Nach dem Überfall auf den 53-jährigen Rabbiner in Berlin werden einmal mehr Warnungen vor einem wachsenden Antisemitismus laut. „Es gibt in letzter Zeit mehr körperliche Attacken gegen Juden als in den vergangenen Jahren - vor allem in Ballungsgebieten und Großstädten“, sagte die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane. Ähnlich äußerten sich auch Politiker und jüdische Deutsche.

Noch sind die Täter auf freiem Fuß. Zeugen werden in Berlin derzeit vom Staatsschutz des Landeskriminalamtes angehört. Ob ihre Aussagen zu den Tätern führen können, ist allerdings unklar. „Wir ermitteln mit Hochdruck“, sagte eine Polizeisprecherin am Donnerstag. Der Rabbiner Daniel Alter sei noch am Mittwoch vernommen worden.

Arabische Jugendliche schlugen zu

Die Polizei geht nach den Befragungen von Zeugen und Opfern davon aus, dass die Täter, die den Mann und seine siebenjährige Tochter am Dienstagabend im gutbürgerlichen Teil des Berliner Stadtteils Schöneberg überfallen hatten, aus dem arabischen Milieu stammen. Wie berichtet, hatten die Täter den Rabbiner gegen 18.20 Uhr auf dem Bürgersteig der Beckerstraße gesehen und an seiner Kippa, die der 53-Jährige auf dem Kopf trug erkannt.

Sie hätten ihn gefragt, ob er Jude sei. Als er die Frage bejahte, schlugen sie unvermittelt mehrmals zu, beleidigten seine Mutter und seine Religion. Schließlich bedrohten sie seine kleine Tochter mit dem Tod. Daniel Alter wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert. Er erlitt einen komplizierten Jochbeinbruch.

Der Überfall löste heftige Empörung aus. Walter Homolka, der Rektor des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam, an dem auch David Alter seine Ausbildung zum Rabbiner absolvierte, riet seinen Studenten, auf das Tragen der Kippa in der Öffentlichkeit zu verzichten. „Leider muss man sich heute als Jude auf der Straße unsichtbar machen, um sicher zu sein“, sagte Homolka. Ähnlich äußerte sich auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Gideon Joffe. Der Überfall sei kein Einzelfall. Immer wieder würden jüdische Eltern und ihre Kinder angepöbelt. „Es gibt Anzeichen für gehäufte Aggressionen.“

Rückgang antisemitischer Straftaten

Dieses Gefühl zunehmender Aggression und Übergriffe, schlägt sich allerdings nicht in den polizeilichen Statistiken nieder. Vielmehr registrieren die Behörden in der Hauptstadt und im Bund einen Rückgang der antisemitischen Straftaten. So wurden in Berlin im vergangenen Jahr 114 antisemitische Schmierereien und anderen Propagandadelikte, die durch Rechtsextremisten begangen wurden, gezählt. Das macht einen Rückgang von 15 Prozent aus.

Im Jahr 2010 und 2011 tauchte jeweils eine weitere Gewalttat in der Statistik auf. Allerdings registrierte die Polizei eine Zunahme von antisemitischen Propagandadelikten, die von Ausländern begangen wurden. Waren es im Vorjahr noch acht, wurden 2011 zehn dieser Taten gezählt, zuzüglich zwei Gewalttaten. Bundesweit registrierte das Bundesinnenministerium im vergangenen Jahr 1239 antisemitische Straftaten. Es ist somit bereits das zweite Jahr in Folge, in dem diese Delikte um 2,3 Prozent zurückgehen. Ebenso sieht es mit antisemitischen Gewalttaten aus. Deren Zahl sank von 37 im Jahr 2010 auf 29 im Jahr 2011.

„Anfeindungen kommen eher von Deutschen“

Die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane, glaubt allerdings, dass viele Beleidigungen erst gar nicht angezeigt werden. Zudem habe die Polizei oft Probleme, diese entsprechend zuzuordnen. Kahane erzählt von einer Mutter, deren Kind in Berlin auf der Straße mit „Du Judensau!“ angepöbelt wurde. Der Polizist, der die Anzeige aufnahm, verbuchte sie unter dem Straftatbestand der Beleidigung. Erst als er von der Mutter erfuhr, dass diese Jüdin sei, vermerkte er die Tat als antisemitische Straftat.

Nach Kahanes Einschätzung gehen solche Überfälle meist auf das Konto von arabischstämmigen jungen Leuten. Diese Migrantenkinder neigten mehr zu offener Gewalt. „Doch die subtileren Sachen, die Sachbeschädigungen, die Anfeindungen kommen eher von Deutschen“, sagt sie. „Es gibt einen aggressiven Mainstream-Antisemitismus, wie man auch bei der Beschneidungsdebatte gesehen hat. Deshalb ist dieser jüngste Überfall nicht dazu geeignet, eine Debatte zu führen, in der es ausschließlich um Antisemitismus bei Muslimen geht.“

Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (Kiga)

Auf den zunehmend offenen geäußerten Judenhass von Migrantenkindern versuchen Pädagogen und Berater bereits in Schulen einzuwirken. Die Politologin Anne Goldenbogen gründete bereits 2003 die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (Kiga) vor den schon damals häufig auftretenden israel- und judenfeindlichen Äußerungen. Kiga besucht Schulen, in denen oft mehr als 80 Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft sind und überwiegend muslimischen Glaubens. Goldenbogen staunt noch immer über das große Interesse an ihren Besuchen.

Vor allem der Nahost-Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn sei ein Riesenthema. „Viele Schüler sind extrem emotional involviert“, sagt Goldenbogen, „und die stammen nicht etwa alle aus palästinensischen Flüchtlingsfamilien.“ Der Antisemitismus der Schüler speise sich vor allem aus einem Gefühl der Ungerechtigkeit. Zu diesem Weltbild gehöre das Gefühl: Die einzigen Opfer, die Deutschland kennt, sind die Juden. Daraus entstünden häufig Aggressionen.