Nehmen Abiturienten Realschülern die Ausbildungsplätze weg? Quatsch!

Die Ergebnisse des „Ausbildungsmonitors 2023“ sind da und immer mehr Abiturienten absolvieren eine Ausbildung. Werden Realschüler bald keinen Platz mehr finden?

Immer mehr Abiturienten entscheiden sich für eine Ausbildung.
Immer mehr Abiturienten entscheiden sich für eine Ausbildung.imago

Abiturienten verdrängen Realschüler vom Arbeitsmarkt. Das berichteten zumindest Nachrichtenportale wie Welt oder auch Spiegel.

Anlass zur Sorge gab eine Studie des Forschungsinstituts für Bildung- und Sozialökonomie (FiBS), die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erhoben wurde. Auf 60 Seiten wird die momentane Lage für Auszubildende geschildert – es sieht nicht gut aus. Vor allem für Real- und Hauptschüler. 

Die Autoren der Studie machen darauf aufmerksam, dass in den vergangenen Jahren die Zahl an unterschriebenen Ausbildungsverträgen stetig abnimmt.

Im Zeitraum von 2007 bis 2021 konnte ein Rückgang von mehr als zehn Prozent festgestellt werden. Wie passt das alles zu der Annahme, dass Abiturienten in Zukunft Realschülern den Ausbildungsplatz streitig machen? Die IHK bezieht Stellung und widerspricht dieser Annahme entschieden.

Die Akademisierung hat ein Ende

Tatsächlich entscheiden sich immer mehr Abiturienten gegen ein Studium und für eine Ausbildung, nach Angaben der Studie knapp die Hälfte aller Abiturabsolventen. Angesichts des Fachkräftemangels lässt sich hierbei wohl von einer positiven Entwicklung sprechen. Zudem war in der Vergangenheit oftmals die Rede von einer „Akademisierung Deutschlands“ und viele kleine Betriebe schlugen Alarm, da es ihnen an Auszubildenden fehlte.

Auf Anfrage bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) wurde der Berliner Zeitung mitgeteilt, dass sich diese Situation auch bisher nicht verbessert habe. Stefan Spiker, IHK-Vizepräsident: „Wir haben Tausende unbesetzte Ausbildungsplätze, Unternehmen suchen händeringend nach Nachwuchs.“ In keiner Weise könne man davon sprechen, dass freie Ausbildungsplätze geklaut werden. Die Realität sieht ganz anders aus – bis heute sind in Berlin mehr als 13.000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Teilweise müssen sich Betriebe ihre Auszubildenden teilen, um rechtliche Vorgaben einhalten zu können.

IHK: Millionenprojekt soll die Lücke der offenen Stellen schließen

Ein weiteres Argument ist, dass sich die steigenden Qualifikationsanforderungen ebenfalls negativ auf die Chancen der Realschulabsolventen auswirken. Die IHK kann dies einerseits bestätigen. In manchen Arbeitsbereichen haben sich die Anforderungen und Arbeitsweisen aufgrund der Digitalisierung tatsächlich verändert. Andererseits hängt die Höhe des Tätigkeitsanspruchs auch immer mit der jeweiligen Arbeit zusammen. Eine Pauschalisierung ist in diesem Zusammenhang nicht möglich.

Zudem wirbt die IHK aktiv für duale Ausbildungsplätze, startete im vergangenen Jahr ein Millionenprojekt, dass sich speziell an Jugendliche richtet. Durch das Projekt sollen potenziell Auszubildende bereits in der Schule mithilfe von berufsorientierenden Maßnahmen gewonnen werden. Welcher Schulabschluss angestrebt wird, ist dabei nicht von Bedeutung. Die IHK sagt: „Allein daran kann man vielleicht auch ablesen, dass die Lage auf dem Ausbildungsmarkt nicht so ist, dass hier irgendjemand jemand anderem etwas wegnimmt.“

Das eigentliche Problem am Arbeitsmarkt: mangelnde Bildung

Doch was ist das eigentliche Problem und wieso bleiben so viele Stellen unbesetzt? Stefan Spiker: „Das Problem liegt an anderer Stelle: der mangelnden Qualität der Bildung an Schulen. 27 Prozent der Berliner Grundschüler erreicht am Ende der vierten Klasse nicht die Mindestanforderungen beim Lesen, 46 Prozent erfüllen nicht die Mindestansprüche bei der Rechtschreibung. Viele Unternehmen übernehmen Verantwortung und bieten Nachhilfeunterricht und Sprachkurse für ihre Azubis an, aber sie können nicht alles reparieren, was an der Schule beim Bildungsauftrag versäumt wird.“

Diese Problematik wird in der veröffentlichten Studie auch angesprochen. Den Autoren ist klar, dass es vor allem Personen ohne Schulabschluss auf dem Arbeitsmarkt schwer haben. Dietmar Dohmen, Direktor des FiBS: „Viel zu viele Jugendliche gehen auf dem Ausbildungsmarkt leer aus oder fallen ganz aus dem System. Wir müssen die Integrationsfähigkeit des Ausbildungssystems wieder deutlich erhöhen.“ Eine enge Zusammenarbeit mit den Bildungseinrichtungen, wie es beispielweise das IHK anstrebt, könnte einen positiven Effekt erzielen.