Antisemitismus: "Muslime brauchen keine Lehrstunde"

Die deutschen Muslime halten den Aufruf des Zentralrats der Juden für unnötig, sich stärker als bisher gegen Antisemitismus zu wenden. Das machte der Vorsitzende des Koordinierungsrates der Muslime, Ali Kizilkaya, im Gespräch mit dieser Zeitung deutlich. Grund des Aufrufs war der Angriff offenbar arabisch-stämmiger Jugendlicher auf den Rabbiner Daniel Alter, der in der vorigen Woche im Beisein seiner Tochter in Friedenau geschlagen und verhöhnt worden war.

Kizilkaya betonte: „So ein Angriff ist ein Angriff auf uns alle. Dagegen muss die Gesellschaft etwas tun.“ Der Appell des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, sei aber nicht nötig gewesen. „Muslime brauchen da keine Lehrstunde.“ Es werde bereits etwas getan. Überdies sei klar: „Der Antisemitismus ist nicht mit dem Islam vereinbar.“ Und schließlich müsse man, wenn man über Antisemitismus rede, gleichermaßen über Islamfeindlichkeit reden. Denn beides sei menschenfeindlich.

Der Koordinierungsrat, die Dachorganisation der in Deutschland lebenden Muslime, sei aber gern bereit, mit der jüdischen Gemeinde über diese Phänomene zu sprechen. Graumann hatte erklärt, Worte des Mitgefühls von muslimischen Verbänden seien zwar „schön und ehrlich gemeint“, doch komme es letztlich auf die Taten an.

Solidarität mit Daniel Alter

Am Wochenende übten zahlreiche Politiker und Bürger in Berlin demonstrative Solidarität mit den jüdischen Einwohnern. Etwa 1500 Menschen versammelten sich nach Schätzungen der Veranstalter am Sonntag auf dem Grazer Platz nahe des Tatorts, wo der 53-jährige Daniel Alter und seine siebenjährige Tochter am Dienstagabend attackiert worden waren. Alter bedankte sich auf der Kundgebung für die „wundervolle Welle an moralischer Unterstützung“ für ihn und seine Familie. „Ich habe das Jochbein gebrochen bekommen, aber meinen Willen, mich für den interreligiösen Dialog einzusetzen, haben diese Typen nicht gebrochen“, sagte Alter. Die Täter sind bislang flüchtig.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der Mitglied der katholischen Kirche ist, trug zum Zeichen seiner Solidarität am Sonnabend eine schwarze Kippa. Anlass war die „Lange Nacht der Religionen“. Auch andere Politiker, Künstler und Unternehmer zeigten sich mit der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung. Der Schauspieler Ulrich Matthes sagte, er trage Kippa, „weil der Angriff leider kein Einzelfall war“.