DDR-Grenzsoldaten stehen in der Abenddämmerung.
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5. Februar, Treptow, Baumschulenweg: Der 20 Jahre alte Chris Gueffroy wird bei einem Fluchtversuch von Grenztruppen erschossen.

3. April, Grenzkommando Pätz: „Seit dem 3.4.1989 wurden nach mündlicher Beauflagung durch den amtierenden Minister für Nationale Verteidigung, Generaloberst Streletz, … alle unterstellten Verbände… gegen 19 Uhr mündlich angewiesen, die Schusswaffe im Grenzdienst zur Verhinderung von Grenzdurchbrüchen nicht anzuwenden. Nur bei Bedrohung des eigenen Lebens darf die Schusswaffe eingesetzt werden. Diese Befehlsgebung ist am 4.4.1989 bis zum Grenzposten bekanntgemacht worden und wird praktiziert.“ (Niederschrift vom 12.4.1989)

21./22. April, Peking: Massendemonstrationen in China, Studenten fordern die Freiheit, die Staats- und Parteiführung zu kritisieren, und das Recht, unabhängige Interessenvertretungen zu bilden. Die Staatsführung geht brutal gegen die Demonstranten vor. Über zweitausend Menschen sterben.

28. April, MfS-Zentrale, Lichtenberg: „Ich will euch überhaupt einmal etwas sagen, Genossen: Wenn man schon schießt, dann muss man es so machen, dass nicht der Betreffende noch wegkommt, sondern da muss er eben dableiben bei uns. Ja, so ist die Sache! Wat is denn das, 70 Schuss loszuballern, und der rennt nach drüben, und die machen ’ne Riesenkampagne… Wo noch etwas mehr revolutionäre Zeiten waren, da war es nicht so schlimm. Aber jetzt, nachdem so neue Zeiten sind, den neuen Zeiten muss man Rechnung tragen. Das war es, was ich euch mit auf den Weg geben wollte.“ (Minister Erich Mielke)

8. Juni, Volkskammer: Alle Parteien, auch die Ost-CDU und LDPD, stimmen für eine einstimmig angenommene Erklärung zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens: „Die Abgeordneten der Volkskammer stellen fest, dass in der gegenwärtigen Lage die von der Partei- und Staatsführung der Volksrepublik China beharrlich angestrebte politische Lösung innerer Probleme infolge der gewaltsamen, blutigen Ausschreitungen verfassungsfeindlicher Elemente verhindert worden ist. Infolgedessen sah sich die Volksmacht gezwungen, Ordnung und Sicherheit unter Einsatz bewaffneter Kräfte wieder herzustellen. Dabei sind bedauerlicherweise zahlreiche Verletzte und auch Tote zu beklagen.“

18. Juni, Polen: Freie Wahlen, Sieg von Solidarnosc

31. August, MfS-Zentrale, Lichtenberg: Dienstbesprechung bei Mielke: „Wie schätzt Ihr die Gesamtlage ein?“

Geraer Bezirkschef: „Genosse Minister, ich würde sagen, natürlich ist die Gesamtlage stabil. Aber diese Tendenzen im gesamten Diskussionsgeschehen, die da betreffen die Ungarnprobleme, die maßgeblichen Verbleiber, die hohe Anzahl der Verbleiber, das stimmt einerseits doch viele auch progressive Kräfte nachdenklich, vor allem auch im Hinblick auf die Konsequenzen.“

Mielke: „Ist es so, dass morgen der 17. Juni ausbricht?“

Geraer Bezirkschef: „Er ist morgen nicht, der wird nicht stattfinden, dafür sind wir ja auch da.“

11. September, Ungarn/Österreich: Die Grenze zu Österreich wird von der ungarischen Regierung für DDR-Bürger geöffnet.

29./30. September, China: Egon Krenz, Honeckers Stellvertreter, betont bei einem Besuch anlässlich des 40. Geburtstags der Volksrepublik, Klassensolidarität sei für die Kommunisten der DDR „eine Sache der Klassenehre und Klassenpflicht“. Man stehe „auf der Barrikade der sozialistischen Revolution“ dem gleichen Gegner gegenüber. Der Chef der Kommunistischen Partei Chinas, Jiang Zemin, bedankt sich bei Krenz „für die Gefühle brüderlicher Verbundenheit“. Die DDR-Opposition interpretiert das als Hinweis, dass auch die DDR Machthaber eine „chinesische Lösung“ wollen.

2. Oktober, Leipzig: 20 000 Teilnehmer bei der Montagsdemonstration. Ein Teilnehmer erinnert sich: „Als die Polizisten den Lautsprecher einschalteten und sagten: ’Hier spricht die Volkspolizei’, antwortete die Menge: ’Wir sind das Volk’. Das ist der Tag, an dem zum ersten Mal der Spruch „Wir sind das Volk“, und zwar gerichtet an die Volkspolizei, gerufen wird.

Der überwiegende Teil der Genossen ist der Meinung, dass […] wir aber nicht in der Lage sind, das politische Problem zu lösen.

Ein Kommandeur über Stimmungen der Angehörigen der 5. Volkspolizei-Bereitschaft

3. Oktober,   Leipzig: „In Gesprächen wird jedoch immer wieder deutlich, dass es gegenüber diesen Einsätzen eine große Abneigung gibt. Der überwiegende Teil der Genossen ist der Meinung, dass es uns eventuell gelingen wird, die ungesetzlichen Versammlungen zu zerschlagen, wir aber nicht in der Lage sind, das politische Problem zu lösen.“ Ein Kommandeur über Stimmungen und Meinungen der Angehörigen der 5. Volkspolizei-Bereitschaft nach dem Einsatz im Zentrum Leipzigs.

4. Oktober, Leipzig: „Die Festgenommenen mussten auf dem Boden des LKW, mit Händen hinter dem Nacken verschränkt, aneinander gepfercht sitzen. […] Nachdem ich den LKW verlassen hatte (unter Anwendung des Schlagstocks), wurden ich und die anderen gegen ein Stahltor gedrückt, wo wir ca. 60 bis 90 Minuten mit der Stirn an die Stahltür gelehnt – wiederum die Hände im Nacken verschränkt, Beine breit auseinander gewinkelt – stehen mussten. Danach wurden wir in eine Garage gezerrt […]. Ein VP-Angehöriger saß an einem Tisch, und ca. 10 VP-Angehörige (Volkspolizei, d. Red.) liefen zwischen den Festgenommen hin und her und provozierten.“ (Bericht eines Demonstranten)

4./5. Oktober, Dresden: Vier Züge mit ausreisewilligen DDR-Bürgern werden über den Dresdener Hauptbahnhof in den Westen geleitet. Vor dem Bahnhof sammeln sich Tausende von Menschen. „Am 05.10. 1989 gegen 00.15 Uhr meldete mir der Kommandeur der 7. Panzerdivision die Bereitschaft der drei Hundertschaften in Dresden. Dieser Einsatz erfolgte noch unter Mitnahme der persönlichen Waffe. Bereits im Verlaufe des 05.10.1989 wurde befohlen, dass zukünftige Einsätze von Hundertschaften der NVA ohne Waffen zu erfolgen haben. Von den 27 Hundertschaften, die im Herbst 1989 im Militärbezirk III aufgestellt wurden, waren nur drei mit Schlagstöcken der Volkspolizei ausgestattet“ (Generalmajor a. D. Klaus Wiegand, Chef des Militärbezirkes III)

6. Oktober, Leipzig: „Die Angehörigen der Kampfgruppenhundertschaft „Hans Geiffert“ verurteilen, was gewissenlose Elemente seit einiger Zeit in der Stadt Leipzig anstellen…Wir sind bereit und Willens, das von und mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen, um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand!“ (Aus der Leipziger Volkszeitung)

7. Oktober, Leipzig: „Alles was sein Haupt erhebt für mehr Meinungsfreiheit, Demokratie … ist in der Endkonsequenz staatsfeindlich! […] Wer Straßenbahnen anzündet, gegen VP vorgeht, hat mit Reformen nichts im Sinn, der will dem Sozialismus an den Hals. Die am Montag stehen auf der falschen Seite, wer glaubt, jetzt noch große Differenzierungen anzustellen, der täuscht sich. Es gilt das alte Sprichwort: Mit gefangen, mit gehangen!“ (Heinz Fröhlich, Erster Sekretär der SED-Leitung, Leipzig-Mitte)

8. Oktober, Berlin/Leipzig: Gespräch zwischen dem Leipziger Chef der Stasi, Manfred Hummitzsch und MfS-Minister Mielke. „Wenn keine Formierung [zu einer Demonstration], dann was machen? Wird Blut fließen? Kein Waffeneinsatz.“ „Kein Waffeneinsatz“ wurde doppelt unterstrichen. (Notiz Mielke)

8. Oktober, Berlin: Egon Krenz verschickt im Auftrag von Honecker ein Fernschreiben an Bezirksleitungen der SED: „Im Verlauf des gestrigen Tages kam es in verschiedenen Bezirken […] zu Demonstrationen, die gegen die verfassungsmäßigen Grundlagen unseres sozialistischen Staates gerichtet waren. […] Vor allem in Dresden, Plauen und Leipzig trugen sie den Charakter rowdyhafter Zusammenrottungen und gewalttätiger Ausschreitungen, die unsere Bürger in höchstem Maße beunruhigen. […] Es ist damit zu rechnen, dass es zu weiteren Krawallen kommt. Sie sind von vornherein zu unterbinden.“

9. Oktober, Leipzig:   „Die Konterrevolution ist auf der Straße. Mit ihr ist ein für alle mal Schluss zu machen. – Das heißt ganz eindeutig: Gewalt anwenden.“ (SED-Bezirkssekretär Kurt Meyer)

Am Abend demonstrieren 70 000 Menschen in Leipzig. Danach bilanziert das MfS 3 800 Verhaftungen, 745 Verfahren, 700 Ordnungsstrafen und 1 800 Belehrungen – aber kein Schuss fällt.

10./11. Oktober, Berlin: Erich Honecker auf einer Sitzung des Politbüros: „Bei allen komplizierten Fragen: Entschlossenheit im ideologischen Kampf für den Sozialismus gegen die Konterrevolution… Die Konterrevolution muss bekämpft werden. Gewaltmonopol hat auch bei uns der Staat. Wenn notwendig, muss von der Macht Gebrauch gemacht werden… Dieser BRD ist alles zutrauen. Wenn wir die Verbindungen abschneiden, wird uns die BRD kritisieren… Kohl: Wenn DDR Reformen macht – Geld! Frankreich: Niemand ist Befürworter der Wiedervereinigung. Wenn DDR zur BRD käme, ist Großdeutschland wieder da! Unten sieht Realität anders aus, als man oben drüber redet.“ (Persönliche Aufzeichnungen von Gerhard Schürer, Chef der Plankommission)

12. Oktober: „Der Sozialismus braucht jeden. Er hat Platz und Perspektive für alle. Er ist die Zukunft der heranwachsenden Generationen. Gerade deshalb lässt es uns nicht gleichgültig, wenn sich Menschen, die hier arbeiteten und lebten, von unserer Deutschen Demokratischen Republik losgesagt haben. …. Die Ursachen für ihren Schritt mögen vielfältig sein. Wir müssen und werden sie auch bei uns suchen, jeder an seinem Platz, wir alle gemeinsam.“ (Erklärung des Politbüros)

16. Oktober, MfS-Zentrale, Lichtenberg: „Heute Abend finden in der Nikolaikirche in Leipzig wieder das sogenannte „Montagsgebet“ und in diesem Zusammenhang ähnliche Veranstaltungen in vier weiteren Kirchen statt. Erneut ist mit der Teilnahme einer großen Personenzahl an diesen Veranstaltungen zu rechnen. […] Trotz der eingeleiteten vorbeugenden Maßnahmen besteht die Gefahr, dass es dennoch zu gewaltsamen Ausschreitungen bzw. zu Gewalthandlungen kommt. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass ein direkter Einsatz polizeilicher Kräfte und Mittel nur dann erfolgt, wenn Personen oder Objekte angegriffen bzw. andere schwere Gewalthandlungen inszeniert werden.“ (Funkspruch an alle Bezirksverwaltungen)

17. Oktober, Berlin: „Lage sehr sehr ernst. Wir werden auch als Politbüro angegriffen. Mut, rechtzeitig was zu sagen. Bedenken: Viele haben Vorschläge gehabt. Die Bevölkerung erwartet Antwort. Es geht um die Macht. Ein Teil der Dinge ist Feindtätigkeit. Während wir sitzen, hat sich die Lage schon verändert… Honecker soll nicht nach Erklärungen suchen, sondern den Vorschlag von Stoph akzeptieren. Wir haben vieles mitgemacht. Wir können doch nicht anfangen, mit Panzern zu schießen.“ (Mielke bei Politbüro-Sitzung). Am 18. Oktober verkündet Erich Honecker seinen Rücktritt.

21. Oktober, Berlin:   „Ich würde am liebsten hingehen und diese Halunken zusammenschlagen, daß ihnen keine Jacke mehr paßt. Ich war 1953 verantwortlich hier in Berlin. Ich bin als Jungkommunist nach Spanien und habe gegen die Halunken, gegen dieses faschistische Kroppzeug gekämpft. […] Mir braucht keiner zu sagen, wie man mit dem Klassenfeind umgeht. Ich hoffe bloß, daß Ihr das genau wißt. Umzugehen, schießen, liebe Genossen, und daß die Panzer vor der Bezirksleitung und dem ZK stehen, das wäre noch die einfachste Sache. Aber solche eine komplizierte Situation nach 40 Jahren DDR?“ (Dienstbesprechung des Innenministers, Friedrich Dickel, mit den Chefs der Volkspolizei)

1. November, Moskau: Der neue Staats- und Regierungschef der DDR, Egon Krenz, besucht KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow.

3. November, Berlin: „Die Anwendung der Schusswaffe im Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten.“ (BEFEHL Nummer 11 / 89 des Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates der Deutschen Demokratischen Republik, Krenz.)

4. November, Alexanderplatz: Hunderttausende demonstrieren für Rede- und Pressefreiheit sowie Reformen.

9. November, Berlin, 18 Uhr: Pressekonferenz mit Günther Schabowski über ein neues, gelockertes Reisegesetz. Auf Nachfrage eines Journalisten, ab wann das gilt, sagt er: „Das tritt meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich.“

9. November, Berlin, 23:30 Uhr: „Wir fluten jetzt“ (MfS-Oberstleutnants Harald Jäger, Leiter des Grenzübergangs Bornholmer Straße.) Damit ist die Mauer offen.

Ein Trabbi wird an der Deutsch-Deutschen Grenze von Menschen begrüßt.
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9. November, Berlin: „Meine Stellvertreter und die Kommandeure der Grenzregimenter haben durchzusetzen, dass die Menschen- und Fahrzeugströme in geordnete Bahnen gelenkt, Unfälle verhindert, jegliche Konfrontation mit der Bevölkerung vermieden und taktische Handlungen unterlassen werden. Mögliche Verletzte infolge des Gedränges sind zügig zu bergen und ihr Abtransport in das VP–Krankenhaus sicherzustellen. Die Anwendung der Schusswaffen ist grundsätzlich verboten. Konzentration ist zu legen auf den Schutz des Lebens der eingesetzten Grenzsicherungskräfte und die Sicherung wichtiger Objekte (Bewaffnung, Munition, Kampftechnik). Das Aufstellen und Formieren von Marschkolonnen (... Artillerie oder Kampftechnik) bzw. ein Verlassen der Objekte ist streng verboten. Aktive taktische Handlungen sind nur auf Weisung des Kommandeurs des Grenzkommandos einzuleiten und durchzuführen.“ Notiz von Heinz Geschke, Oberst der Grenztruppen.