Berlin - Es ist noch nicht sehr lange her, da hat es in Berlin eine Kundgebung gegen Antisemitismus gegeben – und zwar im Kontext des letzten Nahost-Krieges. Zwar hatten die Spitzen des Staates zu der Kundgebung aufgerufen. Sie war gleichwohl nicht sehr gut besucht. Das hatte auch mit dem israelischen Vorgehen im Gaza-Krieg zu tun.

Jetzt, Monate später, ist die Situation noch einmal dringlicher geworden. Das zeigt die Aufforderung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu an die europäischen Juden, den Kontinent gen Israel zu verlassen. Diese Aufforderung bekommt nämlich nur dadurch einen Sinn, dass Juden in Europa neuerdings tatsächlich wieder an Leib und Leben bedroht sind. Bei Attentaten in Brüssel, Paris und Kopenhagen waren sie betroffen. Dazu kommt nun die unfassbare Zerstörung des jüdischen Friedhofs im Elsass, nahe der deutsch-französischen Grenze. Die islamistische Gewalt hat eine stark antisemitische Komponente. Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Und diese Gewalt wird anhalten.

Nun gehört zur Tragik der Situation, dass Juden auch in Israel ja nicht sicher sind – vielleicht weniger sicher denn je. Grund dafür ist nicht zuletzt die Politik Netanjahus, der auf Konfrontation statt auf Ausgleich setzt. Auch im Inneren ist das Land keineswegs befriedet. Umso mehr sind die europäischen Staaten und Deutschland aufgerufen, alles für den Schutz und das Wohlbefinden der hier lebenden Juden zu tun, also nicht bloß sicherheitspolitisch, sondern auch gesellschaftlich. Die Vorstellung, dass Juden bei uns wieder in Angst leben müssen, sollte uns allen gemeinsam unerträglich sein. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass durch eine diesmal wirklich machtvolle Kundgebung zu unterstreichen.