Antje Vollmer in der Bundespressekonferenz. 
Foto: Imago/Metodi Popow

Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer, evangelische Theologin und viele Jahre Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, ist überzeugt: Jede wirklich fortschrittliche Zeit ist in ihrer Grundtendenz pazifistisch. Sie erzählt über ihre Bemühungen einer deutsch-deutschen Annäherung und erklärt, warum der Frieden eine europäische Aufgabe ist – und was sie an den Grünen von heute vermisst. 

Berliner Zeitung: Frau Vollmer, die Worte „Frieden“ und „Pazifismus“ scheinen aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden zu sein …

Antje Vollmer: Alle sprechen davon, dass wir an einer Zeitenwende stehen. Aber ich kann mir keine neue Politik vorstellen ohne ein pazifistisches Moment. Jede wirklich fortschrittliche Zeit war tendenziell pazifistisch. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Völkerbund ins Leben gerufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Uno entstanden. Die Auflösung des Kalten Krieges begann mit der Entspannungspolitik von Willy Brandt, sein Ende mit der Friedensbewegung in Deutschland und Europa. Die Deklaration von Helsinki eröffnete eine gewaltreduzierende Perspektive. Es ist katastrophal, dass wir diese Chancen nach 1990 vertan haben.

Was ist 1990 schiefgelaufen?

Es gab einen unverantwortlichen westlichen Triumphalismus. Wir reden immer nur von den Verdiensten der Bürgerrechtler und vergessen die sensationellen Entwicklungen damals im Kreml. Gorbatschow hat den Afghanistan-Krieg beendet. Und man kann sich kaum vorstellen, welche Leistung es war, 1989 die Soldaten in den Kasernen zu lassen und so eine Gewalteskalation zu vermeiden.

Woher kommt es, dass wir nun wieder vor einer Neuauflage des Kalten Krieges stehen?

Mit dem zeitlichen Abstand haben viele leichtfertig vergessen, wie schrecklich Kriege sind. Sie sind die größte Bedrohung der Menschheit. Der Krieg ist auch nicht vorbei, wenn der Krieg vorbei ist. Auch nach 1990 hat es keinen echten Friedensschluss gegeben, der Westen hat zu sehr gesiegt. Es fehlt ein politischer Pazifismus. Dieser muss drei Kriterien erfüllen: Man muss sich selbst entwaffnen, auch von Hass- und Feindbildern. Man muss den Gegner genau kennen, um seine Reaktionsmöglichkeit überhaupt einschätzen zu können. Schließlich muss man eine Mehrheit der öffentlichen Meinung hinter sich haben, um den Pazifismus auch durchsetzen zu können.

Alle großen gesellschaftlichen, nachhaltigen Veränderungen kamen von Pazifisten: Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela ... Sie alle haben den Hass überwunden, sie kannten ihre politischen Gegner und sie haben breite, ja sogar weltweite Zustimmung bekommen. Eine vergleichbare Figur fehlt heute, auch in den USA. Es fehlt jemand, der die Autorität hat, um die Menschen zum gewaltfreien Widerstand zu bringen und diesen durchzuhalten. Pazifismus heißt Bomben entschärfen zu können. Die Androhung von Sanktionen ist kein gewaltfreies Mittel. Sie ist Teil einer vorbereitenden Kriegspropaganda. Feindbilder werden erzeugt: Die russische, chinesische oder iranische Gefahr.

Als Sie bei den Grünen prägend waren, war die Friedensbewegung der treibende Faktor der jungen Partei. Es war der Kampf gegen die Pershing-Raketen der Amerikaner in Deutschland. Was haben die Grünen damals anders gemacht als heute?

Wir haben gegen den Nato-Doppelbeschluss gekämpft. Es ging aber auch gegen die russischen SS-20. Wir hatten Partner jenseits des Eisernen Vorhangs. Wir wollten die Konfrontation der Blöcke von unten her überwinden. Auch bei uns sind unglaubliche Dinge geschehen: Willy Brandt kam eines Tages aus der SPD-Zentrale in Bonn und hat sich in den Demonstrationszug eingegliedert, das war die reale Verbindung von Entspannungspolitik und Friedensbewegung. Wir wollten in den 1980er-Jahren eine neue blockübergreifende Friedensordnung in Europa. Wir haben schon mit Gorbatschow geredet, als er von der offiziellen Politik noch als „neuer Goebbels“ verhöhnt wurde. Die Grünen haben so mögliche Konfliktfelder antizipiert. Heute hätten sie z. B. rechtzeitig nach Katalonien, Venezuela oder in den Iran fahren müssen, um einen Dialog zu beginnen, wo er als unmöglich erklärt wird.

Wie kamen Ihre Kontakte mit Leuten im Osten zustande?

Ich kannte viele aus dem kirchlichen Umfeld, wie den Pankower Friedenskreis. Es war die Zeit des Slogans „Schwerter zu Pflugscharen“. Wir wussten, dass es in der DDR eine Friedensbewegung gab. Wir haben auch Kontakte zu Reformern in der SED aufgenommen, wir wollten die Änderung in den Köpfen erreichen.

Mussten Sie nicht damit rechnen, dass die Kontakte von der Stasi unterwandert waren?

Natürlich wussten wir, dass die Stasi immer dabei war. In den 1980er-Jahren war es aber so, dass sich die Bürgerrechtler weniger dadurch einschüchtern ließen. Es gab mutige Leute, wie die „Frauen für den Frieden“, mit Bärbel Bohley und Ulrike Poppe. Das hat sich auf uns übertragen. Nach der Wende waren wir wohl schockiert über die Zahl der IM, aber sie konnten uns nicht aufhalten. Schwierig waren nur die vielen Einreiseverbote für die Grünen.

War man sich bei den Grünen einig über die Strategie?

Natürlich nicht. Es gab zwei Richtungen. Die einen sagten, man solle nur mit der Opposition sprechen. Die anderen waren für Gespräche auch mit den Herrschenden. Wir hielten eine reale Veränderung für möglich. So kam es 1984 zu dem Treffen mit Erich Honecker. Ich war bei diesem Treffen dabei.

Wie ist es zu diesem Treffen gekommen?

Petra Kelly und Gert Bastian wurden bei einer Demo am Alexanderplatz verhaftet. Sie wurden wieder freigelassen, aber Kelly hat gesagt, sie will mit Honecker sprechen. Und so wurden wir Grünen zu einer Diskussion in das Staatsratsgebäude eingeladen.

Wie war das Treffen?

Es war sehr eigenartig. Wir wollten damals einen Friedensvertrag von Mensch zu Mensch schließen. Wir hatten sogar einen Entwurf dabei. Wir waren so aufgeregt, dass wir den Vertrag verkehrt rum in die Kameras gehalten haben. Honecker hat kurz überlegt, ob er unterschreiben soll. Aber seine Berater um ihn herum haben darauf geachtet, dass er nicht zu weit geht mit seiner jovialen Art. Wir haben sehr offen gesprochen. Über die Bürgerrechtler im Gefängnis, über die Abrüstung. Es war ja die Zeit, in der beide Blöcke bis unter die Haarspitzen bewaffnet waren. Die Lage war wirklich gefährlich. Nach dem Treffen sind wir auf Umwegen zu einer Gruppe von Bürgerrechtlern bei Rainer Eppelmann gefahren. Wir wählten Umwege, um die Stasi abzuschütteln, das war ziemlich naiv. Als wir ankamen, waren natürlich auch Stasi-Leute dabei, die versuchten zu provozieren. Das wichtigste an dem Treffen war die Botschaft, wir reden nicht nur mit den Herrschenden.

Warum hat Honecker dem Treffen zugestimmt?

Er hat das mediale Interesse genossen, wie auch später bei seinem Treffen mit Helmut Kohl.

Wurden Sie im Westen angefeindet wegen der Aktion?

Selbstverständlich, wir wurden als die „fünfte Kolonne Moskaus“ bezeichnet. Seit 1948 waren alle Wahlkämpfe in West-Deutschland von Antikommunismus und antirussischen Ressentiments geprägt. Der Einsatz für den Frieden wurde als Verrat an der Freiheit diffamiert. Das historische Verdienst von Egon Bahr und Willy Brandt war, dass sie das Misstrauen unterlaufen und den Gedanken der Aussöhnung durchgesetzt haben.

Hat es Sie gestört, als die „fünfte Kolonne Moskaus“ beschimpft zu werden?

Es war uns ähnlich egal wie den Bürgerrechtlern im Osten die Stasi egal war. Heute haben viele das Gefühl, dass sie politisch immer verlieren. Damals wussten wir, wir haben ein 50-Prozent-Chance zu gewinnen. Wir wurden diffamiert, aber wir haben uns nie als Opfer gefühlt. Wir haben uns als Vorreiter einer neuen Politik verstanden.

Die Diffamierung hat Sie nicht überlegen lassen, ob Sie weiterkämpfen sollen?

Ich habe Ja gesagt, es hat uns nicht gestört. Warum fragen Sie das zweimal?

Weil man heute auch diffamiert wird, wenn man den Dialog mit Russland sucht. Und weil sich heute viele genau deswegen davon abhalten lassen, das Gespräch zu suchen …

Ich weiß. Damals waren die Diffamierungen medial nicht so erfolgreich wie heute. Damals war die pazifistische Idee ein Kern der Grünen und auch mehrheitsfähig. Erst in der Ukraine-Krise haben ausgerechnet Grüne als erste Putin zum Feindbild erklärt. Für mich war das der Abschied von unseren Wurzeln. Ohne den Pazifismus hätten wir es doch nie geschafft, 1983 die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden.

War der Pazifismus auch das einigende Element der Grünen von West und Ost? Das führte ja schließlich zur Partei „Bündnis 90/Die Grünen“. Heute weiß kaum noch jemand, warum die Partei so heißt …

Die West-Grünen waren ökologisch, pazifistisch, basisdemokratisch und sozial. Der Pazifismus war bei der Bürgerbewegung im Osten am ausgeprägtesten. Er war unsere stärkste Komponente. Heute ist er unsere schwächste.

Wie kam es zum Bruch?

Der Bruch kam mit dem Krieg im Kosovo, mit dem Bielefelder Parteitag, an dem sogar Farbbeutel flogen. Damals wurden unsere beiden heiligsten Güter gegeneinander ausgespielt. Wir sollten entscheiden zwischen Menschenrechten und Friedenspolitik. Aber nicht der Pazifismus hat Srebrenica möglich gemacht, sondern das Desinteresse Europas am Schicksal Jugoslawiens und zuvor die mangelnde Unterstützung für die gewaltfreie Bewegung im Kosovo. Heute gibt es einen Menschenrechts-Bellizismus, dem geht es nicht um Menschenrechte, sondern um „regime change“.

Ich habe einmal Kevin Kühnert gefragt, warum er nicht die Entspannungspolitik als Erbe von Willy Brandt fortsetzen will. Er hat mir gesagt, wenn er dieses Thema auch nur ansprechen würde, käme es zu einer Spaltung der Jusos. Es würde seine Organisation zerreißen. Das ist absurd. Denn die Sozialdemokratie war eigentlich immer gegen den Krieg. Der Pazifismus der SPD kommt aus dem 19. Jahrhundert. Er ist in der Arbeiterbewegung entstanden. Sie war international ausgerichtet. Die Arbeiter wollten sich nicht gegeneinander aufhetzen lassen. Sie wollten dem kapitalistischen Krieg nicht ihre Söhne opfern. Wenn die Sozialdemokratie diesen Kurs durchgehalten hätte, wäre das 20. Jahrhundert wirklich das Jahrhundert der Sozialdemokratie geworden. Viele Katastrophen wären uns erspart geblieben. Pazifismus ist nicht illusionär, sondern die wirksamste politische Strategie, das ist historisch belegt.

Warum haben die Grünen ihre pazifistische DNA verloren?

Die geopolitischen Koordinaten haben sich geändert. Zur Zeit des Kalten Krieges gab es auch blockfreie Staaten, wie etwa Indien und Jugoslawien. Das war damals eine reale Alternative für viele. Diese Option haben wir auch für Deutschland vertreten. Genscher hat zu mir nach meiner ersten deutschlandpolitischen Rede im Bundestag gesagt, das sei eine Rede für die Blockfreiheit gewesen, für den „deutschen Sonderweg“. Auch andere deutsche Politiker haben manchmal an blockübergreifende Lösungen gedacht, von Willy Brandt bis Helmut Kohl. Sie wollten nur nicht offen darüber reden. Wir Grünen waren Grenzgänger und Fährtensucher, auch bei der zukünftigen Rolle Europas. Europa stand traditionell für die „balance of power“. Dieser Ausgleich könnte auch unser Beitrag in der heutigen Weltpolitik sein. Doch seit der Ära Merkel sind die Deutschen die Musterschüler der westlichen Überlegenheit.

Berliner Zeitung: Sehen Sie heute bei den Grünen einen Politiker oder eine Politikerin, die an diese pazifistische Tradition anknüpfen könnte?

Antje Vollmer: ... (denkt lange nach und schweigt)