus einem Buch mit ihren jüdischen Familiengeschichten vor. Berührende, empörende Geschichten.

Dass Erdogan heute antisemitisch agiert, weiß jeder. Doch dass Antisemitismus über Jahrhunderte Normalität war, will bis heute in der Türkei niemand wirklich wahrhaben. Die Juden sind eine Minderheit unter den Minderheiten und die Verfolgung und Ermordung der anderen hat sie ängstlich und vorsichtig gemacht. Inzwischen leben in der Türkei nur noch 15 000 Juden, denen man so lange erklärt hat, wie unendlich dankbar sie zu sein hätten, dass immer mehr von ihnen das Land verlassen.

Wichtige Veränderung

Das Dankbarkeitsbild zieht sich seit Jahrhunderten durch die Geschichte. Hier der Herrscher, der seine Untertanen mal streichelt, mal umbringt, und auf der anderen Seite die Untertanen und unter ihnen die Minderheiten, die vor allem dankbar zu sein haben. Die Tagung hat viel bewegt. Die Teilnehmer, das Publikum – sie konnten es nicht fassen, dass endlich über dieses Kapitel der türkischen Geschichte und der gegenwärtigen Realität gesprochen werden konnte.

Die Veränderung war nicht umwerfend, aber wichtig. Nach der Diskussion fuhr vor dem Hotel ein knallrotes Auto vorbei. Wir alle blickten dem Farbklecks hinterher, bis er in einer Seitenstraße verschwunden war.