Laut Beobachtungsstelle für Antisemitismus haben antisemitische Online-Attacken um 66 Prozent zugenommen.
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RomMitgenommen und müde sei sie, sagt einer ihrer Söhne über die 89 Jahre alte Liliana Segre. Die Holocaust-Überlebende und Senatorin auf Lebenszeit hatte nicht damit gerechnet, dass sie eine solche Kontroverse in Italien auslösen würde. Schließlich hatte sie lediglich die Gründung eines Parlaments-Ausschusses gegen Rassismus, Antisemitismus und Hass angeregt. Ein Anliegen, das in einer Demokratie breite Unterstützung findet - sollte man meinen.

Doch nun steht die elegante weißhaarige Dame, die als 13-jähriges Mädchen ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert und deren Vater und Großeltern von den Nazis ermordet wurden, unter Polizeischutz. Sie kann nicht mehr allein einkaufen und mit dem Bus fahren. Ihre Wohnung in Mailand darf sie nur noch in Begleitung von zwei Carabinieri verlassen.

Liliana Segre erhält Drohungen von Holocaust-Leugnern

Länger schon gehen im Internet täglich etwa 200 Drohungen und Hassbotschaften von Holocaust-Leugnern gegen die Jüdin Segre ein. Das hatte die Mailänder Beobachtungsstelle für Antisemitismus im Oktober öffentlich gemacht. Nachdem dann die rechtsextreme Gruppierung Forza Nuova auch noch ein Protest-Plakat gegenüber einer Schule aufhängte, in der Segre mit Jugendlichen über die Judenvernichtung sprach, war für die Mailänder Präfektur der Zeitpunkt gekommen, zu handeln. Sie ordnete die Eskorte an.

Ermutigt fühlen konnten sich die Rechtsextremisten durch die Parlamentsabstimmung wenige Tage zuvor, bei der es die von Segre angeregte Anti-Hass-Kommission ging. Während die Regierungsmehrheit aus Linken und Fünf Sternen dafür votierte, enthielt sich die rechte Opposition geschlossen der Stimme. Obendrein verweigerten Matteo Salvinis Lega, die noch extremeren Brüder Italiens und die als gemäßigt geltende Berlusconi-Partei Forza Italia Segre nach deren Rede den Applaus.

Salvini befürchtet Einschränkung der Meinungsfreiheit

Die Kommission sei der Versuch, eine politische Zensur einzuführen, rechtfertigte sich Silvio Berlusconi. Salvini erklärte, er fürchte eine Beschneidung der Meinungsfreiheit. Die Linke lege ja schon das Lega-Motto „Italiener zuerst“ als Rassismus aus. Zum Polizeischutz für Segre sagte der frühere Innenminister, die Drohungen gegen die Senatorin seien schlimm – genauso schlimm wie die gegen ihn selbst: „Auch ich bekomme sie täglich“, versicherte Salvini.

Nicht nur die jüdischen Verbände sind empört. Ruben Della Rocca, Vize-Präsident der Jüdischen Gemeinde Rom sagte, der Personenschutz für eine Auschwitz-Überlebende zeige, dass Italien gescheitert sei. Der sozialdemokratische Abgeordnete Emanuele Fiano, Sohn eines Holocaust-Überlebenden, sprach von „einer Welt im Rückwärtsgang“. Staatspräsident Sergio Mattarella warnte, Versuche, die Geschichte zu leugnen oder neu zu schreiben, dürfen nicht unterschätzt werden. Auch der Vatikan zeigte sich besorgt.

Antisemitismus in Italien nimmt zu 

Der Beobachtungsstelle für Antisemitismus in Mailand zufolge haben antisemitische Online-Attacken in Italien stark zugenommen. 2018 gab es eine Zunahme um 66 Prozent. Parallel dazu erstarkten auch Rassismus und Migrantenfeindlichkeit, geschürt durch Politiker wie Salvini, der Flüchtlinge als „Schmarotzer“ beschimpft. Zudem verbreitet er krude rechtsextreme Verschwörungstheorien wie die, der jüdische US-Milliardär George Soros wolle mit seinem Engagement für offene Gesellschaften die Europäer durch afrikanische Zuwanderer ersetzen.

Zielscheibe antisemitischer Attacken sind häufig prominente italienische Juden, wie etwa der Journalist Gad Lerner. Immerhin, gewalttätige Übergriffe wie in Deutschland oder Frankreich gab es bisher so gut wie keine. Auch Liliana Segres Sohn glaubt, dass die Online-Feinde seiner Mutter es bei ihren Drohungen im Netz belassen. Es sei aber besser, es nicht darauf ankommen zu lassen.

Liliana Segre überlebte das KZ Auschwitz-Birkenau

Segre wurde 1930 als Tochter einer jüdischen Familie in Mailand geboren. Nach einer gescheiterten Flucht mit ihrem Vater in die Schweiz wurde sie Ende 1943 verhaftet und im Januar 1944 nach Auschwitz gebracht. Dort überlebte sie als Arbeiterin in einem Rüstungsbetrieb. Über die schrecklichen Erlebnisse spricht sie seit vielen Jahren mit Kindern und Jugendlichen. Man ist versucht, ihr zu sagen: Erspar dir das alles“, sagte der Sohn jetzt. Aber andererseits sei zu spüren, wie wichtig seiner Mutter ihre gesellschaftliche Mission sei.

Die Holocaust-Überlebende Luliana Segre. 
Foto: AP Photo/Luca Bruno

Liliana Segre selbst will derzeit keine Interviews geben. Sie habe aber gesagt, dass diejenigen, die sie hassen, ihr leid täten, erzählte der Sohn. Das seien aus ihrer Sicht arme Schlucker, die ihre Zeit damit vergeudeten, eine fast 90-Jährige zu bedrohen. Was Salvini angeht, so ließ die alte Dame wissen, sie sei jederzeit bereit, ihn auf einen Kaffee zu treffen: „Wenn ich jemanden nicht hasse, warum sollte ich ihm nicht die Tür öffnen?“